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Sonntags-Talk

"Trauer ist Grundressource unseres Lebens"

Salzburger Trauerbegleiterin im Interview

Wenige Tage vor Allerheiligen waren wir im Hospiz im Salzburger Stadtteil Morzg und haben mit Mai Ulrich über ihre Arbeit als Trauerbegleiterin gesprochen. Im Sonntags-Talk erklärt die 56-Jährige, warum Trauerarbeit nach einem Verlust so wichtig ist und in welchen Formen sie sich äußern kann.

Salzburg

Die ehrenamtliche Begleitung durch mobile Hospizteams bietet im Land Salzburg psychosoziale Begleitung, soziale Anbindung nach außen und Möglichkeiten, auf die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen einzugehen sowie pflegende Angehörige zu unterstützen.

SALZBURG24: Ist Sterben ein gesellschaftliches Tabu-Thema?

MAI ULRICH: Sterben ist immer noch ein Tabu-Thema, weil viele Menschen in kleinen sozialen Einheiten leben und ihr Sterben deshalb oft überhaupt gar nicht mitbekommen wird. Am Land gibt es damit mehr Berührungspunkte, wenn ein Toter vor einem Begräbnis aufgebahrt wird. In der Stadt passiert sowas im Alltag nur selten. Sterben hat sich ins Krankenhaus verlagert und dadurch ist es uns fremd. Das macht natürlich auch unsicher und widerspricht zugleich unserem Zeitgeist. Jung, dynamisch und erfolgreich ist das Gegenteil von schwerkranken Menschen oder Denjenigen am Ende ihres Lebens.

Welche Bedeutung hat Allerheiligen für Trauernde?

Man braucht nur auf den Friedhof schauen, wie viele Lichter dort brennen. Die Sehnsucht ist groß, denn Allerheiligen gibt uns eine Erlaubnis zum Trauern. Da schaut keiner, wenn am Friedhof die Tränen kullern. Im Bus wäre das schon was ganz anderes. Wir brauchen Punkte in unserem Leben, an denen das sein darf. Da ist Allerheiligen ein willkommener Tag.

Welche Rolle kann Religion in der Trauerarbeit spielen?

Es kann eine Unterstützung sein. Schwierig wird es immer dann, wenn es als Vertröstung verwendet wird: 'Du brauchst nicht traurig sein, weil dein Liebster jetzt im Himmel ist'. Natürlich freut man sich für die Verstorbenen, wenn man daran glaubt. Für das Hier und Jetzt im Schmerz ist das oft aber nicht hilfreich.

Die Betroffenen sollten dazu ermutigt werden, das zu tun, wonach ihnen ist. Das kann Ablenkung beim Fortgehen oder ein Spaziergang in der Natur sein. Vorschnelles Trösten bringt nichts. Die Trauer muss zugelassen und ausgehalten werden.

Bitte beschreiben Sie Ihre Arbeit im Hospiz Salzburg.

Wir wollen Menschen in ihrem letzten Abschnitt eine Herberge bieten, in der sie gut umsorgt und nach ihren Bedürfnissen gefragt werden. Und wo geschaut wird, dass sie mitmenschlich begleitet werden. Experten, die irgendwas verordnen, sind hier fehl am Platz. Es ist eine Umkehrung von dem, wie Hilfe sonst verstanden wird: Wir sagen dir, was für dich gut ist – und das ist nicht die hospizliche Haltung.

Welche Formen des Hospizes gibt es?

Was wir anbieten, ist ein mobiler Hospizdienst. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kontaktieren die Familien daheim bzw. im Spital oder Seniorenhaus, um jemanden zu begleiten und regelmäßig zu besuchen. Ein großer Wunsch vieler ist es, daheim bleiben zu können. Dank Hauskrankenpflege, mobilem Hospizdienst oder Palliativteam ist das ja heute möglich.

