Jetzt Live
Startseite Stadt
Stadt

Sonntags-Talk in der Salzburger Wärmestube: "Man kann relativ lange geheim halten, dass man auf der Straße schläft"

Die Wärmestube befindet sich in einem Nebengebäude der Christian-Doppler-Klinik in der Stadt Salzburg. SALZBURG24/Berger
Die Wärmestube befindet sich in einem Nebengebäude der Christian-Doppler-Klinik in der Stadt Salzburg.

Bis zu 150 Menschen kommen jedes Wochenende in die Wärmestube in der Ignaz-Harrer-Straße in der Stadt Salzburg, um etwas Warmes zu essen, sich mit gespendeter Kleidung einzudecken oder um sich mit anderen zu unterhalten. Einer von ihnen ist Josef. Der 66-Jährige spricht im Sonntags-Talk mit SALZBURG24 darüber, wie Bedürftige in Salzburg über die Runden kommen und warum er sich selbst als privilegiert betrachtet.

Laut dem Salzburger Sozialbericht galten im Jahr 2016 10,3 Prozent der Bevölkerung als armutsgefährdet. Einige leben am Existenzminium, kommen kaum über die Runden und müssen jeden Monat zittern, damit es sich finanziell ausgeht. Dann gibt es aber auch in einer Stadt wie Salzburg Menschen, die kein Obdach haben, nicht wissen, wo sie die kommende Nacht verbringen werden. In Einrichtungen wie der Salzburger Wärmestube wird beiden geholfen. Hier gibt es Essen, die Möglichkeit sich zu waschen oder sich mit gespendeter Kleidung neu einzukleiden. Nicht minder wichtig ist es, den Menschen auch und vor allem in der Not Herzenswärme zu geben, lautet das Credo der Einrichtung, die heuer ihr 15-jähriges Bestehen feiert.

SALZBURG24: Hallo Josef, seit wann besuchst du die Wärmestube?

JOSEF: Ich glaube seit etwa eineinhalb Jahren. Vorher hatte ich mit dieser Notlage von Menschen überhaupt keine Berührungspunkte. Ich habe mir nie vorstellen können, dass Leute bei uns auf der Straße schlafen müssen, auch wenn es kalt ist. Ich habe natürlich gesehen, dass gebettelt wird und auch in den Zeitungen gelesen, wenn unter Brücken Quartiere ausgemacht werden. Aber wirklich persönlich berührt hat mich das nie. Heute habe ich einen anderen Blick darauf.

Was ist damals passiert?

Ich bin vor etwa vier Jahren plötzlich krank geworden, habe durch Scheidung nach über 20 Jahren meine Wohnung und auch mein soziales Umfeld verloren. Das ist alles relativ zur gleichen Zeit passiert. Ich war aber dabei sicher auch nicht ganz unschuldig. Jedenfalls war ich plötzlich ganz alleine.

Ich habe dann zufällig einen ehemaligen Bekannten wieder getroffen. Er war früher Metzger, wurde aber gekündigt, und das in einem wahrlich schlechten Alter für den Arbeitsmarkt – nämlich mit Ende 50. Er hat keine Stelle mehr bekommen, um Pension beanspruchen zu können, war er aber auch noch zu jung. Das Arbeitslosengeld ist dann irgendwann ausgelaufen. Als Deutscher hatte er in Österreich keine Ansprüche. Also stand er auf der Straße.

Ich habe ihn dann bei mir in meiner neuen 45-Quadratmeter-Wohnung aufgenommen. Das war für uns beide eine Hilfe. Er hatte einen Schlafplatz, und ich wieder einen sozialen Kontakt. Durch meine Erkrankungen (Tumor und chronische Nervenkrankheit, Anm.) bin ich zuvor über ein Jahr nicht außer Haus gegangen. Er hat mir in der Stadt dann verschiedene Einrichtungen gezeigt, wo er als Obdachloser regelmäßig hin ging. Graf Rosenberg (Johannes Orsini-Rosenberg, Obmann der Wärmestube, Anm.) und auch der Edi (Pichlmayr, Anm.), der hier in der Wärmestube vor Ort ist, vermitteln uns einfach das Gefühl, dass man hier wirklich willkommen ist - egal woher man kommt oder wie man aussieht. Deshalb komme ich so gern hier her.

Wie kann man sich deinen Besuch hier vorstellen?

In letzter Zeit hat es sich so eingependelt, dass ich immer am Samstag und Sonntag zum Frühstück da bin. Ich habe bis zu meiner Erkrankung und meiner Scheidung gut gelebt, heute komme ich mit meiner kleinen Pension gerade so über die Runden. Ich gehe also nicht wegen des Essens in die Wärmestube, sondern um Menschen zu treffen. Meine jetzige Partnerin, bei der ich mittlerweile lebe, ist ein sehr stiller, in sich gekehrter Mensch. Ich hingegen brauche den Kontakt. Ich will nicht wieder zurück in die soziale Isolation.

Durch meine Besuche hier, habe ich auch immer wieder neue Bekannte kennengelernt. Manche haben dann auch bei mir am Boden geschlafen. Sonst wäre ihnen nur die Straße geblieben.

Wie viele Menschen haben in Salzburg keine Unterkunft?

Das ist schwierig zu sagen. In meinem Umfeld weiß ich von 50 bis 60 Menschen, die dauerhaft auf der Suche nach Schlafmöglichkeiten sind. Die kommen entweder aus Österreich oder aus direkten Nachbarländern. Notreisende aus Rumänien zum Beispiel habe ich da jetzt gar nicht mitgezählt.

