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Sonntags-Talk

"Keiner will sich mehr spontan kennenlernen"

Salzburger Soziologin über die Liebe auf den ersten Blick

Kornelia Hahn, So-Talk SALZBURG24/WURZER
Kornelia Hahn in ihrem Büro an der Uni Salzburg.

Ein Wisch nach rechts und schon hat man ein Date – so leicht funktioniert die Partnersuche trotz Tinder und Co. auch heute nicht. Anlässlich des Valentinstages am 14. Februar haben wir mit Kornelia Hahn, Soziologin an der Universität Salzburg, im Sonntags-Talk über den Anfang einer Liebesbeziehung gesprochen und gefragt, ob uns Dating-Apps die Romantik rauben.

Salzburg

Kornelia Hahn ist Professorin für Soziologie an der Uni Salzburg. Sie forscht unter anderem über Beziehungsdynamiken in den Bereichen intimer Beziehungen, Körperbehandlungen und privaten Konsums.

SALZBURG24: Wie hat sich die Partnersuche durch das Internet bzw. Dating-Apps verändert?

KORNELIA HAHN: Es ist eine allgemeine Vorstellung, dass jetzt in Zeiten von Tinder alles ganz anders ist. Das bezweifle ich aber stark. Natürlich wischt man in der App nach links oder rechts, abhängig davon, wer mir gefällt. Aber auch auf Partys kann ich jemanden links liegen lassen oder rechts in den Arm nehmen. Das Selektionsprinzip gab es schon immer.

Die Partnersuche an sich funktioniert nach ganz formalen Kriterien. Früher gaben die Eltern diese vor. Heute fungiert Tinder als Heiratsvermittler. Wir haben zwar die freie Wahl – theoretisch zumindest – dennoch verfahren wir in ganz festen Strukturen. In Beziehungen herrscht weiterhin eine starke Homogenität in Bezug auf soziale Herkunft, Bildung und Sozialisation, auch Alter und Ethnie. Gleich und gleich gesellt sich eben gern.

 

Geht das Kennenlernen durch Dating-Apps schneller als früher?

Ja und Nein. Mit Dating-Apps kann man innerhalb kürzester Zeit unzählig viele neue Leute kennenlernen, weil man so einen großen Pool an Personen hat. Allerdings besteht der Pool lediglich aus kleinen Porträts. Dadurch erhalte ich weniger Informationen, als wenn ich jemanden auf einer Party sehe. Dort erlebe ich, wie sich die Person bewegt, wie sie spricht, wie die Stimme ist. Das spielt bei der Partnerwahl eine große Rolle. Ich habe auf Dating-Plattformen zwar viel mehr Leute, aber eigentlich bieten mir die Apps einen eingeschränkten Informationsschatz. Das muss man auch sehen.

Menschen nutzen die Dating-Seiten allerdings unterschiedlich. Auf der einen Seite gibt es Leute, die sie als Instrument nutzen, um Kontakt zu schließen und sich rasch zu treffen. Es gibt aber auch jene, für die die anfängliche Distanzierung wertvoll ist. Man schreibt zunächst in kurzen Chats, dann längere Emails, ehe man telefoniert und sich erst ganz spät trifft. Die Phase des Kennenlernens wird dabei massiv ausgeweitet. Vor dem ersten Treffen kennt man sich eigentlich schon ganz gut. Das erinnert schon ein bisschen an die Zeiten von Jane Austen. Ich finde es hochinteressant, dass die neuen Medien in einer Form genutzt werden können, die wir eigentlich nur aus vergangenen Zeiten kennen.

Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre kam es auf eine lange Kennenlernzeit beispielsweise gar nicht an. Man hat früh und rasch geheiratet und das auch nicht aufwendig im Gegensatz zum heutigen Trend. Eine Hochzeit zwischen zwei Vorlesungen ist ja der Klassiker der 70er-Jahre.

Kornelia Hahn, So-Talk SALZBURG24/WURZER
Kornelia Hahn ist stellvertretende Fachbereichsleiterin am Institut für Politikwissenschaft und Soziologie.

Legen wir uns durch die größere Auswahl auf den Dating-Seiten überhaupt noch fest?

Jein. Dass man sich nicht mehr ewig bindet, war auch bereits vor den Apps so. Das zeigen uns sinkende Heiratszahlen und steigende Scheidungsraten der letzten Jahrzehnte. Die Lockerung kann man also nicht den Medien ankreiden.

Ja, insofern, als dass wir durch die Online-Apps viel mehr Chancen haben. Aber ich glaube, diese werden maßlos überschätzt. Natürlich sind da teils Millionen Menschen auf einer Plattform angemeldet. Aber diese nützen mir gar nichts. Es kommt ja nur in den wenigsten Fällen zu realen Kontakten.

