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Strafen für Gewalttäter: Was sagen Salzburger Betroffene und Experten?

Die Flachgauerin Andrea wurde von Kindheit an missbraucht, wie sie gegenüber S24 erklärte. (Themenbild) APA/dpa/Bleul/Archiv
Die Flachgauerin Andrea wurde von Kindheit an missbraucht, wie sie gegenüber S24 erklärte. (Themenbild)

Strengere Strafen für Vergewaltiger, härteres Vorgehen gegen Gewalttäter: Eine Task Force um die Salzburger Staatssekretärin Karoline Edtstadler (ÖVP) liebäugelt mit schärferen Strafen und will diese Täter länger hinter Gitter stecken. Juristen bezweifeln, dass das was bringt. Aber was hätten Opfer davon? Wir haben uns mit einem Opfer von Missbrauch aus dem Flachgau und Salzburger Experten unterhalten.

Seit sie ein kleines Kind war, wurde Andrea immer wieder von ihrem Vater vergewaltigt. Unzählige Male, vom Kindergartenalter an, bis sie 16 war. Zusätzlich verprügelte er sie mit Kochlöffeln. So fest, dass sie an ihrem Körper zerschellten. Mit zehn Jahren kam die gebürtige Niederösterreicherin in Wien auf ein katholisches Internat. „Von einer Hölle in die andere“, schildert die 52-Jährige, die heute im Flachgau lebt, gegenüber S24. Im Internat wird sie wieder missbraucht. Mit 17 zieht sie zu Hause aus, die Folgen der Prügel und Vergewaltigungen spürt sie aber bis heute.

Drei Mal versuchte Andrea sich umbringen. Sie hat Dissoziationen, weiß also oft zu Mittag nicht mehr, was sie den ganzen Vormittag gemacht hat. Und manchmal reißen die Narben an Andreas Körper auf, die Vaters Kochlöffel hinterlassen haben. Andrea arbeitete über 20 Jahre als leitende Pflegekraft. Irgendwann übermannten sie die Folgen ihrer Vergangenheit. Sie bekommt jetzt Invalidenpension.

Andreas Vater, der Gewalttäter und Vergewaltiger, ist vor sieben Jahren gestorben. Und trotzdem stellt sich die Frage: Welche Strafe hätte der Mann verdient?

Strafrechtsreform soll härtere Strafen für Sex-Täter bringen

Geht es nach Karoline Edtstadler (ÖVP), wäre es eine harte Strafe. Die Salzburgerin soll als Staatssekretärin für die ÖVP im Innenministerium eine Strafrechtsreform leiten. Das Ziel: Gewalt- und Sexualtäter sollen härter bestraft werden, wer Kinder, Frauen oder Männer missbraucht oder vergewaltigt, wer Menschen halb zu Tode schlägt, soll nicht mit ein paar Monaten hinter Gitter davonkommen. Bei Vermögensdelikten soll dagegen die Strafe sinken.

Genau das bezweckte auch die Strafrechtsreform 2016. Der Strafrahmen für schwere Körperverletzung mit Dauerfolgen wurde verdoppelt und wird jetzt mit ein bis zehn Jahren bestraft. Der gleiche Rahmen gilt für eine Vergewaltigung. Leidet das Opfer längere Zeit an den Qualen, stehen fünf bis 15 Jahre an. Die Strafen jetzt weiter anzuheben, lehnen viele Juristen und Politiker ab. Aber Opfervertreter und Opfer von Gewalt wollen durchaus, dass härtere Strafen ausgesprochen werden als derzeit üblich.

„Niedrige Strafen sind für das Opfer ein Schlag ins Gesicht“

„Wenn die Strafe niedrig ist, ist das für das Opfer ein Schlag ins Gesicht“, sagt Stefan Rieder, Landesleiter der Opferhilfe Weißer Ring in Salzburg. Nach oben ließe das Gesetz auch jetzt hohe Strafen zu. „Aber hin und wieder sind die verhängten Strafen zu niedrig“, erklärt Rieder. Was er sich vorstellen könnte: Eine Mindeststrafe.

