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Sonntags-Talk

"Man traut uns Blinden nichts zu"

Obmann des Salzburger Blindenverbands in Interview

Josef Schwinwald engagiert sich für die Interessen von Blinden und Sehbeeinträchtigten in Salzburg. Im Sonntags-Talk erzählt uns der Obmann des Blinden- und Sehbehindertenverbands, welche Vorurteile ihnen das Leben schwer machen, wie die Welt aus seiner Perspektive aussieht und was Sehende tun können, um jene ohne Augenlicht besser zu verstehen.

Seit mehr als 40 Jahren arbeitet Josef Schinwald an der Naturwissenschaftlichen Fakultät (NAWI) der Universität Salzburg im IT-Bereich. Er bezeichnet sich als stark visueller Typ, seine Bilder würden nur nicht der Wirklichkeit entsprechen: Der Salzburger erblindete als Kind auf dem linken Auge, nach einer Operation ist er nun seit 26 Jahren komplett blind.

SALZBURG24: Herr Schwinwald, Sie sind seit 2007 Obmann des Salzburger Blinden- und Sehbehindertenverbands. Warum haben Sie beschlossen, sich dort zu engagieren?

JOSEF SCHWINWALD: Im Jänner 1999 war die Gründungsversammlung in Salzburg. Ich war damals dabei. Es hat sich kein Schriftführer gefunden und ich habe das dann gemacht. Mir ist die Arbeit sehr wichtig vorgekommen, deshalb habe ich den Verband übernommen.

Kann jeder Mitglied beim Blindenverband werden?

Grundsätzlich kann jeder kommen. Ordentliches Mitglied kann allerdings nur jemand werden, der nicht mehr als ein Dreißigstel sieht. Dann gibt es die außerordentlichen Mitglieder: Das sind jene, die schlecht sehen, aber noch kein Pflegegeld bekommen. Und dann gibt es die Fördermitglieder, das sind die gesunden Menschen.

Für uns ist die Selbstbestimmung extrem wichtig. Obmann zum Beispiel darf nur ein ordentliches Mitglied werden. Man muss wissen, um was es geht und die Situation nicht nur vom Hörensagen oder aus dem Lehrbuch kennen.

Wissen Sie, wie viele blinde und sehbeeinträchtigte Menschen es in Salzburg gibt?

Es gibt Zahlen aus dem Sozialbericht von 2008, man weiß aber, dass sie nicht stimmen. Wir schätzen, dass es in Salzburg etwa 1.500 Blinde gibt.

Ich muss mich nicht mit meiner Behinderung registrieren und es gibt speziell in der Gruppe der älteren Menschen und im ländlichen Raum sehr viele, die sich nicht outen. Unlängst habe ich wieder mit einer Frau gesprochen, die fast gar nichts mehr sieht. Ich habe zu ihr gesagt, sie soll sich kennzeichnen. Sie sagte: "Nein, dann werden die Kinder in der Schule gehänselt." Die Menschen haben teils sehr schräge Vorstellungen. Das Thema Behinderung wird immer noch sehr gemieden.

Sie selbst sind sehbehindert geboren, haben das linke Augenlicht als Kind und das rechte als Erwachsener verloren. Was war für Sie die größte Herausforderung?

Es ist eigentlich alles eine Herausforderung. Die Mobilität ist sehr schwierig und zu schauen, dass man sich den Beruf erhält. Da habe ich Glück, dass ich einen verständigen Arbeitgeber habe. Man stößt aber an Grenzen, viele verlieren ihren Job.

Können Sie beschreiben, wie Sie die Welt jetzt wahrnehmen?

Nicht so viel anders eigentlich. Ich kann mich erinnern an den Sager einer Frau im Bus: „Haben sie es schön, sie brauchen die ganzen Scheußlichkeiten rundherum nicht sehen.“ Ist natürlich makaber, aber da habe ich ganz stark darüber nachgedacht. Ist es wirklich so toll, wenn man heutzutage alles sieht, was sich im Fernsehen abspielt? Ich höre es halt. Ich meine, das genügt im Leben letztendlich.

Man verliert zwar viel als Blinder, hat auf manche Dinge aber doch eine intensivere Sicht. Weil man mehr kommuniziert. Bei uns Blinden ist es nicht so, dass wir uns treffen und alle zuerst einmal das Smartphone auf den Tisch legen.

Blind, SB Bilderbox/SYMBOLBILD
"Ich bin letztens ein Stück durch die Getreidegasse gegangen. Da sind mir fünf Leute über den Stecken gefallen", schildert Schwinwald. Seiner Meinung nach fehlt das Bewusstsein für die Umstände von Blinden und Sehbehinderten.