Auch wenn die Sache eher wie die Taube auf dem Dach ist als wie der Spatz in der Hand, vermittelt es mir das Gefühl einer reichen Auswahl. Vergleichbar ist es mit der Neigung im Internet zu kaufen oder zumindest sich dort zu informieren. Ich verschaffe mir dabei ja zunächst einen Überblick über den Gesamtmarkt und entwickle Entscheidungskriterien, wo ich schlussendlich zugreifen möchte. Dieser Prozess geht also weniger von dem einzelnen Medium aus, als vielmehr von einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung.

Das klingt wenig romantisch. Gibt es die Liebe auf den ersten Blick noch?

Da würde ich fragen: Gab es die überhaupt schon einmal? Liebe ist für mich etwas, was vor allen Dingen mit einer subjektiven Interpretation zu tun hat. Einfacher ausgedrückt: Wenn Leute erklären, dass sie sich auf den ersten Blick verliebt haben, besteht da für mich kein Zweifel, dass das nicht so ist. Wenn Leute sagen, sie glauben nicht an die Liebe auf den ersten Blick, sondern sie müssen jemanden zuerst ganz genau kennenlernen, ehe sie sich verlieben, glaube ich das auch.

Interessant ist, dass wir oft so ein allgemeines Verständnis davon haben, was denn das eine Liebesmodell für alle sein sollte. Wir tun dann so, als ob das bei allen anderen oder auch bisher in der Geschichte immer so abgelaufen ist.

Innerhalb der Soziologie gehen wir davon aus, dass intime Beziehungen an übergreifende sozialstrukturelle Faktoren angepasst sind, so wie man sich das zum Beispiel auch in der Wirtschaft vorstellt. Auf mittelalterlichen Märkten ist anders gehandelt worden, als jetzt im Internet oder in einer Shopping-Mall. Gleich ist, dass man Produkte gegen Geld tauscht. Trotzdem ist dieser übergreifende Rahmen, in dem dieses Handeln stattfindet, im Mittelalter ein ganz anderer als in einer westlichen, modernen Gesellschaft. In Bezug auf intime Beziehungen ist es genauso.

 

Glauben Sie selbst an die Liebe auf den ersten Blick?

Das weiß ich nicht, ehrlich gesagt. Ich bin ja Theoretikerin. Das hat meines Erachtens mit Glauben nichts zu tun.

Liebe auf den ersten Blick ist für mich Teil eines Modells. Ich glaube nicht an die Universalität dieses Modells. Woran ich in der Tat glaube, ist, dass individuelle Erfahrungen auch die Aufnahme von intimen Beziehungen bestimmen. Je nachdem welche Erfahrungen man gemacht hat, hat man eher eine Neigung, an Liebe auf den ersten Blick zu glauben und auch diese zu erleben.

 

Würde in unserer heutigen Gesellschaft eine Partnersuche ohne Tinder und Co noch funktionieren?

In unserem 2020 ist unheimlich attraktiv, dass es so viele verschiedene Möglichkeiten des Kennenlernens gibt. Natürlich kann man sich am Arbeitsplatz kennenlernen oder auf der Straße oder im Supermarkt. In Filmen funktioniert das ja immer. Aber in Wirklichkeit passiert das eher nicht. Es will zwar selten jemand zugeben, aber im Normalfall will sich ja heute auch keiner mehr spontan kennenlernen. Wenn man an der Supermarktkasse angesprochen wird, ist das wahrscheinlich ein ganz merkwürdiger Moment, in dem es viel Skepsis und Vorsicht gibt. Oder wie würden Sie reagieren, wenn jemand plötzlich sagt „Dein Kleid ist aber besonders sexy“?

Das hat auch mit den neuen Medien zu tun. Durch sie können wir uns distanziert und kontrolliert kennenlernen. Man kann die Leute vorher auschecken. Bevor man in ein neues Lokal geht oder ein Hotel bucht, schaut man sich ja auch die Webseite an und liest Bewertungen. Ohne zu wissen, wie die Zimmer aussehen oder was auf der Speisekarte steht, entscheidet man sich nicht. Das ist bei der Partnersuche genau dasselbe. Eine kurze Google-Suche und die Social-Media-Profile einer Person verraten schon sehr viel. Ohne diese Information ist alles suspekt. Da kommt schwierig etwas zustande. Ich erwarte, dass Dating ohne Social Media oder Apps immer schwieriger wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 05.07.2020 um 03:27 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/stadt/soziologin-kornelia-hahn-im-sonntags-talk-keiner-will-sich-mehr-spontan-kennenlernen-83035264

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