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Sonntags-Talk

"Mitleid hilft dem Opfer nicht"

Opferhelfer Thomas Lehmert im Gespräch

Angst in den eigenen vier Wänden, Schlafstörungen und andere Traumata: Wer Opfer eines Verbrechens wird, leidet in vielen Fällen lange Zeit darunter. Durch diese schwere Zeit werden Menschen von Opferschutzeinrichtungen - wie dem Weißen Ring in Salzburg - begleitet. Im Sonntags-Talk erklärt Landesstellenleiter Thomas Lehmert wieso es oft lange dauert, bis Sexualverbrechen ans Licht kommen, warum im Gerichtssaal kein Platz für Emotionen ist und wie es ihm selbst gelingt, sich von seinen Fällen abzugrenzen.

SALZBURG24: Herr Lehmert, der Weiße Ring hat vor kurzem sein 40-Jahr-Jubiläum gefeiert. Braucht es eine solche soziale Einrichtung heute mehr als damals?

THOMAS LEHMERT: Das denke ich nicht unbedingt. Die Auswirkung einer Straftat war vor 40 Jahren dieselbe. Natürlich bin ich froh, dass es heute Opferschutzeinrichtungen gibt, an die man sich wenden kann. Vor 40 Jahren wurden Opfer von Straftaten schlichtweg alleine gelassen.

Heutzutage hat Österreich ein Opferschutzgesetz, das richtungsweisend für ganz Europa ist. In diesem ist gesetzlich verankert, dass sich ein Verbrechensopfer von einer entsprechenden Einrichtung begleiten lassen kann. Der Betroffene bekommt wie ein Straftäter, der Verfahrenshilfe erhält, eine Prozessbegleitung. Die Kosten dafür werden vom Justizministerium übernommen. Zudem kann ein Opfer nun bereits bei Strafverfahren seine Ansprüche geltend machen (früher war dies nur mittels eigenem Zivilverfahren möglich, d. Red.).

Wer kann sich an den Weißen Ring wenden?

Wir vertreten Menschen, die Opfer von Gewaltdelikten wurden. Gewalt beginnt bereits mit gefährlicher Drohung und geht über Nötigung, Erpressung, Körperverletzung bis hin zu Freiheitsberaubung. Dazu können Hinterbliebene von schweren Straftaten, wie Morde, oder Fahrlässigkeitsdelikten, wie Verkehrsunfälle und Behandlungsfehler, unsere Hilfe in Anspruch nehmen. Bei Sexualverbrechen kümmert sich der Weiße Ring explizit um männliche Opfer.

Aktuell geistern mögliche Sexualverbrechen von Skilegende Toni Sailer aus den Siebzigerjahren durch die Medien. Warum dauert es bei diesen Delikten oft lange, bis die Opfer sich an die Öffentlichkeit wenden?

Das kann viele Gründe haben. Speziell bei Vorfällen, die in der Kindheit passiert sind und schon lange zurückliegen. Verbrechen hinterlassen Spuren, Menschen leiden darunter oft bis an ihr Lebensende. Die wenigsten verarbeiten einen sexuellen Missbrauch so einfach.

Beim Beispiel Toni Sailer – ohne ihn verdächtigen oder verurteilen zu wollen – war der mögliche Täter natürlich eine Person, die als großer Star in der Öffentlichkeit stand. Wem glaubte man im Jahr 1975 also eher? Einem 14-jährigen Mädchen oder dem Skistar?

Gibt es noch weitere mögliche Gründe?

Bei Sexualverbrechen kommt außerdem noch die Scham hinzu. Und selbst wenn man sich den eigenen Eltern anvertraut, heißt es oft: Das kannst du nicht sagen! Teilweise war es auch oft so, dass die Opfer unter Druck gesetzt wurden.

Oft kommt es auch zur Täter-Opfer-Umkehr in der Frage, wer die Verantwortung für das Verbrechen trägt. Hätte das Mädchen nicht so einen kurzen Rock angezogen, wäre es nicht vergewaltigt worden. Aber sie hat ja nicht gesagt: Bitte vergewaltige mich. Ein Erwachsener – um beim Sailer-Beispiel zu bleiben – hat von einem 14-jährigen Mädchen schlicht die Finger zu lassen.

Thomas Lehmert arbeitet seit zehn Jahren für den Weißen Ring. /SALZBURG24/Posani Salzburg24
Thomas Lehmert arbeitet seit zehn Jahren für den Weißen Ring. /SALZBURG24/Posani

Finden Sexualverbrechen gegen Männer vorwiegend innerhalb der Familie oder in der Öffentlichkeit statt?

Üblicherweise kennen sich Opfer und Täter bei solchen Delikten. Die meisten Fälle, die wir vertreten, sind im Familienbereich passiert. Sexueller Missbrauch passiert aber nicht nur in Familien, sondern oft sind die Täter auch Menschen, denen junge Burschen oder Mädchen anvertraut wurden. Das kann in Sportvereinen oder in anderen Einrichtungen passieren.

