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„Opfer haben ein Recht auf Anonymität“

Die Anonymität von Opfern sexueller Gewalt soll gewahrt werden. APA/Jan-Philipp Strobel/Symbolbild
Die Anonymität von Opfern sexueller Gewalt soll gewahrt werden.

Die am Montag veröffentlichten mutmaßlichen Pläne des Innenministeriums legen den Polizeiinspektionen nahe, künftig Berichte über in der Öffentlichkeit begangene Sexualdelikte "proaktiv auszusenden". Wieso diese Maßnahme Opfern mehr schaden als helfen könnte, erklären Psychologin Andrea Laher vom Frauennotruf Salzburg und Thomas Lehmert, der Landesstellenleiter des Weißen Ringes Salzburg, im S24-Gespräch. 

Den Opferschutz in seiner heutigen Form gibt es in Österreich seit 2004. „Dieser umfasst die Betreuung vor Gericht sowie psychologische Hilfe“, erklärt Lehmert. Auch die Anonymität der Opfer soll gewahrt werden. „Menschen, die Opfer von Sexualdelikten geworden sind, können bei uns anonym anrufen und den Vorfall schildern. Sie müssen dabei auch nicht explizit den Tätern nennen, wenn sie nicht wollen“, berichtet Laher.

Opferschutz bietet Beistand auf mehreren Ebenen

Mit der aktuellen Form des Opferschutzes sei Österreich international „führend“, wie der Landesstellenleiter sagt. So gibt es bei Gerichtsprozessen die Möglichkeit einer gesonderten Einvernahme des Opfers, der komplette Parteienverkehr werde von einer sozialen Einrichtung wie dem Frauennotruf oder dem Weißen Ring übernommen, womit die Aufenthaltsadresse des Opfers anonym bleiben kann. Ebenfalls Teil des Opferschutzes ist psychologischer Beistand. Die Kosten trägt der Staat. Wünschen würde sich Lehmert indes, dass die Opfer von der Polizei dezidiert an soziale Einrichtungen wie den Frauennotruf oder den Weißen Ring verwiesen werden.

Experten verstehen Weisung des Innenministeriums nicht

Den Opferschutz konterkarieren könnten die mutmaßlichen Pläne des Innenministeriums, in denen Polizeiinspektionen angehalten werden, Sexualdelikten, die in der Öffentlichkeit begangen werden und bei denen keine Verbindung zwischen Täter und Opfer besteht, künftig mehr Aufmerksamkeit zu schenken und Berichte dazu auszusenden. Eine Empfehlung, die bei Laher wie Lehmert auf Unverständnis stößt: „Man sollte bei der Berichterstattung keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Arten von Verbrechen machen“, fordert die Psychologin.

Kein Grund für Sonderbehandlung von Sexualdelikten

Wieso gerade in der Öffentlichkeit begangene Sexualdelikte eine Sonderbehandlung erfahren sollen, erschließt sich den Experten nicht: „Womöglich soll so ein stärkerer Fokus auf diese Art des Verbrechens gelegt werden“, mutmaßt Lehmert. Die Zahl der Sexualdelikte seien in Salzburg in den vergangenen Jahren auf jeden Fall nicht gestiegen. „Es gibt jedoch den Trend, dass sich mittlerweile mehr getraut wird, Sexualdelikte anzuzeigen.“Würde eine bestimmte Gegend bei der Berichterstattung über Sexualdelikte vermehrt als Tatort genannt werden, würde das die Menschen möglicherweise sensibleren und in der Nähe dieses Ortes vorsichtiger sein, vermutet indes Laher.

Anonymität in Salzburg Stadt größer

Helfen würde den Opfern eine breitere Berichterstattung über Sexualdelikte nicht. „Opfer haben ein Recht auf Anonymität“, stellt die Psychologin klar. Durch die Berichterstattung über die Verbrechen kann diese möglicherweise nicht gewahrt werden – auch wenn keine genaueren Personenangaben gemacht werden. „In der Stadt Salzburg ist die Anonymität ungleich größer als am Land“, weiß die Expertin. Daher würden schon wenige Details in der Berichterstattung reichen, um die Anonymität eines Opfers aufzudecken. Sowohl Laher als auch Lehmert kennen solche Fälle. „Daraufhin wurde das Opfer und dessen Familie mehrmals kontaktiert, weil jeder im Ort wissen wollte, was denn los sei und ob die Berichte stimmen würden“, erinnert sich Laher. „Wird die Anonymität nicht gewahrt, ist das oft eine Katastrophe für das Opfer“, weiß Lehmert.

Aufgerufen am 12.12.2018 um 06:51 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/stadt/opfer-haben-ein-recht-auf-anonymitaet-60288424

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