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70. Geburtstag

"Wertschätzung braucht Zeit und Sinnbildung“

Ex-Politiker und Turmuhr-Experte Michael Neureiter im Interview

Seine Leidenschaft sind Turmuhren. Das Sammeln und Restaurieren uralter Zeitgeber füllt seit Jahren das Leben eines ehemaligen Salzburger Spitzenpolitikers. Michael Neureiter war 24 Jahre lang für die ÖVP im Salzburger Landtag aktiv und feierte vor Kurzem seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlass haben wir ihn zum Interview gebeten. Wir sprechen mit ihm darüber, wie Turmuhren und Politik zusammengehen, warum die Wertschätzung des Alten für die Zukunft essentiell ist und wie er als vierfacher Opa die Corona-Zeit erlebt hat.

Mit einem Schmunzeln im Gesicht und großen Augen empfängt uns Michael Neureiter vor seinem Haus in Bad Vigaun im Tennengau. Am 28. Mai feierte der frühere Politiker und Turmuhr-Experte und Theologe seinen 70. Geburtstag. Gefeiert wurde im Garten – „coronagerecht“, wie das Geburtstagskind betont. Zuerst zeigt uns Neureiter sein jüngstes Vorhaben, eine alte Turmuhr aus Waidring, die gerade in seiner Garage aufgebaut ist und restauriert wird. Nach ein paar schnell gemachten Fotos – der Ex-Politiker weiß sich nach wie vor gut vor der Kamera zu positionieren – geht’s  zum Kaffee in die Küche des Hauses. Dort beginnen wir mit unserem Interview.

Herr Neureiter, Sie haben am 28. Mai Ihren 70. Geburtstag gefeiert und beschäftigen sich seit vielen Jahren sehr intensiv mit Turmuhren. Was bedeutet eigentlich Zeit für Sie?

Ich habe mir zum runden Geburtstag nach alter Gewohnheit ein Bibelzitat gesucht und nehme mir folgenden Vers aus dem Psalm 90 vor: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.“ Ich will die Tage zählen, weil jeder Tag ein Geschenk ist, und das auch, weil ich gesund bin.

Die Zeit, die mich in einem intensiveren Maß beschäftigt, ist jene, die mit Pendelbewegungen zerhackt wird. Ich bin in Hallein im Gruber-Haus aufgewachsen, da wo Franz-Xaver-Gruber 28 Jahre gelebt hat. Wir hatten damals weder eine Turmuhr, noch Glocken, die läuteten. Auch eine Armband-Uhr gab es nicht. Im Alter von 19 Jahren, das war im Jahr 1969, kam ich am Dürrnberg zum ersten Mal in Kontakt mit einer Turmuhr, die gerade abgebaut wurde. Ich kaufte sie für damals 500 Schilling. Das war der Beginn der Liebe zum alten Eisen.

Neben der Liebe zu Uhren, waren Sie bis zum Jahr 2008 auch viele Jahre in der Salzburger Politik tätig, zuletzt in der Funktion des Zweiten Landtagspräsidenten. Wofür schlägt Ihr Herz mehr – Politik oder Turmuhren?

Das Herz geht zuerst zur Familie. Meine Frau und ich sind 45 Jahre verheiratet, wir haben drei Kinder und vier Enkelkinder. Die Politik war natürlich ein sehr wichtiger Lebensinhalt. Nachdem ich erst im Alter von 27 Jahren und gründlich überlegt zur ÖVP gegangen bin, war ich 24 Jahre lang im Salzburger Landtag und 30 Jahre in der Gemeindevertretung von Bad Vigaun.

Verfolgen Sie das politische Geschehen in und um Salzburg noch?

Natürlich. Ich bin auch dazu angehalten, weil ich auch eine Aufgabe als Vorsitzender des Kontrollausschusses habe. Ich muss also die Landespolitik beobachten und verfolgen. Erst kürzlich hat mich der Landeshauptmann zum Geburtstagsessen eingeladen.

Aktuell ist die Politik ja sehr mit der Bewältigung der Coronakrise beschäftigt. Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement von Bund und Land und wie schätzen Sie Corona grundsätzlich ein?

Ich glaube schon, dass es richtig war, strenge und einschneidende Maßnahmen zu realisieren. Ich glaube, dass die Österreichische Regierung absolut richtig gehandelt hat. Im Vergleich zu Schweden ist das eindeutig zu erkennen. Aber es hat auch weh getan. Meiner Frau und mir ist es sehr schwer gefallen, dass wir die beiden Enkel, die bei uns im Haus leben, nur mit Abstand sehen und ihnen zuwinken konnten.

Was hat Corona verändert?

Was mir aufgefallen ist, ist dass es ein gewachsenes Maß an Wertschätzung gibt – nicht nur in der Familie, sondern auch in der Gesellschaft überhaupt. Mir fällt auf, dass auf der Straße wieder stärker gegrüßt wird oder man winkt sich einfach zu – das war vorher wirklich nicht immer der Fall. Die Kultur des Miteinanders und die gegenseitige Rücksichtnahme scheinen deutlich gewachsen zu sein.

Weil Sie Wertschätzung ansprechen. Sie bemühen sich seit Jahrzehnten um die Wertschätzung des Alten und sorgen dafür, dass Vergangenheit nicht vergessen wird. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Mit meinem Engagement in der Stille-Nacht-Gesellschaft habe ich mich zwölf Jahre intensiv um das Entstehen des Liedes, die Geschichte der beiden Autoren, Franz Xaver Gruber und Joseph Mohr engagiert. Mein Leitsatz war immer, dass wir das Lied, seine Herkunft und seine Botschaft in den Herzen und Köpfen der Einheimischen und Gäste zum Klingen bringen wollen – zuerst in den Herzen und dann erst in den Köpfen. Das ist meines Erachtens gelungen. Vergangenes Jahr im November habe ich die Verantwortung dann weitergeben  dürfen, an die jetzige Präsidentin der Stillen-Nacht-Gesellschaft,  Christa Pritz.

Und warum ich mich engagiere? Das ist einfach: Ohne Herkunft gibt es keine Zukunft. Wir sind verpflichtet, auch unser Herkommen, unsere Geschichte, unsere Kultur mit neuen Akzenten und neuen technischen Möglichkeiten wahrzunehmen und dafür zu sorgen, dass es keine geschichtslose Gesellschaft wird. Wichtig ist auch, dass man nicht nur sammelt, sondern auch die ursprüngliche Funktion – wie in meinem Fall von Turmuhrwerken – wieder herstellt. Ich bin bemüht, Werke möglichst am ursprünglichen Ort wieder in den aktiven Betrieb zu installieren.

Es braucht also die Zeit und die Sinnbindung. Der Sinn muss erhellt werden, damit man es versteht.

Michael Neureiter im Podcast

Zum Abschluss, Sie haben es vorher schon erwähnt, Sie sind vierfacher Opa. Welche Zukunft wünschen Sie sich für Ihre Enkelkinder?

Ich wünsche unseren Enkeln, dass Sie je ihren eigenen Weg finden. Dass sie selbstbewusst und selbstbestimmt ihr Leben erleben und erfüllt erleben können.

Vielen Dank für das Interview.

(Quelle: SALZBURG24)

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