Jetzt Live
Startseite Stadt
Stadt

Pflegenotstand in Salzburg: "Für das Menschliche bleibt keine Zeit"

Der Pflegenotstand ist laut Pflegerin Haitzmann längst Realität. (Symbolbild) APA/HELMUT FOHRINGER
Der Pflegenotstand ist laut Pflegerin Haitzmann längst Realität. (Symbolbild)

In der Pflege fehlen Personal, Geld und Struktur: Diesen Befund stellt die SPÖ-Salzburg am Dienstag in einer Pressekonferenz aus. Chef Walter Steidl erklärte, welche Maßnahmen Abhilfe schaffen könnten und was eine "Pflege-Million" bewirken könnte. Wie prekär die Verhältnisse wirklich sind, schilderte Nadja Haitzmann, die als mobile Pflegerin der Volkshilfe tagtäglich im Pinzgau unterwegs ist.

Je nach Planung betreut Haitzmann, die ebenso Betriebsratsvorsitzende der Volkshilfe Salzburg ist, bis zu zehn Patienten am Tag. Für jeden Besuch hat sie zwischen 30 und 60 Minuten Zeit. Auch die Dokumentation muss in der Betreuungszeit erledigt werden. Kommt es zu Zwischenfällen und Haitzmann muss länger bleiben, „dann mache ich das in meiner Freizeit.“ Zeitdruck und Stress sowie körperliche Anstrengung sind für die diplomierte Pflegerin seit sechs Jahren Alltag: „Abschalten ist nicht möglich, man nimmt die Arbeit immer mit nach Hause. Da muss auch die Familie mitmachen, sonst funktioniert das nicht“, weiß sie aus Erfahrung. In der mobilen Pflege arbeite man am Limit: „Es tut weh, wenn man aus Personalnot nicht helfen kann. Für das Menschliche bleibt keine Zeit mehr.“

Größter Pflegedienst sind Angehörige

Nicht nur professionelle Pfleger sind immer häufiger überlastet, auch die Angehörigen. Diese sind laut SPÖ-Chef Walter Steidl der größte Pflegedienst im Bundesland. Zahlen des Sozialministeriums aus dem Jahr 2011 zeigen, dass 53 Prozent der Pflegebedürftigen zuhause von Angehörigen betreut werden. Insgesamt sind in Österreich 801.000 Menschen täglich in die Pflege eines Verwandten involviert, stellte das Sozialministerium im August fest.

Pflegebed?rftige in ?sterreich Salzburg24
Pflegebed?rftige in ?sterreich

Thöny: "Pflegende Angehörige sind sehr aufopfernd"

Bei Barbara Thöny, Landtagsabgeordnete der SPÖ, ist Pflege ebenfalls Familiensache. Seit vier Jahren wohnt sie mit ihrem Großvater in der „Opa-WG“. Zuvor hatte der Großvater selbst die Oma gepflegt, nach ihrem Tod fürchtete er sich vor allem nachts alleine im Haus. „Wir haben ein Not-Telefon eingerichtet, auf dem er mich jederzeit erreichen konnte. Das hat er so oft gebraucht, dass ich gesagt habe: ‚Da kann ich auch gleich einziehen bei dir‘“, erzählt Thöny. Mittlerweile ist auch der Großvater auf Pflege angewiesen. Das sei zwar oft auch lustig, doch sehr fordernd und es brauche Erholungsphasen: „Pflegende Angehörige sind sehr aufopfernd. Zuzugeben, dass man Hilfe braucht, ist oft das Schwierigste“, betont sie.

Von links: Barbara Thöny (SPÖ), Walter Steidl (SPÖ) und Pflegerin Nadja Haitzmann. Foto: SPÖ Salzburg24
Von links: Barbara Thöny (SPÖ), Walter Steidl (SPÖ) und Pflegerin Nadja Haitzmann. Foto: SPÖ

SPÖ fordert "Pflege-Million"

Unterstützung für eben jene pflegenden Angehörigen ist auch eine zentrale Forderung der SPÖ. Eine Million Euro sollen in mobile Trainings- bzw. Schulungszentren investiert werden. Außerdem sollen mehr Tageszentren errichtet und eine „Urlaubs- und Erholungszeit“ für pflegende Angehörige eingeführt werden: In dieser Zeit sollen sich Fachkräfte um die Pflegebedürftigen kümmern. Finanzieren lassen würde sich das laut Steidl mit einer zweckgewidmeten Erbschaftssteuer. Eine allgemeine Pflegeversicherung, wie sie Salzburgs Finanzreferent Christian Stöckl (ÖVP) fordert, lehnt Steidl ab: „Hier zahlen wieder die Arbeitnehmer drauf.“

Gleichzeitig brauche es aber auch eine Entlastung der professionellen Pflegekräfte, fordert Steidl. Ein realistischer Personalschlüssel, bessere Arbeitszeiten und faire Entlohnung sollen dazu beitragen.

Haitzmann: "Sind mitten im Pflegenotstand"

Für Haitzmann sind wir bereits mitten im Pflegenotstand: „Burn-Out ist bei Pflegepersonal hoch im Kurs. Wir arbeiten auf minimalem Niveau und sind von ausreichender Pflege weit entfernt.“ Trotzdem würde sie sich jederzeit wieder für diesen Beruf entscheiden, in dem jeder Idealist sei. Und genau das halte das System noch am Laufen: „Solange die Pflegerinnen weiter versuchen, die Mängel selbst zu kompensieren, wird sich nichts verändern. Über kurz oder lang schaffen sie das aber einfach nicht mehr“, ist sich Haitzmann sicher.

Links zu diesem Artikel:

Aufgerufen am 14.11.2018 um 10:45 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/stadt/pflegenotstand-in-salzburg-fuer-das-menschliche-bleibt-keine-zeit-60548326

Kommentare

Mehr zum Thema