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Wenn Kinder ihren Eltern weggenommen werden

Die Sozialarbeiterinnen Petra Mitterer und Martina Müller wünschen sich eine raschere Kontaktaufnahme mit dem Jugendamt. Stadt Salzburg / K. Schupfer
Die Sozialarbeiterinnen Petra Mitterer und Martina Müller wünschen sich eine raschere Kontaktaufnahme mit dem Jugendamt.

In der Stadt Salzburg lebten im Jahr 2016 insgesamt 348 Kinder außerhalb der eigenen Familie.  Eine Salzburger Studie hat die Erlebnisse von Kindern untersucht, die von ihren Eltern getrennt wurden. Einig waren sich die Befragten, als sie nach ihrer schlimmsten Erinnerung zu diesem Thema befragt wurden.

Eine Krankheit, eine Sucht, Überforderung: Die Gründe, weshalb Eltern ihre Kinder abgeben oder abgeben müssen, sind vielfältig. Doch die Unterbringung außerhalb der eigenen Familie schützt auch - vor physischer und seelischer Vernachlässigung, mitunter auch vor Misshandlung. Das Jugendamt der Stadt Salzburg hat nun in einer Studie untersucht, was Kindesabnahmen bewirken und wie sie erlebt wurden.

Sechs Personen wurden für Salzburger Studie befragt

Dazu wurden - fünf bis zehn Jahre nach deren Volljährigkeit - Gespräche mit betroffenen Kindern oder Jugendlichen, ihren Elternteilen und Sozialarbeitern geführt. Die Studie ist angesichts der geringen Fallzahlen aber nicht repräsentativ: So wurden etwa nur sechs Personen interviewt, die früher einmal fremduntergebracht waren. "Aber sie liefert wichtige Rückschlüsse für die zukünftige Arbeit im Jugendamt", erklärte die Sozialarbeiterin Martina Müller, Mitautorin der Studie, am Dienstag bei einem Pressegespräch in Salzburg.

Einzug bei Pflegefamilie ein einschneidendes Erlebnis

So wurde von den Befragten etwa der Tag des Einzugs in eine Wohngemeinschaft oder Pflegefamilie als einschneidendes Erlebnis und eine der schlimmsten Erinnerungen genannt - trotz Vorgesprächen und Kennenlernen. "Wir wollen die Mitarbeiter des Jugendamts und der WGs für diese Phase mehr sensibilisieren. Es braucht mehr Begleitung am ersten Tag", sagte Müller. Zugleich soll auch die Elternarbeit während der Zeit der Unterbringung verstärkt werden. "Vor allem die Elternteile, die nicht die Obsorge haben, sollten mehr eingebunden werden." Empfohlen wird auch eine Begleitung der Jugendlichen über die Volljährigkeit hinaus.

Ein Drittel der Fremdunterbringungen auf richterlichem Beschluss

Im Jahr 2017 waren in der Stadt Salzburg 348 Kinder und Jugendliche außerhalb ihrer Familien untergebracht. Der Großteil lebte in betreuten Wohngemeinschaften, 76 bei Pflegefamilien. Bei zwei Dritteln erfolgte die Fremdunterbringung freiwillig, bei einem Drittel auf richterlichen Beschluss. "Die Kindesabnahme oder Fremdunterbringung ist eine der massivsten Formen der Intervention durch Jugendämter", erklärte Müller. "Zunächst wird immer ein gelinderes Mittel geprüft, etwa die ambulante Betreuung durch Sozialarbeiter. Aber wir haben auch den gesetzlichen Auftrag, für das Kindeswohl zu sorgen."

Jugendamt sollte früher eingeschaltet werden

Oft sei die Fremdunterbringung die einzige verbliebene Möglichkeit - teils auch, weil das Jugendamt zu spät beigezogen wurde. "Das Amt wird oft erst alarmiert, wenn gar nichts mehr geht. Es ist die höchste Eskalationsstufe. Aber das ist der falsche Ansatz", erklärte Sozialstadträtin Anja Hagenauer (SPÖ). Vielmehr sollte das Jugendamt so früh wie möglich eingeschaltet werden. "Dann können Maßnahmen gesetzt werden, so dass eine Fremdunterbringung vielleicht gar nicht notwendig ist."