In unser Tageshospiz kommen diejenigen Menschen, die noch zuhause leben. Hier verbringen sie einige Zeit unter medizinischer oder pflegerischer Betreuung und kommen mit anderen Betroffenen zusammen – auch dank ehrenamtlicher Mithilfe. Ein stationäres Hospiz gibt es bei den Barmherzigen Brüdern. Ein solches bietet sich an, wenn es Zuhause nicht mehr möglich ist und die Familie aber eine Nahbetreuung möchte. Das passiert dann, wenn das Sterben bevorsteht und klar ist, dass jemand nicht mehr gesund wird und die Familie nicht rund um die Uhr beim Verstorbenen sein kann.

Warum engagieren Sie sich in der Hospizbewegung?

Ich habe im Alter von 13 Jahren miterlebt, wie meine Mutter im Krankenhaus verstorben ist. Für meine beiden jüngeren Geschwister und mich gab es keine Unterstützung, nicht einmal in der Schule. Das ist schon 42 Jahre her, aber genau das erzählen mir heute noch viele, die eine Ausbildung bei uns machen. Als Kind wird man oft angeschwiegen. Kinder werden mit ihren Sorgen und Gefühlen alleine gelassen.

Sonntags-Talk, Trauerbegleitung, Allerheiligen SALZBURG24 / Marcel Wurzer
Mai Ulrich im Gespräch mit S24-Redakteur Thomas Pfeifer.

Man muss mit Kindern ganz offen reden und sie brauchen Unterstützungsangebote in ihrer Altersgruppe. Das war für mich der Antrieb, mich der Trauer- und Sterbebegleitung anzunähern. Ursprünglich habe ich mal Geige am Mozarteum studiert und wurde zur Ingenieurin für Nachrichtentechnik ausgebildet.

Und seit wann engagieren Sie sich dafür?

1997 habe ich ehrenamtlich in der Hospizbewegung angefangen, ein Jahr später wurde ich angestellt. Mittlerweile kümmere ich mich um den Trauerbereich und die Bildung, also die Ausbildung ehrenamtlicher Trauer- und Sterbebegleiter. Zudem schule ich Personal in Seniorenhäusern.

Ist jeder für diese Aufgabe geeignet?

Zurzeit haben wir etwa 140 ehrenamtliche Trauerbegleiter im ganzen Bundesland und das ist nicht ausreichend. Wir kommen ziemlich an unsere Grenzen. Und nicht jeder, der mitmachen möchte, ist auch geeignet. Wir haben ein Aufnahmeverfahren und schauen uns die Interessierten sehr genau an. Nur helfen zu wollen, kann für die Betroffenen zur Belastung werden.

Warum ist Trauerarbeit so wichtig?

Alle Krisen im menschlichen Leben haben im Grunde etwas mit Verlust und Veränderung zu tun, und damit auch mit Trauer. Trauer ist eine Grundressource unseres menschlichen Lebens, die es uns möglich macht, Dinge und Veränderungen auszuhalten, damit zurechtzukommen und daraus neuen Mut zu schöpfen. Unsere Trauerfähigkeit ist ganz wichtig.

Wenn man mal genauer hinschaut, haben viele Jugendliche schon Erfahrungen mit Verlust und vor allem Suizid im weiteren Umfeld gemacht. Das ist ein absolutes Tabu-Thema. Mit der Kontaktstelle Trauer haben wir eine Beratungsstelle für Menschen in allen Verlustsituationen geschaffen. Dort bieten wir Entlastungsgespräche, Trauergruppen oder Trauerbegleitung an. Es sind in der Vergangenheit schon Psychologen, Psychotherapeuten, Pfarrer und Seelsorger auf mich zugekommen, weil sie mehr über Trauerarbeit erfahren wollen. Mein Eindruck ist, dass das Trauer-Thema lange Zeit auch in fachlichen Kreisen kaum wahrgenommen worden ist. In den letzten zehn bis 15 Jahren hat sich da einiges getan, auch bei Lehrerinnen und Lehrern, weil sie an Schulen mit Kindern und Jugendlichen konfrontiert sind, die von Scheidungen oder Todesfällen innerhalb der Familie und im Freundeskreis betroffen sind.