Mindeststrafe, das klingt auch für Reneé Mader vom Gewaltschutzzentrum Salzburg gut. Für Menschen, die missbraucht wurden, stehe aber eine grundsätzliche Frage über Schuld im Vordergrund, sagt Mader: „Dem Opfer geht es darum, dass das Gericht anerkennt, dass ihnen massives Unrecht getan worden ist und dem Täter durch das Urteil die Verantwortung gegeben wird“, sagt Mader. Also ein klares Ja zur konsequenten Bestrafung von Tätern. Aber: „Den Opfern ist die genaue Strafhöhe nicht relevant“, sagt Mader. Ist das so?

„Was passiert, wenn er wieder rauskommt?“

„Mein Vater hätte sein ganzes Leben lang weggesperrt werden müssen, damit ich meine Ruhe habe“, sagt Andrea. Schon beim Gedanken an eine Anzeige verfiel sie in Panik. „Was passiert, wenn er wieder rauskommt?“, gräbt Andrea ihre Gedanken von damals aus. Ein Gedanke setzt sich fest: „Ich dachte, er bringt mich um.“

Die Flachgauerin leitet eine Selbsthilfegruppe für Opfer von sexuellem Missbrauch. In der achtköpfigen Runde leiden alle unter den Folgen der Übergriffe. Immer wieder landen einzelne in der psychiatrischen Klinik, bei manchen sind Selbstmordgedanken ständig im Kopf. Es gebe niemanden, der sich mit einer geringeren Strafe für Sexualstraftäter abfinden könne, sagt Andrea. Das Wissen, dem Täter über den Weg laufen zu können, lässt demnach Opfer auch nach langer Zeit nicht los – auch wenn hier sexuelle Gewalt eine Extremform darstellt. Das Leiden der Missbrauchsopfer ist auch der Punkt, den Opfervertreter für wichtiger halten, als eine Diskussion um die Höhe der Strafen.

Täter müssen sich in Opfer hineinversetzen

Opferbetreuung, Täterarbeit, Ambulanzen für Missbrauchsopfer: Das sind die Punkte, die laut Gewaltschutzzentrum-Chefin Mader und Weißer-Ring-Landesleiter Rieder angegangen werden sollten. Ein Problem sei, dass nur etwa zehn Prozent der Gewalttaten and Missbrauchsfälle an Frauen angezeigt werde, sagt Mader. Davon wiederum führe nur ein kleiner Teil zur Anklage. Das würde Mader mit zwei Maßnahmen bekämpfen. Einerseits fordert sie Kampagnen, die Opfern von Gewalt und Missbrauch die Angst nehmen sollen, die Taten anzuzeigen.

Andererseits sieht sie eine forensische Ambulanz als notwendig. Ein Grund, warum wenige Anzeigen zu einer Anklage führen würden, sei die schwierige Beweisführung, meint Mader. Verletzungen, die aufgrund eines Missbrauchs entstanden sind, würden von normalen Ärzten oft nicht erkannt. Werden sie aber nicht richtig dokumentiert, können sie auch für die Beweisführung nicht herangezogen werden. Eine forensische Ambulanz ist auf diese Verletzungen spezialisiert. In Graz gebe es schon eine, in Salzburg müsse eine her, sagt Mader.

Wenn Gewalt- und Missbrauchstäter verurteilt werden, sollte diese Strafe nicht allein stehen, fordert Mader. „Gerichte dürfen Täterarbeit anordnen, aber zu wenige tun es“, sagt Mader. Dabei werden Täter immer wieder mit den Folgen für das Opfer konfrontiert. Sie lernen, ihre Tat aus der Perspektive ihres Opfers zu sehen. „So wird versucht, ein Verständnis zu schaffen, was er dem Opfer angetan hat“, erzählt Mader. Durch die neue Strafrechtsreform solle die Täterarbeit berücksichtigt werden, erklärt Staatssekretärin Edtstadler bei „Im Zentrum“. Bisher ging das im Wirbel um die höheren Strafen unter.

Strafrechtsreform? "Das verändert nix"

Härtere Strafen und Co: Andrea ist skeptisch, was bisher zur Strafrechtsreform diskutiert wurde? „Das verändert nix“, glaubt Andrea. „Es bleibt trotzdem bei den zehn Prozent, die solche Taten anzeigen.“ Politiker reden mit Juristen, Juristen reden mit Opfervertretern. Aber egal, wie die Strafrechtsreform am Ende aussieht: Es würden dadurch nicht weniger Menschen misshandelt und nicht mehr Täter gefasst, fürchtet Andrea.

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