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Captagon-Prozess

Übersetzerin offenbar mit Kronzeuge liiert

Verband der Gerichtsdolmetscher ortet rechtsstaatliche Probleme

Landesgericht SALZBURG24/Wurzer
Der Verband verwies auf ein Verfahren am Landesgericht Salzburg, in dem eine nicht zertifizierte Dolmetscherin mit dem Kronzeugen liiert gewesen sei. (SYMBOLBILD)

Der Verband der Gerichtsdolmetscher ortet rechtsstaatliche Probleme, wenn "nicht zertifizierte, teilweise unqualifizierte Dolmetscherinnen und Dolmetscher" verstärkt eingesetzt werden. Der Verband verwies auf ein Verfahren am Landesgericht Salzburg, in dem eine nicht zertifizierte Dolmetscherin mit dem Kronzeugen liiert gewesen sei. Die Justiz torpediere die eigene Qualitätssicherung, hieß es.

Der jüngste "Skandal" in Salzburg sei der Praxis der Gerichte und Behörden geschuldet, kritisierte der Österreichische Verband der allgemein beeideten und gerichtlich zertifizierten Dolmetscher (ÖVGD) am Freitag in einer Aussendung. Das Justizministerium würde entgegen den Warnungen des ÖVGD sogar den Einsatz von Vermittlungsdiensten gutheißen, denen nicht an der Vermittlung von qualifizierten Dolmetschern, sondern an der Erzielung möglichst hoher Vermittlungsprovisionen gelegen sei.

Prozess wegen Handel mit Captagon

Bei dem Strafverfahren am Landesgericht Salzburg geht es um einen Suchtgifthandel mit mindestens 13,8 Millionen Captagon-Aufputschtabletten zu einem mutmaßlichen Verkaufswert von rund 40 Millionen Euro. Der Prozess startet am 14. Dezember in Salzburg, 14 Personen sind angeklagt. Die Beschuldigten sollen Mitglieder einer internationalen Tätergruppe sein, die Drogen von Juni 2016 bis März 2021 aus dem Libanon zu einem Umschlagplatz nach Österreich geschmuggelt hat.

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Justiz bestellt "vorrangig" eingetragene Dolmetscher

Das Justizministerium stellte dazu am Freitagabend auf APA-Anfrage fest, "vorrangig" würden in die Gerichtsdolmetscherliste eingetragene Personen zu Dolmetscher und Dolmetscherinnen bestellt. Der Justiz - den Gerichten, den Staatsanwaltschaften und dem Ministerium seien "die Vorteile und Vorzüge [...] von allgemein beeideten und gerichtlich zertifizierten Dolmetscher:innen bewusst". Allerdings müsse "in manchen Fällen auf Übersetzungsbüros zurückgegriffen werden, etwa wenn es für einzelne Sprachen keine in die Gerichtssachverständigenliste eingetragenen Dolmetscher:innen gibt". Ebenso greife man bei sehr kurzfristig benötigten Dolmetsch-und Übersetzungsleistungen zum Teil auf Übersetzungsbüros zurück, die dann rasch eine Dolmetscherin oder einen Dolmetscher für die betreffende - seltene - Sprache bereitstellen können: "Aus organisatorischen Gründen wurden diese auch sehr kurzfristig verfügbaren Dolmetscher:innen in einer Liste zusammengeführt."

Das Justizministerium versicherte allerdings der APA in einer Stellungnahme, man arbeite "intensiv an einem digitalen Dolmetscher:innen-Tool, um eine einfachere Bestellung von gerichtlich zertifizierten Dolmetscher:innen - auch in kurzfristigen Fällen - zu ermöglichen". Im Dezember wird demnach noch ein Gespräch mit den ÖVGD stattfinden: "Das Projekt soll in der zweiten Jännerhälfte pilotiert werden und aus heutiger Sicht im Frühjahr 2022 umgesetzt sein."

Dolmetscherin in Beziehung mit Kronzeuge

Die Anklage der Staatsanwaltschaft basiert zu einem Gutteil auf den Angaben eines in Salzburg lebenden Irakers, berichteten gestern die "Salzburger Nachrichten" (Donnerstagausgabe). Der Mann gilt als Kronzeuge der Anklage. Er habe eingeräumt, in die Drogengeschäfte involviert gewesen zu sein, und habe dafür im Vorfeld offenbar eine Diversion erhalten. Der Kronzeuge soll seit Juni 2019 eine "innige Beziehung" mit der Hauptdolmetscherin in dem Ermittlungsverfahren geführt haben.

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Die Frau sei bei vielen polizeilichen Vernehmungen und zur Übersetzung der Telefonüberwachungsprotokolle eingesetzt gewesen. Sie habe aber die Beziehung zum Kronzeugen geheim gehalten. Zuletzt soll die Dolmetscherin gegenüber der vorsitzenden Richterin beteuert haben, dass ihre Beziehung zum Kronzeugen ihre Dolmetschertätigkeit nicht beeinflusst habe. Der Verteidiger von vier Angeklagten, Rechtsanwalt Kurt Jelinek, ortete gegenüber der Zeitung ebenfalls einen Skandal und erklärte, die Dolmetscherin sei als Lebensgefährtin des Kronzeugen als befangen zu beurteilen.

Übersetzerin von Captagon-Prozess abgezogen

Der Sprecher des Landesgerichtes Salzburg, Peter Egger, sagte am Freitag auf APA-Anfrage, die Dolmetscherin sei vor rund einer Woche aus der Dolmetscherliste des Landesgerichts Salzburg gestrichen worden - "aufgrund der im Raum stehenden Vorkommnisse im Ermittlungsverfahren". Die Frau werde daher im "Captagon-Prozess", der nächste Woche startet, nicht dolmetschen. Es werde ein anderer Dolmetscher für die arabische Sprache herangezogen. Das Gericht werde sich bei dem Prozess auch einen persönlichen Eindruck von dem Kronzeugen verschaffen.

ÖVGD bittet Zadic um Gespräch

Der ÖVGD forderte am Freitag, es sei höchste Zeit, "diesen jahrelangen Missstand abzustellen". ÖVGD-Präsidentin Andrea Bernardini habe in einem gestrigen Schreiben Justizministerin Alma Zadic um einen dringenden Gesprächstermin gebeten.

(Quelle: APA)

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