Wann passiert Trauerarbeit?

Im direkten persönlichen Umfeld machen wir ohnehin Trauerarbeit, weil wir für Freunde da sind oder jemanden zuhören. Das Problem ist, dass wir Menschen immer den Anspruch an uns selbst haben, das Richtige in einer solchen Situation zu sagen. Soll ich jemanden auf seinen Verlust ansprechen oder nicht? Wir machen uns sehr viele Gedanken und dann fallen oft Sätze wie 'Das wird schon wieder' und sowas geht gar nicht. Was wirklich hilft, ist dem Menschen Vertrauen zu schenken und sich Zeit zu nehmen, ohne etwas zu bewerten.

Wie äußert sich Trauer?

Trauer äußert sich auf allen Ebenen des Menschseins. Es ist ein unglaublich individueller Prozess, den jeder Mensch anders erlebt und für den jeder mehr oder weniger Zeit braucht. Trauerprozesse können Jahre dauern und das ist nicht abnormal. Trauer kann auf den Körper wirken, das äußert sich in Appetitlosigkeit, irrsinniger Müdigkeit und großer Erschöpfung. Hinzu kommen Gefühle wie Wut, Verzweiflung, Leere, Sehnsucht, aber auch Liebe und Dankbarkeit. Betroffene ziehen sich oft entweder zurück oder werden sehr aktiv. Alkohol, Drogen und Medikamente sind ebenso ein großes Thema bei der Trauerbewältigung, weil auch oft das Umfeld fehlt. Dass ist jetzt aber nicht negativ zu bewerten. Der Mensch versucht auch da – so gut er kann – mit seiner Situation umzugehen.

Sonntags-Talk, Trauerbegleitung, Allerheiligen SALZBURG24 / Marcel Wurzer
Mai Ulrich hat "ein unterhaltsames Trauerspiel" entworfen.

Besonders nach einem Suizid kommt die ganze Wucht auf die Hinterbliebenen zu. Das sind Themen, bei denen es schnell um Schuld und Schuldgefühle geht. Und da reagieren wir als Gesellschaft auch schnell, dass wir diese Fragen ausreden wollen: 'Du hast ja keine Schuld und brauchst nicht so denken.' Aber diese Gedanken sind trotzdem da. Zwar wird es kaum Antworten geben, weil die Warum-Frage oft nicht zu beantworten ist. Aber man muss diese Fragen aushalten.

Wie kann man den Angehörigen helfen?

Man muss mit ihnen ins Gespräch kommen und dadurch herausfinden, in welchem Schmerz sie gerade sind. Manchmal ist der sterbende Mensch schon im Einklang mit der Situation, für die Angehörigen ist es dennoch wahnsinnig schwierig. Bei einer langen Erkrankung läuft der Prozess des Verabschiedens schon. Bei einem tödlichen Unfall oder Suizid geht das nicht vorher. Verabschieden nach dem Tod kann man sich aber immer noch. Jede angezündete Kerze oder jedes aufgestelltes Bild ist ein Abschiedsritual.

Sonntags-Talk, Trauerbegleitung, Allerheiligen SALZBURG24 / Marcel Wurzer
Mai Ulrich hat 1997 in der Hospizbewegung angefangen.

Wir können als Gesellschaft ganz viel tun, indem wir Menschen als lebendige Wesen bis zum Schluss wahrnehmen und nicht bei einer bestimmten Diagnose abschreiben und warten, bis das Ende kommt. Es geht um Wertschätzung, Aufmerksamkeit, Zuwendung und Vertrauen. Trauerbegleitung ist immer eine Verbindungs- und keine Trennungsarbeit. Es geht um die Verbindung zum Verstorbenen und nicht um das Loslassen – das ist bei uns ein Unwort. Natürlich muss ich ohne den anderen weiterleben und Trauer hilft mir dabei, dass ich das schaffe.

Danke für das Gespräch.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: SALZBURG24)

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