Jetzt Live
Startseite Stadt
Stadt

Schlafforscher Manuel Schabus im Sonntags-Talk: „Beim Schlaf geht es um mehr als Erholung“

Schlafforscher Manuel Schabus (rechts sowie links unten) und eine Frau im Schlaflabor. Uni Salzburg
Schlafforscher Manuel Schabus (rechts sowie links unten) und eine Frau im Schlaflabor.

Der Salzburger Manuel Schabus erforscht in seinem Schlaflabor an der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg die Geheimnisse des Schlafs. Wie wir im Schlaf lernen, wie Stress und Smartphones uns am Weg ins Land der Träume hindern und wie stark sich die Zeitumstellung wirklich auswirkt, erklärt der 41-Jährige im Sonntags-Talk.

Manuel Schabus gilt als einer der führenden Schlafforscher Österreichs. Als Student in den USA machte ihn ein Professor auf das Feld aufmerksam. Zurück in Salzburg begann er vor 15 Jahren das Schlaflabor aufzubauen. Aktuell versucht er, mit einer Online-Umfrage herauszufinden, wie sich die Zeitumstellung auf die Österreicher auswirkt.

SALZBURG24: Herr Schabus, wie ist ihr persönliches Verhältnis zum Schlaf?

MANUEL SCHABUS: Ich schlafe sehr gut und sehr gerne. Bei allen Sachen, bei denen man ungesund lebt, ist der Schlaf das einzige, das ich bewusst einhalte. Weil ich weiß, dass ich bei zu wenig Schlaf eher krank werde und erst recht nicht mehr leistungsfähig bin. Ich schaue, dass ich ein Minimum von sieben Stunden Schlaf bekomme. Auch weil ich aus der Forschung weiß, dass ich im Schlaf lerne.

Was passiert im Schlaf mit uns?

Das Erstaunliche ist, dass wir im Schlaf nicht komplett abschalten. Ein wichtiger Teil ist, dass das Gehirn aktiv Informationen und wichtige Tagesreste durchspielt. Auch Emotionen und Konflikte verarbeite ich im Schlaf und suche eine Lösung. Wir sollten Schlaf nicht unterschätzen oder wegrationalisieren, weil es eben nicht nur um Erholung geht, sondern auch um Verarbeitungsprozesse.

Das heißt, wir brauchen Schlaf auch für soziale und emotionale Stabilität?

Genau. Zum Beispiel weiß man bei Schülern, wenn sie zu wenig schlafen - was die meisten machen – dass sie wesentlich leichter reizbar sind.

Was noch?

Ganz wichtig ist auch, dass das Immunsystem im Schlaf gestärkt wird. Viele kennen das wahrscheinlich: Ich kränkle ein wenig dahin und wenn ich dann ein, zwei Stunden zu wenig schlafe, bin ich am nächsten Tag krank.

Fehlt es auch an Bewusstsein, was der Schlaf für uns bedeutet? Immerhin verschlafen wir etwa ein Drittel unserer Lebenszeit.

Ja, ich denke das fehlt. Häufig wird das Schlafen als ein Prozess gesehen, der eigentlich verlorene Zeit ist und wegrationalisiert werden kann. Das ist für mich eine komplett falsche Einstellung.

Deshalb wollen wir im Schlaflabor auch die Schlafgewohnheiten und Schlafprobleme erheben, um den Leuten Wissen in die Hand zu geben und zu sagen 'nicht dort sparen, wo es eigentlich am Wichtigsten ist'.

Was sind Grundregeln, die man beachten sollte, um einen gesunden Schlaf zu haben?

Gut wäre, auf einen regelmäßigen Rhythmus zu achten. Für den Körper ist es wichtig, zu gleichen Zeiten ins Bett zu gehen und aufzustehen, weil sich alles darauf einspielt.

Ebenfalls gilt es herauszufinden, wie viel Schlaf ich eigentlich brauche. Das geht eigentlich nur, wenn ich mal länger Urlaub habe und schaue, wann ich nach einer Umgewöhnungsphase von selbst aufwache. Egal ob es sieben oder acht Stunden sind – danach sollte ich mich richten, wenn ich leistungsfähig und gesund bleiben will.

Welche Rolle spielt Tageslicht und jenes von Smartphones beim Einschlafen?

Eine große Rolle. Es ist ein Trigger für den Körper, damit er weiß, wann der Tag beginnt und aufhört. Deswegen sollte man schauen, dass man in der Früh sehr viel helles Licht erwischt. Und am Abend möglichst wenig Licht, weil mich das sonst wach hält. Das gilt auch für Handy und Laptop-Nutzung – da ist sehr viel Blaulicht drinnen. Das schiebt meinen Schlaf-Wach-Rhythmus nach hinten, ich habe aber trotzdem meine fixe Zeit, zu der ich aufstehen muss.

