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Sonntags-Talk

Bewährungshelfer Peter Wieser über seine Arbeit

"Wir sind nicht die bösen Aufpasser"

Peter Wieser 980 735.jpg SALZBURG24/Posani
Peter Wieser arbeitet seit 27 Jahren für den Verein Neustart.

Ob Körperverletzung, Diebstahl oder Mord: Wer sich einer Straftat schuldig gemacht hat, der bekommt häufig einen Bewährungshelfer zur Seite gestellt, um sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Bewährungshelfer Peter Wieser vom Verein Neustart spricht im Sonntags-Talk über die Gründe, wieso Menschen in die Kriminalität abrutschen, wie nah die Beziehung zwischen Bewährungshelfer und Klient sein darf und verrät, ob er auch schon einmal vor einem Klienten Angst hatte.

Der Verein Neustart bietet im Bundesland Salzburg Bewährungshilfe an. 645 Klienten werden von insgesamt 35 hauptamtlichen und 80 ehrenamtlichen Bewährungshelfern betreut. Peter Wieser ist einer davon – er arbeitet seit 1991 für den Verein Neustart, dessen Einrichtungsleiter in Vertretung er derzeit ist.

SALZBURG24: Herr Wieser, was muss passieren, dass jemand einen Bewährungshelfer zur Seite gestellt bekommt?

PETER WIESER: Wenn jemand vor Gericht für eine Straftat verurteilt wird, hat der Richter die Möglichkeit, Bewährungshilfe anzuordnen. Das passiert, wenn der Richter denkt, dass die verurteilte Person Begleitung benötigt, um gewisse Dinge in ihrem Leben wieder auf die Reihe zu bekommen.Gerade bei Jugendlichen ist die Bewährungshilfe eine häufige Auflage.

Was sind Ihre Aufgaben als Bewährungshelfer?

Ein zentraler Punkt ist die so genannte Deliktverarbeitung, wo ich mit meinem Klienten aufarbeite, was eigentlich bei der Straftat passiert ist und wie. Außerdem gehen wir die Ereigniskette vom Delikt zurück, um den Punkt zu finden, wo der Klient noch anders hätte entscheiden können. Es geht in unserer Arbeit auch darum, für die Zukunft deliktfreie Handlungsalternativen zu finden.

Ein Beispiel: Jemand ist alkoholisiert am Rudolfskai unterwegs, wird angerempelt und verpasst seinem Gegenüber einen Schlag ins Gesicht. Da dann als Bewährungshelfer zum Klienten zu sagen „Hättest du nicht zugeschlagen“ ist nicht zielführend. Unsere Aufgabe ist es herauszufinden, wieso er überhaupt alkoholisiert war. Vielleicht gab es Streit mit der Freundin, vielleicht betrinkt sich der Klient nach Streitereien regelmäßig. Am Ende gelangt man an einen Punkt, wo man sagen kann: Da hättest du die Möglichkeit gehabt, dich anders zu entscheiden, um erst gar nicht in die Situation am Rudolfskai zu kommen.

Mit welcher Art von Straffälligen haben Sie am häufigsten zu tun?

Die Bandbreite geht von den relativ kleinen Delikten wie Diebstählen oder Einbrüchen bis hin zu schweren Körperverletzungen und Raubüberfällen. Es gibt kein Delikt, das aus der Bewährungshilfe ausgeschlossen ist. Bei jungen Menschen sind es sehr häufig Körperverletzungen.

Wir betreuen auch verurteilte Mörder, wobei das keine Hannibal Lecter sind. In den meisten Fällen hat es sich bei deren Straftaten um situative Geschichten gehandelt, die sich wahrscheinlich so nicht mehr wiederholen werden. Das heißt nicht, dass man nicht trotzdem am Delikt arbeiten muss.

Wie arbeiten Sie mit Ihren Klienten?

Wir arbeiten mit einem so genannten Ressourcen- und Risikoinventar, wo wir darauf schauen, was unsere Klienten gut können und wo sie Risikofaktoren haben. Da wird das Anlassdelikt abgefragt, die finanzielle Situation, der Familienbereich, die Ausbildung und vieles mehr. Mit diesen Werkzeugen werden die rückfallrelevanten Faktoren eruiert, an denen wir arbeiten müssen. Daraus leitet sich dann ein Arbeitskonzept ab, das mit dem Klienten gemeinsam erarbeitet wird. Wenn wir es gemeinsam schaffen, die Risikofaktoren zu minimieren, ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Klient rückfällig wird, gering.

Wenn jemand beispielsweise nur mit pro-kriminellen Freunden unterwegs ist, wäre es natürlich ein Ziel zu schauen, dass der Klient aus diesem sozialen Umfeld rauskommt und zum Beispiel einem Verein beitritt. Ich kann nicht einfach sagen: "Wechsle deinen Freundeskreis!" Wichtig ist, dass es der Klient auch erkennt und versteht, wo seine Risikofaktoren sind.

Wie nah darf der Umgang zwischen Bewährungshelfer und Klient sein?