In den vergangenen Jahren habe ich insgesamt zehn Leute bei mir wohnen lassen. Durch solche Möglichkeiten kommen einige recht gut über den Winter, aber ein großer Teil von diesen muss eigentlich regelmäßig draußen übernachten, ob in Schuppen, unbewohnten Häusern oder auf Baustellen. Sie versuchen möglichst gut gekleidet und sauber zu sein. Duschen kann man sich zum Beispiel im Mutterhaus oder im Saftladen. Wenn jemand will, dann kann man das relativ lange geheim halten, dass man auf der Straße schläft.

Klar, einige haben ihre Situation durch Alkoholismus zu einem großen Teil selbst verschuldet, aber manchen hat das Schicksal ohne ihr Zutun wirklich übel mitgespielt.

Kleidung gebe es für Bedürftige genug, ist Josef überzeugt./Wildbild Salzburg24
Kleidung gebe es für Bedürftige genug, ist Josef überzeugt./Wildbild

Wir sitzen hier in einem Raum voller Kleiderspenden. Wie sieht hier die Situation in Salzburg aus? Wovon gibt es genug, was ist zu wenig?

An Kleidung für Obdachlose mangelt es in der Stadt Salzburg auf jeden Fall nicht. Es gibt mehrere Einrichtungen, wo man hingehen kann. Auch für Essen ist gesorgt. Das Problem in Salzburg ist aber das Quartier. Bereits einzelne Zimmer sind oft so teuer, dass es sich viele einfach nicht leisten können. Auch bei der medizinischen Versorgung hapert es, viele sind nicht versichert. Einige sind aber gerade wegen einer langwierigen Krankheit in die Bedürftigkeit abgerutscht. Ich hatte blöd gesagt das Glück, dass ich mit meinen 66 Jahren schon so alt bin und bereits Anspruch auf Pension habe. Wäre mir das früher passiert, wer weiß…

Was muss von öffentlicher Seite in der Stadt Salzburg passieren?

In erster Linie sollte eine dauerhafte Unterkunft ermöglicht werden – auch übers Jahr hinweg, nicht nur die Notschlafstellen während der kalten Jahreszeit. Für den Sommer ist mir in Salzburg keine Stelle bekannt. Aber ich verstehe auch die Seite der Politik. Es kostet alles sehr viel, ob Raum, Einrichtung oder Personal. Und wenn ausreichend Quartiere für alle geschaffen werden, fördert das natürlich den Zuzug nach Salzburg. Auch jetzt sind bereits einige aus Ungarn und anderen Ländern hier, weil es dort gar keine Hilfeleistungen gibt.

Von der Bundespolitik würde ich mir eine Gleichstellung von österreichischen Notleidenden und Asylwerbern wünschen. Das soll jetzt keinesfalls heißen, dass die Mittel für Flüchtlinge gekürzt werden sollen, ganz im Gegenteil. Aber auch Menschen, die bei uns durchs System fallen, brauchen so etwas wie eine Grundsicherung – also Essen, Kleidung und Quartier.

Wofür bist du den Menschen in Salzburg dankbar, was stört dich?

Salzburg hat viele gute Einrichtungen, die meisten davon sind privat oder über die Kirche organisiert. Sie finanzieren sich oft nur über Spenden und die Menschen dort arbeiten ehrenamtlich. Das finde ich sehr bewundernswert.

Es gibt so viele Salzburger, die auch im Kleinen helfen – ob durch Kleider- oder Lebensmittelspenden. Auch wenn der Salzburger oft den Ruf hat, ein bisschen unnahbar zu sein, ich habe viel Positives erlebt. Natürlich gibt es auch andere. Man darf nicht von jedem alles erwarten. Manche Privatpersonen nutzen gerade die Notlage von Sozialschwachen aus. Sie vermieten schlechteste Zimmer zu horrenden Preisen. Was ich da bereits gesehen habe, ist erschreckend. Dass da die öffentliche Hand nichts unternimmt, ist für mich unfassbar. In vielen dieser Häuser dürfte man sich ja gar nicht mehr aufhalten, in so einem schlechten Zustand sind sie. Aber da zahlst du dennoch 300 Euro pro Monat für ein Bett.

Wenn du finanziell sorglos wärst, was wäre dein größter Wunsch?

Einen materiellen Traum habe ich nicht. Ich habe ausreichend zu essen und ein Dach über dem Kopf. Das reicht für mich. Im Vergleich mit anderen Menschen schätze ich mich trotz aller Umstände als privilegiert ein. Wenn ich aber einen Wunsch frei hätte, würde ich wollen, dass meine beiden Kinder nie in so eine Lage kommen, dass sie obdachlos werden.

Sprichst du denn mit deinen Kindern über die Menschen, die du hier in der Wärmestube kennenlernst?

Ja, ich habe es versucht. Aber sie glauben mir nur bedingt, die Nachricht kommt nicht wirklich an. Sie haben das nie erleben müssen, also will ich ihnen das auch nicht weiter aufbürden.

Lieber Josef, wir wünschen dir alles Gute und herzlichen Dank fürs Gespräch!

Anmerkung der Redaktion: Für ein Foto erklärte sich Josef B. während des Interviews in der Salzburger Wärmestube nicht bereit.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 01.03.2021 um 11:06 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/stadt/sonntags-talk-in-der-salzburger-waermestube-man-kann-relativ-lange-geheim-halten-dass-man-auf-der-strasse-schlaeft-57691732

Kommentare

Mehr zum Thema