Wie lange dauert es, in den Schlafmodus zu kommen, wenn man vorm Bettgehen noch ins Handy schaut?

In der letzten halben Stunde bis Stunde vor dem Schlafengehen sollte man möglichst wenig am Handy tun – oder zumindest den Nachtmodus, den Blaulichtfilter und wenig Lichtstärke einstellen. Die Dauer hängt von den Blaulichtanteilen und der Lichtstärke ab. Beides ist bei jedem Gerät anders. Die Forschung zu den genauen Auswirkungen läuft gerade.

Viele Leute versuchen mit Apps und Wearables ihren Schlaf zu takten und zu optimieren – funktioniert das?

Dazu bin ich zwiegespalten: Wenn die Hersteller der Apps und Geräte behaupten, dass sie Schlafstadien messen könnten und genau wüssten, wann ich geweckt werden sollte, ist das hochgegriffen. Die Handys liegen auf der Matratze und machen eine Ton- oder Bewegungsanalyse. Wenn der Hund ins Bett springt oder die Partnerin sich umdreht, glaubt die App, dass ich wach bin. Sowas dient als grober Indikator, aber man soll es nicht zu ernst nehmen.

Wie sehen unsere Schlafphasen aus?

Nach dem Einschlafen gehe ich in den Leichtschlaf, dann in den Tiefschlaf, später in den Traumschlaf. Das wiederholt sich in 90-Minuten-Zyklen.

Der Körper wird keine Schlafphase auslassen. Der Tiefschlaf ist in der ersten Nachthälfte aber wesentlich stärker ausgeprägt, der Traumschlaf in der zweiten. Gehe ich also an einem Tag um vier ins Bett, normalerweise aber um Mitternacht, beginnt der Körper in der Schlafphase, in der er um diese Zeit normalerweise wäre. Er macht also weniger Tiefschlaf und mehr Traumschlaf, weil diese Phase am Ende der Nacht intensiver wird. Dadurch verliere ich viel Erholungseffekt, auch wenn ich gleich lang schlafe.

Die Hälfte der Österreicher leidet an Schlafproblemen. Was sehen Sie als Hauptproblem?

In der westlichen Welt ist meiner Meinung nach der Stress das Hauptproblem – dass man viel unter Druck steht und dann im Bett liegt und grübelt, was man heute nicht geschafft hat und deswegen morgen tun muss.

Man ist übererregt, schläft deswegen nie gut und tief. Es gibt Leute, die glauben, dass sie immer wach gelegen sind. Sie schlafen zwar in Wirklichkeit schon, aber sie merken es nicht mehr, weil das Gehirn immer überaktiviert ist.

Was kann man am besten dagegen machen?

Ich würde sagen: Fixer Schlaf-Wach-Rhythmus und Schlafrituale am Abend einführen. So wie ich einem Kind am Abend einen Kakao gebe, kann man was Ähnliches auch bei Erwachsenen einführen. Bei nicht zu hellem Licht lesen, etwas Beruhigendes anhören – Dinge, die ich jeden Tag gleich mache.

Wenn ich nach einer halben Stunde wirklich nicht schlafen kann, sollte ich wieder aufstehen und etwas tun, bis ich wieder müde werde. Das Bett sollte nur zum Schlafen da sein – und für Sex.

Ab wann ist es gesundheitlich bedenklich, wenn man nicht schlafen kann?

Wenn drei bis vier Mal wöchentlich über einen Zeitraum von vier Wochen ein Schlafproblem habe, muss ich was dagegen machen. Vor allem, wenn ich merke, dass ich weniger aufmerksam oder irritierbarer bin oder untertags einschlafe.

Viele Leute medikamentieren sich selbst mit einem Glas Wein. Das ist auf Dauer nicht gut. Natürlich schlafe ich schneller ein, weil ich mein Nervensystem runterfahre. Aber ich schlafe deswegen weniger tief und nicht so erholsam.

Zur Zeitumstellung: Viele Leute sagen, die eine Stunde Unterschied merkt man nicht. Für andere ist die Umstellung eine Qual. Was macht die Stunde für einen Unterschied?

Nach dem, was uns die Leute erzählen, kommt tatsächlich beides vor. Wenn man mit der Zeitumstellung Schwierigkeiten hat, sollte man schon ein paar Tage vorher eine Viertelstunde früher ins Bett gehen und aufstehen, dann noch eine Viertelstunde, etc.

Aus Schlafforscher-Sicht macht die Zeitumstellung keinen Sinn, wir würden sie gerne weghaben.

