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Sonntags-Talk

"Die Konflikte werde ich nicht vermissen"

Scheidender Uni-Rektor Heinrich Schmidinger im Gespräch

Seine letzte Arbeitswoche an der Universität Salzburg steht bevor: Nach 18 Jahren verabschiedet sich Langzeit-Rektor Heinrich Schmidinger. Im Sonntags-Talk zieht der 65-Jährige Bilanz über seine Amtszeit, spricht über die Herausforderungen der letzten Jahre und, weshalb er jetzt nur mehr das machen wird, worauf er wirklich Lust hat.

Salzburg

Schon am 5. Juni hat die Universität das bisherige Rektorat unter der Führung von Heinrich Schmidinger verabschiedet. Offiziell übernimmt sein Nachfolger, der deutsche Internist Hendrik Lehnert, mit dem ersten Tag des neuen Herbstsemester das Amt des Rektors.

SALZBURG24: Die kommende Woche ist ihre allerletzte Arbeitswoche als Rektor der Uni Salzburg. Wie fühlen Sie sich bei dem Gedanken, dass nun Schluss ist?

HEINRICH SCHMIDINGER: Ich fühle mich immer besser (lacht). Habe ja selbst beschlossen, dass ich mich nicht mehr bewerbe. Dieser letzte Tag als Rektor wurde von mir selbst herbeigeführt und ich habe mir das freilich gut überlegt. Dem schaue ich jetzt sehr erleichtert entgegen, denn die Verantwortung in dieser Position ist eine sehr große, manchmal auch drückende bis erdrückende.

18 Jahre sind eine lange Zeit. Wenn Sie zurückblicken: Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?

Grundsätzlich müssen andere bilanzieren, was ich gemacht habe. Ich glaube aber, dass wir die Universität Salzburg ganz gut vorangebracht haben. Ich sage ausdrücklich WIR: Ich lege sehr wert darauf, zu sagen, dass das ein gemeinsames Tun war. Meine Aufgabe bestand vor allem darin, diese Gemeinsamkeit herzustellen. Das ist die wichtigste Aufgabe, die ein Rektor an einer Universität hat. Man muss die Leute motivieren und ins selbe Boot holen. Sonst kommt man nicht weit.

Gibt es etwas an der Universität, das Sie besonders vermissen werden?

Das Wichtigste in dieser ganzen Zeit war für mich immer, dass ich etwas gestalten konnte. Ich möchte nichts abwerten, aber es gibt schon Einrichtungen, die mir besonders ans Herz gewachsen sind. Dazu gehört das Stefan-Zweig-Zentrum auf der einen Seite und das Literaturarchiv auf der anderen.

Und was werden Sie bestimmt nicht vermissen?

Was ich sicherlich nicht vermissen werde, das sind die Konflikte, die man hat in so einem Amt. Da bin ich froh, wenn ich das los hab.

Sie haben es schon angeschnitten, die Aufgabe ist mit großer Verantwortung verbunden. Was waren die größten Herausforderungen für Sie?

Die größte Herausforderung war sicher die Implementierung des neuen Universitätsgesetzes 2002. Dieses Gesetz hat alle Universitäten in Österreich fundamental verändert. Die Universitäten sind im Zuge des Gesetzes autonom geworden. Alle großen, wichtigen Entscheidungen im Personal- und im Finanzbereich, aber auch hinsichtlich der Strategie, der Organisation – das liegt seither alles bei der Universität. Und ich würde sagen, dass diese Herausforderung immer noch gegeben ist.

Die zweite große Herausforderung hat mit dem Standort zu tun. Dazu muss man sagen, dass die Universität Salzburg erst 1962 wieder errichtet wurde, zuvor hat es sie 152 Jahre nicht gegeben. In der Zwischenzeit hatten sich Land und Stadt fundamental verändert. Die Wiedererrichtung kam einer völligen Neugründung gleich. Es kommt dazu, dass der Standort kein großer ist. Ein kleiner Standort wiederum muss sich gerade in Zeiten, in denen die Konkurrenz sehr groß ist, noch viel mehr behaupten als eben größere Standorte.

Ist diese lange Zeit ohne Universität auch ein Grund dafür, weshalb Salzburg nicht als Studierendenstadt gilt?

