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Sonntags-Talk

"Wir sind viel mehr als unser Äußeres"

Frauengesundheits-Expertin Aline Halhuber-Ahlmann im Interview

Aline Halhuber-Ahlmann FrauenGesundheitsZentrum Salzburg
Aline Halhuber-Ahlmann leitet das Frauengesundheitszentrum Salzburg seit 23 Jahren.

Das Frauengesundheitszentrum in der Stadt Salzburg feiert dieser Tage sein 25-jähriges Bestehen. Im Sonntags-Talk erklärt Leiterin Aline Halhuber-Ahlmann (55), warum das soziale Umfeld und die gesellschaftliche Teilhabe ein entscheidender Gesundheitsfaktor sind.

Seit 1994 wurden im Frauengesundheitszentrum rund 37.500 Frauen und Mädchen unterstützt, es gab mehr als 1.750 Informationsveranstaltungen in Stadt und Land und rund 9.000 persönliche Beratungen.

SALZBURG24: Welche Aufgaben übernimmt das Frauengesundheitszentrum?

ALINE HALHUBER-AHLMANN: Wir engagieren uns überall da, wo Frauenbelange und -interessen übersehen werden. Gynäkologische Erkrankungen sind inzwischen gut versorgt. Aber Frauen sind auch von vielen Krankheiten betroffen, die nicht unmittelbar mit den Geschlechtsorganen zu tun haben. Herzkreislauferkrankungen werden in der öffentlichen Meinung oft mit Männern assoziiert. Tatsächlich sterben aber 13 Frauen an koronalen Herzerkrankungen im Vergleich zu einer Brustkrebs-Toten. Frauen fürchten sich de facto vor der falschen Erkrankung.

Braucht es demnach in diesem Bereich mehr Vorsorgeuntersuchungen?

Hier liegt ein Missverständnis vor. Das, was wir an Vorsorgemaßnahmen haben, sind überwiegend Früherkennungsmethoden. Es sollte viel mehr um generelle Gesundheitsförderung gehen, etwas, das den Frauen von vornherein ein besseres und gesünderes Leben ermöglicht. Krebs lässt sich nicht verhindern, Herzkreislauferkrankungen schon. Der eigene Einfluss durch die Lebensführung ist viel größer. Wichtiger als Rauchstopp und Gewichtsabnahme sind Beziehungen – nicht nur Ehe, sondern auch Freundschaften und Arbeitskollegen. Das wird völlig unterschätzt.

Für uns stellt sich hier die Frage, wie können wir Frauen unterstützen mehr Sozialleben zu haben und dieses aktiv zu gestalten. Es ist nicht egal, in welchen Beziehungen man lebt oder was einen darin kränkt. Der soziale Faktor spielt für die Gesundheit eine zentrale Rolle.

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(SYMBOLBILD)

Wie kann man sich eine soziale Gesundheitsmaßnahme vorstellen?

Zum Beispiel ein Workshop zur Selbstverteidigung für Ältere. Es geht dabei nicht konkret um die Gesundheit, aber der Kurs ermutigt Frauen im höheren Alter mehr am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Sie trauen sich abends eher raus, besuchen Veranstaltungen und leben nicht isoliert. Sie erobern sich dadurch wieder Lebensräume, die ihnen gut tun und erzielen damit eine Wirkung auf ihre grundsätzliche Gesundheit.

Bei Essstörungen bedeutet diese Prävention zum Beispiel, dass wir junge Mädchen ermutigen müssen, die Unterschiede aller Körper zu schätzen. Sehr viele Mädchen und Frauen haben den Anspruch an sich, perfekt zu sein. Dabei verpasst man aber das Leben. Es geht nicht darum, jeden seiner Körperteile zu lieben. Wir sind so viel mehr als unser Äußeres. Der Körper verändert sich im Laufe des Lebens ohnehin.

Dazu braucht es aber auch gesellschaftliche Veränderungen. Frauen und Mädchen werden eher danach beurteilt, wie sie aussehen; Burschen und Männer danach, was sie tun. Aber auch bei ihnen nimmt der Druck zu. Sie müssen immer mehr aussehen wie Beckham und Ronaldo. Essstörungen äußern sich bei Männern dann in Richtung Eiweißernährung, die man zum Muskelaufbau zu sich nimmt. Das gemeinsame ist, dass der Fokus weggeht von "Wie fühle ich mich?" hin zu "Wie sehe ich aus?" – und das ist falsch. Gerade in der Schönheitsindustrie wird einem vermittelt, dass das eine vom anderen abhängt. Ich kann mich also nur gut fühlen, wenn ich gut aussehe. Das ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich.

Was bedeutet Gesundheit für Sie?

Gesundheit ist für mich nicht nur die Abwesenheit von Krankheit, sondern Gesundheit ist soziales, psychisches und physisches Wohlbefinden. Es ist so viel mehr, als das, was im Krankenhaus oder beim Arzt passiert. Schon Sigmund Freund sagte: "Gesundheit ist die Fähigkeit lieben und arbeiten zu können."

Inwieweit steht die finanzielle Situation in Zusammenhang mit der Gesundheit?

Neben dem sozialen Status ist das einer der wichtigsten Faktoren. Die Gesundheit ist sehr viel von den Lebensbedingungen eines Menschen abhängig. Ein Begriff ist dabei ganz wichtig: Selbstwirksamkeit, der eigene Einfluss auf das eigene Leben. Diese Selbstwirksamkeit ist bei Menschen mit sehr niedrigem Einkommen relativ gering. Sie können nicht sagen: Mein Chef begrapscht mich, ich gehe. Die Nachbarn belästigen mich, ich ziehe um. Sie sind in der Situation gefangen. Das hat seelische Auswirkungen und auch körperliche.

Frauen sind durch finanzielle Abhängigkeiten eher in solchen Umständen gefangen. Ich halte es für sehr wichtig, ein eigenes Einkommen und damit auch eine eigene Pension in späteren Jahren zu haben. Auch hier sind unsere gesellschaftlichen Strukturen für die Gesundheit mitverantwortlich. Es tut sich zwar schon einiges – etwa in Bezug auf Kinderbetreuung. Aber es gibt noch viel zu tun. Unsere Aufgabe ist es, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, sozusagen als Anwältinnen der weiblichen Gesundheit zu fungieren. Die Arbeit wird uns, denke ich, auch in den nächsten 25 Jahren nicht ausgehen.

Liebe Frau Halhuber-Ahlmann, vielen Dank für das Gespräch!

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 16.09.2019 um 04:40 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/stadt/sonntags-talk-mit-frauengesundheits-expertin-aline-halhuber-ahlmann-70678300

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