Bei Sexualdelikten gegenüber Männern erleben wir häufig, dass sich der Täter nicht nur einmal, sondern mehrmals vergangen hat. Ringt sich ein Opfer zur Anzeige durch, ermutigt das oft andere, nachzuziehen. Generell habe ich das Gefühl, dass Sexualstraftaten heutzutage einfach mehr in der Öffentlichkeit stehen. Sexueller Missbrauch innerhalb der Familie ist, anders als vielleicht noch in den Siebzigern, kein Tabuthema mehr. Daher ist auch die Bereitschaft, Anzeige zu erstatten, höher.

Welche konkreten Hilfestellungen umfasst der Opferschutz?

Es gibt eine Prozessbegleitung in juristischer und psychosozialer Form. Der Jurist befasst sich mit gerichtlichen Aufgaben. Meine Aufgabe beim Weißen Ring ist die des psychosozialen Begleiters. Dieser informiert die Opfer, wie ein Strafverfahren abläuft. Für die Opfer stellt ein Gerichtsprozess eine große Herausforderung dar. Es ist wichtig zu wissen, was auf sie zukommt, wer ihnen welche Fragen stellen wird und worauf sie antworten müssen und worauf nicht.

Hinterbliebene muss ich auf den belastenden Teil der Gerichtsverhandlung vorbereiten. Dort wird der Gerichtsmediziner penibel über den Tathergang berichten. Womöglich werden dazu noch Bilder gezeigt. Oft sitzen Eltern im Gerichtssaal zusammen mit jener Person, die angeklagt wird, deren Kind getötet zu haben. Natürlich würden diese dem Angeklagten am liebsten an die Gurgel gehen. In einer Gerichtsverhandlung ist aber kein Platz für die Emotionen der Hinterbliebenen. Zudem gibt es in den meisten Fällen kein umfassendes Geständnis. Viele Hinterbliebene wünschen sich aber Antworten.

Was für Rechte hat das Opfer bei Gericht?

Das Opfer hat volle Akteneinsicht, kann also nachschauen, was es bei der Einvernahme durch die Polizei gesagt hat. Das ist wichtig, um sich bei der Gerichtsverhandlung später nicht in Widersprüche zu verstricken. Dort wird es nämlich nach Punkt und Beistrich befragt, was es damals bei der Einvernahme ausgesagt hat. Wenn diese etwa schon drei Jahre zurückliegt, wünsche ich jedem viel Spaß, sich daran genau zu erinnern. Der Beschuldigte hat ja ebenfalls Akteneinsicht.

Welche Verbesserungen wünschen Sie sich beim Opferschutz?

Ich würde mir wünschen, dass es auch für Einbruchsopfer eine Prozessbegleitung gibt. Einbruchsopfer leiden ebenfalls oft an den Folgen des Verbrechens. Man muss sich vorstellen, dass jemand in meinen Privaträumen war und in meinen intimsten Sachen gewühlt hat. Da geht es oft um einfache Dinge, wie das Bild vom Enkel, das achtlos auf den Boden geschmissen wurde. Oder Unterwäsche: Der Einbrecher hat das Kleidungsstück in seinen Fingern gehabt, das kann ich nicht mehr anziehen. Das geht bei manchen Menschen so weit, dass sie sich in ihrer Wohnung so unwohl fühlen, dass sie dort nicht mehr leben wollen und diese dann verkaufen. Das Problem dabei ist: Die Traumatisierung nimmt das Opfer auch bei einem Umzug mit.

Sie sind regelmäßig mit schlimmen Geschichten konfrontiert. Wie grenzen Sie sich ab?

Einerseits helfen mir 35 Jahre Berufserfahrung, andererseits viel Selbstreflektion. Was halte ich aus und was nicht? Wenn ich in einem Fall möglicherweise emotional selbst zu belastet bin, kann es passieren, dass ich zu sehr mit den Betroffenen mitleide. Mitleiden hilft dem Opfer aber nicht. Da muss ich den Fall dann weitergeben.

Zudem nehme ich regelmäßig Supervision in Anspruch, das heißt, ich begebe mich zu einem Psychotherapeuten, sobald ich merke, dass ich durch einen bestimmten Fall besonders belastet bin. Mit ihm reflektiere ich dann gemeinsam, wovor ich mich in Zukunft schützen muss. Schlimm ist es, wenn ich nicht mehr abschalten kann und die Fälle mit nach Hause nehme.

Wann sehen Sie Ihre Mission als „erfüllt“ an?

Grundsätzlich endete die Prozessbegleitung mit dem Gerichtsurteil. Natürlich werden wir Leute, die auch danach noch Fragen haben, nicht wegschicken.

Für mich persönlich: Wenn ich das Gefühl habe, dass ich das Beste gegeben habe, ich Vertrauen zu einer Person aufbauen konnte und im Idealfall wenn sich jemand einfach für eine Begleitung bedankt. Natürlich kann man es nicht immer allen Recht machen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Verbrechensopfer können sich österreichweit rund um die Uhr unter dem Opfernotruf 0800 112 112 melden.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: SALZBURG24)

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