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Tödliche Messerattacke im Lehener Park: War es Notwehr?

Der Hauptangeklagte mit seinem Verteidiger. APA/Gindl
Der Hauptangeklagte mit seinem Verteidiger.

Im Zuge eines Familienstreits stach ein damals 15-jähriger Afghane im September des Vorjahres einen 50-Jährigen nieder, der Mann starb wenig später. Am Mittwoch müssen sich deswegen acht Afghanen, drei Türken und ein Kosovare vor Gericht verantworten. Der Verteidiger des 16-Jährigen, Wolfgang Hauptmann, konnte kein Motiv für einen Mord erkennen.

Der junge Afghane wurde wegen Mordes angeklagt. Sieben weiteren Afghanen im Alter zwischen 17 und 21 Jahren warf Staatsanwalt Leon-Atris Karisch absichtlich schwere Körperverletzung mit Todesfolge vor. Die zweite Gruppe bestehend aus drei Türken und einem Österreicher mit Migrationshintergrund wurde wegen Raufhandels angeklagt. Die Männer sind zwischen 21 und 37 Jahre alt.

Verteidiger: Es gab kein Mordmotiv

Sein Mandant leugne nicht, dass er zugestochen habe. "Aber welche Gründe sollte ein damals 15-Jähriger haben, einen Erwachsenen, den er nicht kannte, mit dem Messer zu töten? Er hatte kein Mordmotiv. Er hat in Notwehr, in Nothilfe gehandelt", erklärte der Rechtsanwalt.

Die Afghanen seien vielleicht zahlenmäßig überlegen gewesen, "aber kräftemäßig waren sie unterlegen", verwies Hauptmann auf die großteils zierlichen Burschen der afghanischen Gruppe und einige korpulent wirkende, türkische Beschuldigte. Diese hätten einen Meter lange Holzstöcke in den Händen gehalten, da sei man mit einem Messer im Nachteil gewesen, meinte der Verteidiger.

"Mein Mandant wurde von zwei Türken attackiert, er hat sich gefürchtet", sagte Hauptmann. Erst während der Auseinandersetzung im Park habe er ein Messer genommen und dieses dann vor sich hingehalten, um sich Distanz zu den Kontrahenten zu verschaffen. Dass sich die türkischen Gegner laut Staatsanwalt bereits in einer "Fluchtbewegung" befanden, als der 16-Jährige mit dem Messer zugestochen habe, stimme nicht, betonte der Anwalt. "Das war in der aggressiven Phase von beiden Seiten." Sein Mandant habe in Abwehr gehandelt, um einen in Not befindlichen, 16-jährigen Afghanen zu helfen, der gerade attackiert worden sei.

Eifersuchtsdrama im Lehener Park

Der Verteidiger eines 17-jährigen Afghanen, Michael Hofer, bezeichnete die Schlägerei in dem Park gar als "Salzburger Variante der West Side Story". Es handle sich um ein Eifersuchtsdrama, das tragisch endete, sagte der Rechtsanwalt. Der 17-Jährige sei "in der Hauptsache" nicht dabei gewesen, "am Tatort wurde keine einzige DNA-Spur von ihm gefunden".

Jener 19-jährige Afghane, der den Sohn des späteren Todesopfer am Vortag geschlagen haben soll, gesteht diese Tat auch ein, wie sein Verteidiger Johann Meisthuber sagte. Zu den anderen Vorwürfen sei er aber nicht geständig. Der Bursch sei deshalb in den Park gekommen, um sich bei den Türken für den Vorfall am Vortag zu entschuldigen. Es habe kein bewusstes Zusammenwirken der Beteiligten im Park gegeben, die Anklage sei nur eine Version des Staatsanwaltes, aber kein Dogma. "Dass es zu dem tragischen Vorfall gekommen ist, bedauert mein Mandant sehr."

Doch keiner der Beteiligten habe die Folgen und Konsequenzen vorhersehen können, meinte Meisthuber. "Hier geht es um falsches Ehrgefühl. Wir haben es mit zwei Parallel-Gesellschaften zu tun. Es geht um ethnisch-kulturelle Divergenzen, um Eitelkeiten in Bezug auf die Ehefrau oder die Freundin, die besondere Emotionen hervorrufen."