Sie haben es vorhin schon erwähnt: Viele verlieren mit dem Augenlicht auch ihren Job. Wie steht es denn um die Inklusion von blinden Menschen in Salzburg?

Solange man die Rahmenbedingungen nicht schafft, kann das nicht funktionieren. Ich bin keinesfalls dafür, dass man die Kompetenzzentren auflöst, wie die Blindenschule oder die Sehbehindertenschulen. Weil das Wissen, dass man sich dort angeeignet hat, nicht nur für die Schüler gut ist, sondern auch für zukünftige Pädagoginnen und Pädagogen.

Und dieser – ich möchte fast sagen – Inklusionswahn, den die Politik manchmal betreibt, ist einfach zu wenig. Inklusion bedeutet Teilhabe für alle und da vergisst man ab und zu, dass gesunde Menschen das eventuell gar nicht aushalten. Deshalb braucht es ein Gesamtkonzept.

Außerdem muss Inklusion zuerst in den Köpfen passieren. Die Gesellschaft muss die Betroffenen mit allen Diversitäten akzeptieren und davon sind wir noch weit weg. Man braucht nur schauen, was für Vorurteile es gibt.

Welche wären das zum Beispiel?

Man traut uns nichts zu. Das ist auch der Grund, warum es in unserer Zielgruppe so viele Arbeitslose gibt. Das ist alles mit Ängsten behaftet. Da tragen auch die Medien nicht viel Positives bei: Entweder werden wir dargestellt wie Wunderwuzzis oder als arm, weil wir eh nichts können. Menschen, die Besonderes leisten und besondere Fähigkeiten haben, gibt es in allen Gruppen. In der Hinsicht gefällt mir die Berichterstattung in Kanada. Die sind bei der Inklusion schon wesentlich weiter als wir.

Abgesehen von der Inklusion, von Jobchancen: Ist die Umgebung in Salzburg blindenfreundlich?

Mehr geht immer, aber grundsätzlich muss ich sagen, dass man in der Stadt – und da spreche ich wirklich nur für die Stadt – sehr bemüht ist, sie so weit wie möglich barrierefrei zu gestalten. Etwa die taktilen Felder bei den Bussen: Die werden automatisch bei jeder Gehsteigsanierung nachgerüstet. Es passieren freilich immer wieder Fehler. Am Bahnhof zum Beispiel. Das ist ein ganz tolles Leitsystem, nur ist es ständig verstellt: Dann hilft mir das nicht mehr viel. Oder, wie es am Anfang beim Kongresshaus war: Wenn du dem Leitsystem nachgegangen bist, bist du nicht zum Eingang gekommen sondern auf die Wiese. Solche Dinge passieren aus Unwissenheit.

 

Das heißt, das Bewusstsein fehlt noch?

Ja, ganz stark. Warum müssen etwa die Mülltonnen am Gehsteig herumstehen? Es parken Autos auf der Straße, also hätten die Mistkübel da auch Platz. Ich kann ausweichen. Wenn da jetzt aber ein Rollstuhlfahrer kommt, der muss den ganzen Weg wieder zurückfahren. Das sind Dinge, die nicht sein müssen.

Was können sehende Menschen tun, um die Situation von Blinden und Sehbeeinträchtigten besser zu verstehen?

Einfach mit Betroffenen kommunizieren und sie aufnehmen: Egal, ob im gesellschaftlichen oder im beruflichen. Dann wird man draufkommen, dass wir eigentlich auch nicht anders sind. Und blind sein ist ja nicht ansteckend. Wir können nur das eine oder andere nicht machen und wenn man uns dabei hilft, ist das die halbe Miete. Mir ist zum Beispiel mehr geholfen, wenn ich auf der Straße gehe und es hat wer den Eindruck, ich fühle mich unsicher, wenn mir der Hilfe anbietet. Anstatt mich deppert anzuschauen und zu warten, bis ich wo runterfalle. Das ist jetzt ganz krass gesagt, aber so verhält sich unsere Gesellschaft. Grundsätzlich denke ich, wenn man mit uns kommuniziert, wird man draufkommen, dass alles nicht so kompliziert ist, wie man glaubt.

Lieber Herr Schinwald, vielen Dank für ihre Zeit und das ausführliche Gespräch.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 19.07.2019 um 03:27 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/stadt/sonntags-talk-mit-salzburger-blindenverbandsobmann-man-traut-uns-blinden-nichts-zu-70986976

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