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Vom Mann zur Frau: Erfahrungen einer Salzburgerin

Transidente Menschen leben im Körper des einen Geschlechts, identifizieren sich aber tatsächlich mit dem anderen. So erging es auch Lisa* aus Salzburg. Sie hat sich einer Geschlechtsanpassung unterzogen und lebt jetzt als Frau statt als Mann.

Lisa fühlte bereits mit sechs Jahren, dass sie ein Mädchen sein sollte. "Ich habe davon geträumt, ich sollte ein Mädchen sein. Ich habe nicht das Gefühl gehabt, ich bin ein Mädchen und ich schaue nur anders aus. Ich habe das Gefühl gehabt: Das wäre richtig", erzählt sie im Gespräch mit SALZBURG24.

Was ist Transidentität?

Laut Österreichischer Bioethikkommission "ist bei Transidentität ein Mensch eindeutig genetisch und/oder anatomisch bzw. hormonell einem Geschlecht zugewiesen, fühlt sich in diesem Geschlecht aber falsch oder unzureichend beschrieben (…). Das psychische Geschlecht (…) stimmt also nicht mit dem biologischen überein." Schätzungen zufolge betrifft das etwa fünf in 100.000 Personen. Dabei kommt die Mann-zu-Frau-Variante (6,8) wesentlich öfter vor als die Frau-zu-Mann-Variante (2,6). Befragungen in Deutschland, den USA und Niederlanden kamen zu dem Schluss, dass etwa ein Prozent der Bevölkerung eines Landes transident sei, informiert Anton Wittmann, Transgenderreferent der HOSI Salzburg.

Transident von Geburt an

Wie bei Lisa äußert sich das oft schon in der Kindheit. Aktuelle Studien gehen davon aus, dass sich die Geschlechtsidentität im Mutterleib entwickelt. So haben etwa Wiener Forscher herausgefunden, dass sich die Geschlechtsidentität in der Struktur von Hirnnetzwerken widerspiegelt. Diese bilden sich während der Entwicklung des Nervensystems unter Einfluss der Geschlechtshormone. Demnach sind Kinder vermutlich bereits bei ihrer Geburt transident. Die genauen Ursachen liegen aber noch im Dunkeln.

Erzählt hat Lisa bislang niemandem davon. Ihr "äußeres Outing", wie sie es nennt, traute sie sich erst vor neun Jahren zu. Zu diesem Zeitpunkt war sie verheiratet, hatte ihr ganzes Leben als Mann gelebt. "Ich habe immer geglaubt, ich übertauche das. Ich habe darauf gehofft, dass es aufhört", schildert die heute 52-Jährige. Aufgehört hat es nicht, im Gegenteil: Die Stimme im Kopf wurde immer lauter.

Geschlechtsanpassung genau geregelt

Dann hat Lisa sich gegenüber ihrer damaligen Frau geoutet. "Das war für sie zunächst die Hölle." Es folgten Gespräche mit Psychologen sowie Psychotherapeuten. Eine große Rolle bei der Entscheidung für eine Geschlechtsangleichung spielte in Lisas Fall auch das Alter. Jetzt oder nie, dachte sie sich.

Der Prozess einer Geschlechtsanpassung ist in Österreich rechtlich genau geregelt. Dabei gilt Transidentität immer noch als psychische Krankheit und muss zuallererst als solche diagnostiziert werden.

Transidentität gilt als Krankheit

Am Anfang stehen Gespräche mit Psychiatern, Psychologen und Psychotherapeuten am Plan. Sie müssen eine Behandlungsbestätigung ausstellen, denn die Psychotherapie steht im Zentrum des Prozesses. Der nächste Schritt ist die Hormonbehandlung und der letzte die geschlechtsangleichende Operation. Auch Lisa ist diesen Weg gegangen. Zusätzlich dazu hat sie sich auch im Gesicht Operationen unterzogen, weibliche Hormone muss sie täglich in Form eines Gels auftragen.

"Kann nicht 50 Jahre meines Lebens streichen"

Eine Herausforderung für Lisa war, ihr Leben als Mann in das als Frau zu integrieren: "Man hat in meinem Alter eine Vergangenheit und ich kann nicht 50 Jahre meines Lebens streichen." Also führte sie viele Outing-Gespräche, um die 60 seien es gewesen. Das alte Leben einfach abzuhaken und woanders ein neues zu beginnen ist für sie niemals in Frage gekommen: "Ich wollte das so durchziehen und das hat auch gut funktioniert. Da bin ich vielleicht die Ausnahme. Das ist nicht mein Verdienst, das war großes Glück. Ich habe es auch so empfunden, dass die Gesellschaft dem nicht so ablehnend gegenüber steht. Ich habe aber nie provoziert, sondern das im bürgerlichen Milieu gemacht. Es war für die Leute, glaube ich, wichtig zu wissen: Ich kann hier meine Fragen stellen und werde nicht kritisiert, wenn ich am Anfang nicht weiß, wie ich mit dem Thema umgehen soll."

Suizidrate unter Transjugendlichen wesentlich höher

Diskriminierung habe Lisa keine erfahren. Sie weiß, dass sie Glück hatte. Während die rechtliche Lage in puncto Transidentität in Österreich sehr erfreulich sei, komme die meiste Diskriminierung aus der Gesellschaft, weiß HOSI-Experte Wittmann. "Da wird am Arbeitsplatz einer Transfrau etwa weiterhin auf den Geburtsnamen und männliche Kleidung bestanden, man wird nicht ernst genommen, bekommt dumme Sprüche zu hören oder wird sogar hinausgeschmissen." Das könnten Gesetze aber nicht ändern, dazu brauche es mehr Aufklärung, ist sich Wittmann sicher.

Die Angst vor Diskriminierung, Verstoß durch die Familie und Mobbing ist es auch, weshalb Transfrauen im Schnitt sieben Jahre, Transmänner vier Jahre warten, bevor sie sich outen. Das bringe natürlich genauso wie offene Diskriminierung und psychische Belastungen mit sich: "Studien zeigen, dass zwei Drittel der Transjugendlichen stark suizidal sind, ein Drittel hat einen Suizidversuch hinter sich."

"Man hat es schwerer gesellschaftlich als Frau"

Gibt es Momente, in denen Lisa ihren Weg bereut? "Manchmal denke ich mir schon: Wie blöd warst du, dass du dir das angetan hast? Ich habe ein relativ privilegiertes Leben eingetauscht gegen eines, wo einem plötzlich ein Wildfremder auf die Oberschenkel greift. Man hat es schwerer gesellschaftlich als Frau. Aber ich würde es wieder machen.“ Mittlerweile kann auch ihre Ex-Frau gut damit umgehen, die beiden sind jetzt Freundinnen.

Anderen transidenten Menschen rät Lisa, sich früh professionelle Hilfe zu holen "und, weil es in meinem Fall funktioniert hat: Deine Probleme als Transidente sind nicht mehr wert, als die der anderen. Nimm sie also ernst mit ihren Fragen."

 

Informationen und Unterstützung finden Betroffene hier:

*Lisa möchte anonym bleiben, deshalb haben wir ihren Namen geändert.

Links zu diesem Artikel:

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 07.08.2020 um 04:09 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/stadt/vom-mann-zur-frau-erfahrungen-einer-salzburgerin-58680919

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