Einer der zwölf Angeklagten./APA/BARBARA GINDL Salzburg24
Einer der zwölf Angeklagten./APA/BARBARA GINDL

Aussprache arteten in Gewalt aus

Auslöser des Kampfes war ein Vorfall am Tag zuvor. Der 18-jährige Sohn des 50-jährigen Türken war mit der Freundin eines 19-jährigen afghanischen Angeklagten am Vorplatz des Salzburger Hauptbahnhofes ins Gespräch gekommen. Das dürfte den Afghanen und einigen nun mitangeklagten Freunden, die mit ihm unterwegs waren, geärgert haben. Sie schlugen mit einer Gürtelschnalle auf den Türken ein, er erlitt eine Schädelprellung und ein Hämatom am Auge.

Der Verletzte erzählte zu Hause, was am Bahnhof passiert war. Deshalb sollen sein Vater und Verwandte eine "Aussprache" mit den Afghanen für den nächsten Tag im Lehener Park arrangiert haben. Allen sei klar gewesen, dass es zu einem Kampf kommen werde, sagte der Staatsanwalt. Die afghanische Gruppe, sie sind Asylwerber, subsidiär Schutzberechtigte oder anerkannte Flüchtlinge, sollen vor der Zusammenkunft noch aus ihrem "Waffenversteck" im Bahnhofsbereich Messer, Holzstöcke und Glasflaschen geholt haben. Als die im Park versammelten Türken sahen, dass ihre Rivalen bewaffnet waren, zerlegten sie laut Karisch einen Plakatständer und "verschafften sich mit den Holzstehern Schlagwaffen". Dann gingen die beiden Gruppen aufeinander los.

Für Ältesten endet Kampf tödlich

Für den Ältesten endete der Kampf tödlich. Als sich die Türken zurückzogen und zu ihrem in der Nähe geparkten Wagen flüchteten, fiel der 50-Jährige etwas zurück, wie der Staatsanwalt schilderte. Der Mann stürzte, die Gegner schlugen "massiv mit Gegenständen" auf ihn ein. Dabei soll ihm der 16-Jährige mit einem Messer, das eine 15 Zentimeter lange Klinge aufwies, in den Rücken gestochen haben. "Der Stich war tief, das Messer drang bis in den Bauchbereich", erklärte Karisch. Er geht von einem zumindest bedingten Tötungsvorsatz aus. Auch die anderen Beteiligten seien mit einer hohen Aggressionsbereitschaft und Brutalität vorgegangen. Sie hätten in Kauf genommen, dass auch tödlichen Verletzungen passieren können, sagte der Staatsanwalt.

Der 50-jährige Schwerverletzte wurde von seiner Gruppe in den Wagen gezerrt und ins Krankenhaus gebracht. Dort erlag er seinen Verletzungen. Sogar auf das Fahrzeug der Türken hätten die Gegner noch heftig eingeschlagen, erklärte Karisch. Von der Prügelei gibt es auch ein kurze Videoaufnahme eines Zeugen. Zudem wurde die Auseinandersetzung von Anrainern beobachtet. Der Handlungsablauf leite sich aus den DNA-Spuren - auf dem Messer wurden Blutspuren vom Todesopfer und dem 16-Jährigen festgestellt - als auch aus den Zeugenbefragungen und den Aussagen der türkischen Tätergruppe ab, so der Staatsanwalt.

Schwieriger Großprozess gestartet

Der Prozess ist in dieser Woche an drei Tagen anberaumt, verhandelt wird voraussichtlich bis August. In der nächsten Woche findet der Prozess am Dienstag und Mittwoch statt, wie die Vorsitzende des erweiterten Schöffensenates, Richterin Bettina Maxones-Kurkowski erläuterte. Nach einer zweiwöchigen Pause wird jeweils am Dienstag und Donnerstag weiterverhandelt. Bei dem Prozess sollen insgesamt 59 Zeugen aussagen.

Drei der beschuldigten Afghanen standen im Dezember 2015 wegen Cannabis-Handels im Lehener Park vor Gericht, darunter der 16-Jährige. Der Prozess wurde im April beendet, der 16-Jährige erhielt bereits im Dezember wegen unerlaubten Umgangs mit Suchtgiften ein Jahr Probezeit im Rahmen einer Diversion.

(APA)

(Quelle: S24)

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