Das spielt sicherlich auch eine Rolle. Jedoch nicht die ausschlaggebendste: Wichtiger scheint mir, dass unsere Universität eine Pendleruniversität ist. Der größte Teil der Studierenden, aber auch der Professorinnen und Professoren, pendelt jeden Tag. Und das wirkt sich zwangsläufig auf die Studierendenszene aus.

Wie sehr haben sich die Studierenden, aber auch die Universität selbst, in den 18 Jahren Ihrer Amtszeit verändert?

Zunächst einmal ist die Universität stark gewachsen. Wir haben noch nie so viele Studierende gehabt, noch nie so viel Personal und noch nie ein so großes Budget, wie gegenwärtig. Die Universität Salzburg ist groß geworden, auch in qualitativer Hinsicht. Drittmittel etwa wirbt man nicht einfach ein, sondern muss man beantragen. Da kommt nur das Qualitätsvolle durch. Begonnen habe ich bei acht Millionen Euro, heute sind wir bei 24 Millionen Euro.

Wir lassen die Universität regelmäßig evaluieren und in der Regel bekommen wir ein sehr gutes Zeugnis ausgestellt. Nicht zuletzt von den Studierenden, das freut mich immer am allermeisten.

In welchen Bereichen hat die Universität Aufholbedarf?

Wir waren eine Zeit lang in einigen Fächern von Studierenden sehr stark überlaufen und da hatten wir Betreuungsprobleme. Stark nachgefragt ist derzeit die Erziehungswissenschaft, dort sollte hinsichtlich Betreuungsrelationen einiges geschehen. Ebenso müssen wir bei den Lehramtsstudien am Ball bleiben. In den letzten Jahren wurde dieser Bereich stark ausgebaut. Da hat man jedoch nie genug getan, weil sich im schulischen Bereich ununterbrochen viel ändert.

Apropos Veränderung: Seit 2013 gibt es in Österreich kein eigenes Wissenschaftsministerium. Das haben auch Sie damals stark kritisiert. Sind Ihre Befürchtungen eingetreten?

Nein. Das hängt vor allem damit zusammen, dass die Minister, die seither im Amt waren, sich sehr engagiert haben. Dass wir gerade in dieser ersten Zeit finanziell gut ausgestiegen sind, verdanken wir Reinhold Mitterlehner (ÖVP, Anm.). In dessen Zeit ist auch vorbereitet worden, was unter Faßmann (ÖVP, Anm.) umgesetzt wurde – die Studienplatzfinanzierung. Dank der letzten drei Minister – Töchterle (ÖVP, Anm.), Mitterlehner und Faßmann – haben sich die österreichischen Universitäten gut entwickelt.

In internationalen Rankings spielt man trotzdem keine Rolle. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Diese internationalen Rankings schauen immer die Universität als Ganzes an. Ich empfand das stets als ungerecht, weil es innerhalb jeder Universität Einrichtungen gibt, die weltweit hoch anerkannt sind. Wenn man sich auf sie fokussieren würde, sähe das Bild gleich ganz anders aus. Natürlich spielt auch die Größe eine Rolle sowie die finanzielle Ausstattung. Man kann klare Korrelationen herstellen zwischen den Universitäten, die im Ranking weit vorne sind, und dem Budget, über das sie verfügen. Aber, dass man immer besser werden sollte, ist auch klar.

Was folgt für Sie, wenn Sie nach 18 Jahren aus dem Rektorenbüro ausgezogen sind?

Ich werde zuerst einmal tief Luft holen. Dann möchte ich die Forschungsfreisemester, die mir zustehen – ich habe in meinem Leben nie eines genommen –, nützen und diese in einer anderen Umgebung verbringen. Eine Zeit will ich bei meinem Zwillingsbruder in Madrid sein und mir Kastilien ansehen. Ab Anfang nächsten Jahres werde ich mich phasenweisen in Rom aufhalten, wo ich studiert habe. Zudem habe ich einige Schreibverpflichtungen übernommen. Ich mache ab jetzt überhaupt nur mehr das, worauf ich Lust habe. Das andere habe ich genug getan.

Herr Schmidinger, Ihnen alles Gute und vielen Dank für das Gespräch!

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: SALZBURG24)

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