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Rechtsradikale verhindern Russlandtour von Salzburger Metalband

Christlich bewegte, rechtsradikale Aktivisten haben erfolgreich eine Russlandtournee der Salzburger Death-Metalband Belphegor verhindert: Nach einer Attacke gegen die Gruppe bereits am St. Petersburger Flughafen und zahlreichen Anzeigen wegen angeblichen Extremismus, musste die Band drei von vier in dieser Woche geplante Konzerte in Russland absagen.

Der Koordinator der christlich-rechtsradikalen Bewegung "Volkskathedrale" in St. Petersburg, Anatoli Artjuch, hatte sich generalstabsmäßig auf die Tournee von Belphegor vorbereitet. Er hatte zuvor eine Expertise zur Band in Auftrag gegeben. In den Texten der Gruppe, so heißt es im der APA vorliegenden Gutachten aus 17 Seiten, fänden sich erniedrigende Charakteristiken, negative emotionale Bewertungen und aggressive Äußerungen sowie Aufrufe zur Gewalt in Bezug auf das Christentum. Anschließend startete Artjuch eine Kampagne und erklärte, dass die "satanistische Gruppe" aus Österreich mit offenen Aufrufen zum Terror versuchen würde, die Situation in Russland zu destabilisieren.

Sänger von Belphegor am Flughafen bespuckt

Am vergangenen Dienstag, dem Tag des geplanten Konzerts in St. Petersburg, machte sich Artjuch schließlich zum lokalen Flughafen auf, um die aus Minsk anreisende Band auf seine Art zu begrüßen. Ohne Vorwarnung, so zeigt ein im Internet veröffentlichtes Video, bespuckte er den Sänger von Belphegor, Helmuth Lehner. Der 47-jährige Musiker spuckte zurück und forderte Artjuch derb auf Österreichisch auf, das Weite zu suchen.

Veranstalter sagte Konzert in St. Petersburg ab

Die Angelegenheit war damit jedoch nicht erledigt. Der spuckende Aktivist zeigte die österreichische Band bei der Staatsanwaltschaft an und drohte dem lokalen Konzertveranstalter für den Fall eines Belphegor-Auftritts in St. Petersburg mit der Schließung des Klubs. Der Veranstalter nahm die Drohung ernst und sagte ab. Artjuch ist in seiner Heimatstadt bestens vernetzt: Er ist enger Mitarbeiter des berüchtigten Lokalpolitikers Witali Milonow, der sich ebenso für eine Absage des Konzerts ausgesprochen hatte. Milonow gilt als wichtiger Vorkämpfer für vermeintliche christlich-russische Werte. Insbesondere hat er als Regionalabgeordnete der Kreml-Partei "Vereintes Russland" Gesetze initiiert, die zur Diskriminierung von Homosexuellen instrumentalisiert werden.

Mit der Absage des Auftritts in St. Petersburg war die Tournee von Belphegor praktisch beendet. Nachdem weitere christlich bewegte Rechtsradikale zu Protesten gegen die Salzburger Band aufriefen, wurden die in Krasnodar und in Jekaterinburg geplanten Konzert ebenfalls storniert. Lediglich der Moskauer Klub Volta trotzte am Mittwoch allen Drohungen und ließ die Österreicher auftreten. Ein kostspieliges Security-Großaufgebot sorgte dafür, dass keine Politaktivisten in das Konzert kamen. "Sehe ich aus wie ein christlicher Aktivist?", fragten zahlreiche abgewiesene Besucher erstaunt. Befürchtete Störaktionen blieben aus.

Belphegor sind empört

Belphegor-Sänger Helmuth Lehner wollte am Mittwoch in Moskau gegenüber der APA kein Kommentar abgeben, viele Konzertbesucher zeigten sich über die aktuellen Vorkommnisse empört. "Diese Leute, die gegen Belphegor vorgehen, sind eine Schande für Russland", sagte die Moskauerin Ejna. Keinen Zweifel ließen manche Fans aber auch daran, das sie konkret Russlands Regierende für kulturpolitische Hexenjagden auf ihre Band verantwortlich machen. So erklangen im Moskauer Klub während des völlig unpolitischen Konzerts der Österreicher plötzlich Spruchchöre, in denen just Russlands Präsident Wladimir Putin auf äußerst derbe Weise beschimpft wurde.

Kampagne gegen Death-Metalband hat Tradition

Die aktuelle Kampagne gegen die Death-Metalband aus Salzburg selbst steht in einer russischen Tradition, die Ende der 90er-Jahre ihren Anfang genommen hatte. Nach einer religionskritischen Aktion auf einer Kunstmesse war der bekannte Moskauer Aktionskünstler Awdej Ter-Oganjan 1999 aus Russland geflohen, um einer möglichen Verurteilung wegen Schürens von religiösem Hass zu entgehen. Nach Anzeigen der nun auch in der Causa Belphegor aktiven "Volkskathedrale" folgten 2005 und 2010 strafrechtliche Verurteilungen für renommierte Moskauer Kuratoren, die sich in ihren Ausstellungen mit der russischen Orthodoxie beschäftigt hatten.

Vermehrt Übergriffe in der Vergangenheit

In den vergangenen Jahren mehrten sich zudem Übergriffe von christlich-rechtsradikalen Gruppierungen, die einen politischen Rückenwind verspüren. Im August 2015 zerstörten Mitglieder einer Gruppe namens "Gottes Wille" im August 2015 in der Moskauer Manege Kunstwerke des existenzialistischen sowjetischen Bildhauers Wadim Sidur (1924-1986), die ihnen missfallen hatten. Eine strafrechtliche Verfolgung für Sachbeschädigung blieb aus, gleichzeitig wurde aber gegen die Ausstellungsverantwortlichen ein Verfahren wegen des Verdachts eingeleitet, mit Sidur religiösen Hass zu schüren. Obwohl Konsequenzen ausblieben - die Positionierung staatlicher Organe fördert ein Klima der Selbstzensur, die provokante Kunst zunehmend aus öffentlichen Kunsträumen verschwinden lässt. Ob Belphegor unter diesen Umständen erneut in Russland auftreten kann, scheint daher fraglich.

(APA)

(Quelle: S24)

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