Sensibilität bei Schulen und Kindergärten hat zugenommen

In Salzburg steigen derzeit die absoluten Zahlen sowohl bei der Fremdunterbringung wie auch bei der ambulanten sozialpädagogischen Betreuung. "Die Sensibilität bei Schulen, Kindergärten oder Nachbarn hat zugenommen", berichtete Petra Mitterer, ebenfalls Sozialarbeiterin am Jugendamt. Und auch, wenn der Begriff Fremdunterbringung oft negativ besetzt sei: "Sie kann etwas Positives bewirken. Der Kontakt mit den Eltern bleibt in der Regel aufrecht, gleichzeitig bieten WGs oder Pflegefamilien eine wichtige Struktur im Alltag", betonte Müller. Bei keinem der sechs Befragten gelang übrigens die Rückführung in die eigene Familie: Die Betroffenen, einer war erst sechs Jahre alt, als er in eine Kinder-WG kam, blieben bis zur Volljährigkeit fremduntergebracht.

Die schlechtesten Erinnerungen (Zitate)

„Der Abschied, die laufenden Beziehungsabbrüche, dass sie (Betreuer*innen der WG) dann einfach weggestorben sind weil sie haben ein eigenes Leben, wir haben kein eigenes Leben, sie sind dann einfach weg. Da hat man dann einfach doch gespürt, wir sind nur die Arbeit für sie. Sie sind für uns aber eigentlich mehr.“ (Kind/JugendlicheR)

„Dass es dir das Herz zerreißt. Dass du mit dir selber ringst, ob du das Richtige tust. Dass du mit den Vorwürfen anderer lernen musst umzugehen. Die anderen haben dafür wenig Verständnis.“ (Mutter)

„Momente wie Muttertag, Elternsprechtage, wo dann Betreuer gekommen sind, das waren Momente, die weh getan haben. Egal, wie schlecht die Situation zuhause war, da hat man schon gemerkt, dass sie eben Leute hat, mit denen sie verwandt ist und jetzt bin ich in einer Unterbringung, in der die Leute kommen und gehen und für mich zuständig sind.“ (Kind/JugendlicheR)

Die besten Erinnerungen (Zitate)

„Dass das für uns alle zusammen wie eine Familie war, wir alle waren wie Geschwister, die Betreuer haben eine Elternrolle übernommen.“ (Kind/JugendlicheR)
„So viele Unternehmungen, was sich eine normale Familie oft gar nicht leisten kann. Schöne Zeit, Hochs und Tiefs, aber definitiv viel besser als Zuhause.“ (Kind/JugendlicheR)

„An Weihnachten Unternehmungen, Schlittenfahren, Eislaufen, die anderen haben in der Zwischenzeit dekoriert und eine schöne Atmosphäre geschaffen. Es wurde voll gut gekocht und es hat an überhaupt nichts gefehlt. Gemeinsam Lieder gesungen, jeder hat mitgemacht, es war ein Zusammenhalt da wie in einer Familie.“ (Kind/JugendlicheR)

„Man müsste vielen Müttern einmal das Klischee nehmen, das Jugendamt nimmt dir das Kind weg, wenn du dich rührst. Das ist ein Klischee und ich sage, das ist heute noch präsent. Vielleicht nicht mehr so schlimm, wie zu meiner Zeit, aber man müsste das mehr unter den Müttern verbreiten, dass das Jugendamt nicht so böse ist, wie man es annimmt.“ (Mutter)

(APA/S24)

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 15.09.2019 um 02:14 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/stadt/wenn-kinder-ihren-eltern-weggenommen-werden-58401493

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