Sie haben vorher angesprochen, dass wir im Schlaf lernen. Viele Schüler und Studenten kennen das: Man lernt in der Nacht vor der Prüfung wie wild durch und schreibt dann die Prüfung. Wie gut funktioniert das?

Das ist nicht sehr effektiv. Wenn ich die ganze Nacht durchlerne, habe ich die Infos im Kurzzeitgedächtnis und werde es bei der Prüfung auch auf das Papier bekommen. So bleibt es aber nicht im Langzeitgedächtnis.

Studien zeigen, dass die erste Nacht des Lernens am Wichtigsten ist, um sich etwas auf lange Zeit zu merken. Man sollte die wichtigsten Punkte durchnehmen, aber auch nicht gestresst ins Bett gehen. Man sollte auch in den folgenden Nächten schauen, dass man gut schläft, dann bleibt das Gedächtnis am stabilsten.

Macht es einen Unterschied, ob ich am Vormittag oder am Abend lerne?

Es gibt nur wenige Studien, aber die sagen, umso näher das Lernen am Schlaf ist, desto besser.

Sie forschen auch zum Lernen von Babys im Mutterbauch. Was für einen Einfluss hat es auf Babys, was ich ihnen im Mutterbauch erzähle oder vorspiele.

Wir forschen noch und können keine dezidierten Aussagen treffen. Aber wir haben Ungeborenen Babyreime vorgespielt, in den sechs Wochen vor der Geburt je zehn Minuten am Tag. Diese Kinder sind zwei Wochen nach der Geburt weniger irritiert auf diese Stimulation, sie kennen das also irgendwie. Sie reagieren aber auf bekannte und unbekannte Reime gleich.

Kann ich ein Ungeborenes auch schädigen, wenn ich es zu vielen lauten Geräuschen aussetze?

Kinder lernen schon von ihrer Umgebung. Wenn jemand ständig Sport macht, wird das Kind auch ständig mitbewegt und hat eine andere Prägung. Und wenn es sehr laut ist, hat das ebenso einen Einfluss.

Man sollte sehr behutsam damit umgehen, was die Kinder vorgeburtlich abbekommen. Das ganze Nervensystem wird gerade ausgebildet, da ist es nicht sinnvoll, wenn ich dem ungeborenen Kind stundenlang irgendwelche Informationen vorspiele. Es braucht Schlaf und Erholung.

Sie haben auch einen Sohn. Kann man sich das Zuhause eines Schlafforschers so vorstellen, dass beim Einschlafen jeder die Elektroden am Kopf hat?

Mein Sohn hat insofern was abbekommen, dass ich gleich nach der Geburt geschaut habe, wie er schläft. Er hatte schon im Alter von einer Woche ein Schlaf-EEG und bittet mich jeden Tag, dass er wieder eines machen darf (lacht). Sonst ist der einzige Unterschied, dass wir bewusst mit Schlaf umgehen.

Sie beschäftigen sich beruflich mit der entspannendsten Tätigkeit überhaupt. Was machen Sie selbst, um abzuschalten und Ausgleich zu haben?

Ich bin begeisterter Tennisspieler. Gesellschaft ist mir ebenso wichtig, mit Freunden abhängen und grillen. Wenn die Zeit da ist, was leider sehr selten der Fall ist, spiele ich gerne Computerspiele, das ist mir seit meiner Kindheit geblieben. Etwa Civilization oder Rennsimulationen.

War früher also mal ein Berufswunsch Rennfahrer?

Das war er wirklich. Oder Computerspieleprogrammierer. Ich habe mir mit Computerspielen die Nächte um die Ohren geschlagen und genau das getan, was wir jetzt den Leuten empfehlen, nicht zu tun: Nämlich durchzuspielen und in der Früh mit drei Stunden Schlaf in die Schule zu gehen.

Gibt es einen Ort, der ihnen besonders am Herzen liegt?

Ich mag gerne Plätze, wo sehr viel Energie ist. Ich war gerade ein halbes Jahr in Brasilien, in Lapa, einem Fortgehviertel in Rio de Janeiro, konnte ich am besten abschalten. Das ist paradox, weil es wahrscheinlich der lauteste Platz in Brasilien ist.

In Salzburg würde ich mich am ehesten bei einem sonnigen Tag am Ski irgendwo daheim fühlen, wenn ich auf irgendeiner Hütte sitze und zwischendurch meine Carving-Schwünge ziehe.

Danke für das Gespräch.

Sehr gerne.

Aufgerufen am 15.12.2018 um 04:20 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/stadt/schlafforscher-manuel-schabus-im-sonntags-talk-beim-schlaf-geht-es-um-mehr-als-erholung-58064509

Kommentare

Mehr zum Thema