Im Normalfall betreuen wir die Klienten rund drei Jahre. In dieser Zeit haben wir die Möglichkeit, eine vertrauensvolle Arbeitsbeziehung mit den Klienten aufzubauen. Wir sprechen in unserem Fall von einer Betreuung im Zwangskontext. Das heißt, diese wurde angeordnet, soll aber auf Augenhöhe stattfinden. Wir sind nicht die Freunde unsere Klienten, aber auch nicht die bösen Aufpasser, sondern siedeln uns irgendwo dazwischen an. Natürlich haben wir eine Kontrollfunktion, sind aber auch unterstützend tätig. Wir arbeiten am Delikt mit dem Klienten, allerdings ohne ihm dabei ständig vorzuwerfen, was er Schlimmes getan hat.

Gibt es Ihrer Erfahrung nach bestimmte Gründe, wieso Menschen in die Kriminalität abrutschen?

Grundsätzlich gehe ich davon, dass jeder Mensch zu allem fähig ist. Es gibt Menschen, die haben sozusagen „Startnachteile“. Wenn sie zum Beispiel in einem Umfeld aufwachsen, in dem es wenig Anerkennung und wenig positives Feedback gibt und in dem vielleicht auch noch Gewalt, Drogen und Alkohol Themen sind. In diesem Fall ist es schwierig, einen guten Weg zu gehen. Das heißt nicht, dass jeder, der früher einmal daheim geschlagen wurde, später seine Kinder ebenfalls schlägt. Aber die Wahrscheinlichkeit ist größer.

Junge Menschen müssen auch einmal Grenzen überschreiten, aber dann muss irgendjemand – sei es im Elternhaus oder auch in der Schule – da sein, der das mitbekommt und stopp sagt. Wenn der Betroffene aber das Gefühl bekommt, dass das allen egal ist, was er macht, dann besteht die Möglichkeit einer Negativspirale. Wenn jemand nie eine andere Form der Konfliktlösung gelernt hat außer Gewalt, dann gibt es schnell einmal eine Anzeige wegen Körperverletzung. Es geht auch bei jungen Leuten darum, deren Unrechtsbewusstsein zu stärken.

Es gibt die Überlegung der Bundesregierung Menschen, die eine Haftstrafe über sechs Monate ausfassen, als Abschreckung die Mindestsicherung zu streichen. Was halten Sie davon?

Für einige unserer Klienten würde eine solche Regelung schlichtweg eine Katastrophe darstellen. Diese Menschen würden nur mehr eine Grundversorgung in der Höhe von circa 350 Euro pro Monat bekommen. Dass die Betroffenen mit diesem Geld ihren Lebensunterhalt bestreiten können, kann nicht funktionieren. Wie soll sich diese Menschen das Wohnen leisten können? Damit werden die Leute in die Illegalität getrieben. In der Konsequenz ist zu befürchten, dass die Zahl der Opfer von Straftaten steigen würde.

Zucken Sie häufig zusammen, wenn Sie in den Medien von einem Verbrechen erfahren und hoffen, dass es nicht einer Ihrer Klienten war?

Zusammenzucken in diesem Sinne nicht, nein. Wenn eine Täterbeschreibung auf den eigenen Klienten trifft, dann hoffe ich natürlich, dass er es nicht war. Meistens war er es dann auch nicht. Aber ich glaube, man kann diesen Job auch nur dann machen, wenn man gewisse Dinge relativ gelassen sieht. Wird ein Klient rückfällig, ist man natürlich enttäuscht. Aber es heißt dann einfach wieder zurück an den Start und weiterarbeiten.

Wie viele der Bewährungshilfe-Klienten werden rückfällig?

Es gibt eine unabhängige Studie, bei der untersucht wurde, wie viele unserer Bewährungshilfeklienten in Österreich nach ihrer Betreuung in den folgenden fünf Jahren straffrei geblieben sind. Die Zahl liegt bei über 70 Prozent.

Hatten Sie schon einmal Angst vor einem Klienten oder einer Situation?

Es kann vorkommen, dass es ungemütliche Situationen gibt, wo ich froh bin, wenn ich sie hinter mir habe. Wir haben keinen roten Knopf wie bei der Bank, bei uns ist Bauchgefühl sehr wichtig. Wenn jemand ein schlechtes Gefühl beispielsweise bei einem Hausbesuch hat, dann nimmt er diesen Termin nicht alleine wahr oder trifft sich erst überhaupt nicht beim Klienten zuhause. Wenn ich das Gefühl habe, dass es mit einem Klienten etwas schwieriger bei einem Termin werden könnte, sind die Kollegen vorinformiert. Prinzipiell haben wir die Situationen aber immer gut im Griff.

Was macht Ihnen an Ihrer Arbeit Freude?

Ich gehe mit einem guten Gefühl heim, wenn ich gute Gespräche geführt habe, bei denen ich gemerkt habe, dass etwas bei meinem Klienten angekommen ist und er etwas verstanden hat. Wenn ich beim Gespräch merke, da geht eine Türe auf und der Klient erzählt mir authentisch, was in ihm vorgeht. Außerdem ist es reizvoll, dass es keine zwei gleichen Fälle gibt.

Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Mit fällt der Fall eines ehemaligen Hooligans ein, der zur damaligen Zeit wirklich gefürchtet war. Ich habe ihn wegen Körperverletzungsdelikten bekommen und mittlerweile beschäftigt er sich mit dem Buddhismus und ist Familienvater geworden. Wir treffen uns alle paar Jahre einmal oder telefonieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

Aufgerufen am 18.01.2019 um 09:20 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/stadt/sonntags-talk-bewaehrungshelfer-peter-wieser-ueber-seine-arbeit-62313340

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