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Totengräber Adem Celebi im Sonntags-Talk: "Viele hören wieder auf, wenn sie ihre erste Leiche sehen"

Seit 15 Jahren ist der Tod sein ständiger Begleiter: Adem Celebi ist Totengräber auf den Friedhöfen der Stadt Salzburg. Beim Gespräch in der Aussegnungshalle am Kommunalfriedhof erzählt der gelernte Metzger von seinen Erlebnissen am Friedhof, warum man als Totengräber besonders fröhlich sein muss und, warum er keine Angst vor dem Sterben hat.

SALZBURG24: Herr Celebi, wie sind Sie Totengräber geworden?

ADEM CELEBI: Vorher war ich Metzger und eine Stelle als Totengräber war frei. Und weil man ja als Metzger schon die Arbeit mit Knochen kennt, meinte mein Chef damals, ich sei dafür gut geeignet. Viele, vor allem junge Leute, die mit dem Job anfangen sehen ihre erste Leiche und hören wieder auf. Es ist ein schwieriger Job.

Den Anblick von Toten einmal ausgenommen: Was macht Ihre Arbeit so schwierig?

Es ist eine körperlich anstrengende Arbeit. Früher war es noch schwerer, da mussten wir alles mit der Hand graben, bevor wir einen Bagger bekommen haben. Und man muss bei jedem Wetter draußen sein, wenn es schneit und kalt ist, auch bei Regen: Wir müssen die Termine einhalten.

Es gibt nur vier Totengräber für den Kommunalfriedhof, den Friedhof in Gnigl, in Aigen, Maxglan und Morzg sowie den Sebastiansfriedhof. Wenn da einer auf Urlaub ist oder krank, merkt man das. Dann haben wir mehr Arbeit, vor allem im Winter. Da sterben einfach mehr.

Ist es schwer Leute zu finden, die diese Arbeit machen wollen?

Ja, die jungen Leute finden das nicht so interessant. Österreicher finden sich für den Job nur schwer. Mein Arbeitskollege ist Türke, ich bin auch Türke, einer ist aus Tunesien und ein anderer Mazedonier.

Es ist auch nicht ungefährlich. Ich habe mir in der Baggerschaufel den Finger eingezwickt und das erste Fingerglied abgetrennt: Ich hatte gerade die Baggerschaufel festgehalten, als ein Kollege aus Versehen bei der Fernbedienung ankam.

Was gehört denn zu Ihrem Job alles dazu – graben Sie nur Gräber oder haben Sie auch noch andere Aufgaben?

Wenn wir Zeit haben unterstützen wir die Gärtner. Dann bringen wir Laub weg oder den Mist. Jetzt, zu Allerheiligen, sind zwei Kollegen abgestellt, um den Gärtnern zu helfen. Das ist für uns eine sehr stressige Zeit, wir haben da zwei Wochen Urlaubssperre. Da mache ich die Beisetzungen alleine. Nach Allerheiligen wird es ein bisschen ruhiger, zumindest bis es schneit. Dann müssen wir Schneeschaufeln und wenn es gefriert wird das Graben fast unmöglich.

Machen Sie ihren Job gerne?

Ja, jetzt wo ich es gewöhnt bin schon, da ist es mir wurscht. Ich grabe auch hauptsächlich mit dem Bagger, das ist wie Playstation spielen (lacht).

Am Salzburger Kommunalfriedhof erledigt Adem Celebi täglich seinen Job. Foto: SALZBURG24/Winkler Salzburg24
Am Salzburger Kommunalfriedhof erledigt Adem Celebi täglich seinen Job. Foto: SALZBURG24/Winkler

Die meisten Menschen kommen nach Hause und reden dann über ihre Arbeit. Können Sie das auch tun?

Ich rede gerne über meinen Job. Die Leute kennen meine Arbeit ja meistens nicht. Die sind schon neugierig, aber wollen nicht, dass ich über Leichen oder das Krematorium rede. Oder auch Exhumierungen, wenn die Leichen zehn Jahre alt sind. Das ist schlimmer, als wenn man eine frische Leiche sieht. Aber auch daran gewöhnt man sich. Viele denken sich: "Ah Totengräber, das geht eh alles mit dem Bagger." Den meisten ist nicht bewusst, wie hart diese Arbeit ist.

Der Tod ist Ihr täglicher Begleiter. Was haben Sie für ein Verhältnis zum Tod?

Wenn man öfter Tote sieht, dann ist das schon ein anderes Gefühl. Früher brauchte ich danach zumindest einen Schnaps, aber ich kann ja nicht betrunken arbeiten gehen (lacht). Das ist eine andere Welt, wenn man am Friedhof arbeitet. Man denkt auf jeden Fall mehr über das Leben nach. Man weiß nie, wann man sterben wird. Und wenn man jeden Tag Leichen sieht, dann denkt man mehr darüber nach, was nach dem Tod kommt. Man schätzt das Leben auch mehr.

Haben Sie selbst Angst vor dem Sterben?

Nein, eigentlich nicht. Man weiß genau, einmal kommt das Ende. Und wenn man jünger ist, denkt man darüber gar nicht nach. Aber wenn man älter wird, und in diesem Job arbeitet, macht man sich mehr Gedanken.

Finden Sie, die Leute sollten offener über den Tod reden oder über das Sterben? Das ist ja ein Thema, das den meisten unangenehm ist.

Ja, finde ich schon. Nur, über den Tod zu reden, das macht die meisten Leute traurig, deshalb vermeiden wir das eben lieber.

Als Totengräber sind Sie auch direkt bei Beerdigungen dabei. Geht Ihnen die Trauer der Angehörigen dann auch oft nahe oder blenden Sie das aus?

Die Trauer bekommt man mit, weil wir müssen mit dem Zuschaufeln warten, bis sich die Angehörigen verabschiedet haben. Vor allem, wenn Kinder sterben und man die Trauer der Eltern sieht, das geht mir sehr nahe.

Gibt es da Erlebnisse, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Einmal war ich bei der Beerdigung eines Babys. Das war fünf, sechs Monate alt und Teil eines Zwillings. Nach einem Monat ist auch das zweite Baby gestorben. Das war für mich sehr traurig. Eine Frau ist auch nach der Beerdigung ihres Mannes auf den Friedhof zurückgekommen und hat sich neben das Grab ihres Mannes gelegt. Am nächsten Tag haben wir sie dort tot gefunden. Solche Dinge gehen mir nicht mehr aus dem Kopf, da fällt einem das Lachen schon oft schwer.

Sie scheinen trotzdem Ihre gute Laune nicht verloren zu haben. Was hilft Ihnen dabei?

Der Alltag. Mit meiner Frau ins Kaffeehaus gehen, mit dem Hund meiner Tochter spielen, Fußballschauen. Oder im Urlaub, da kann ich das alles vergessen. Dann wird das Aufstehen auch wieder leichter und man löscht diese Gedanken aus seinem Kopf.

Muss man als Totengräber ein besonders fröhlicher Mensch sein?

Ja, man darf auf keinen Fall vergessen, neben der Arbeit auch noch ein anderes Leben zu haben. Meine Familie hilft mir da sehr, vor allem meine Tochter hat viel Lebensfreude und ist immer lustig.

 

Herr Celebi, vielen Dank für das interessante Gespräch.

 

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an: nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 19.10.2019 um 09:49 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/stadt/totengraeber-adem-celebi-im-sonntags-talk-viele-hoeren-wieder-auf-wenn-sie-ihre-erste-leiche-sehen-57223933

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