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Sonntags-Talk

„Der Hausärzte-Mangel wird sich verschärfen“

Salzburger Hausarzt Christoph Dachs über Ärztemangel, Zweiklassenmedizin – und einen Plan dagegen

„Herr Doktor, ich bin krank!“ Seit 30 Jahren kümmert sich Allgemeinmediziner Christoph Dachs um die Beschwerden seiner Patienten. Der 59-Jährige führt eine Gemeinschaftspraxis in Hallein (Tennengau) und ist außerdem Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM). Im Sonntags-Talk warnt der Salzburger vor dem Kollaps des österreichischen Gesundheitssystems, erklärt die Rolle des Hausarztes – und spricht über den Masterplan Allgemeinmedizin.

Hallein

SALZBURG24: Sie warnen davor, dass das österreichische Gesundheitssystem in seiner jetzigen Form bald zusammenbrechen werde. Warum?

CHRISTOPH DACHS: Das jetzige Gesundheitssystem ist auf Dauer nicht finanzierbar. Wir haben ein sehr gutes, aber auch sehr ineffizientes Gesundheitssystem. Das heißt, wir verbrauchen unglaublich viele Ressourcen. Das ist das große Problem. Wir müssen es vernünftig umbauen, um es effizienter und qualitativ hochwertiger zu gestalten.

Wie kann man das aktuelle Gesundheitssystem so reformieren, dass es auch künftig finanzierbar ist?

Die große Herausforderung ist die Überalterung unserer Gesellschaft und die Zunahme der chronischen Krankheiten, die aufgrund von neueren Behandlungsmöglichkeiten enorme finanzielle Ressourcen verbrauchen. Wir wissen auf der anderen Seite durch internationale Vergleichsdaten, dass ein hausarztbasiertes System  das bedeutet, die Patienten steigen primär beim Hausarzt ins Gesundheitssystem ein und werden durch dieses angeleitet  eine höhere Qualität der Versorgung bei deutlich niedrigeren Kosten hat. Das lässt sich anhand von höherem Lebensalter und längerem gesunden Leben darstellen. Auch Vorsorge wird im Gegensatz zu unserem sehr kurativ orientierten System deutlich besser gelebt. 

Wie kann man mehr in die Vorsorge investieren?

Indem wir früh ansetzen. Ein typisches Beispiel ist der Diabetes, der als Seuche des 21. Jahrhunderts gilt. Wir haben nach wie vor ansteigende Zahlen, und zwar weltweit. Das liegt an der Ernährung und fehlender Bewegung. Wir müssen uns frühzeitig darum kümmern, indem wir die Eltern schulen. Das heißt, sie müssen wissen, was es bedeutet, wenn ihre Kinder ständig zuckerhaltige Getränke und Fast Food bekommen. Das ist der direkte Weg zum Übergewicht und zur Diabetes. Wir müssen Programme schaffen, mit denen wir dagegen ankämpfen. Es kommt uns billiger, etwas im Vorfeld zu verhindern, als hinterher nachbehandeln zu müssen.

Bei der Gesundheitskompetenz – das bedeutet, das was die Menschen über Gesundheit, Ernährung und Bewegung wissen und auch leben – schneiden wir in Österreich im europäischen Vergleich ganz, ganz schlecht ab. Das liegt daran, weil wir zu wenig in die Vorsorge, das bedeutet auch Wissen, investieren. Wir diskutieren eher darüber, ob Turnstunden in der Schule gestrichen werden sollen, anstatt Bewegung zu forcieren.

Sie warnen vor einer kommenden Zweiklassenmedizin. Haben wir diese nicht schon längst?

Natürlich gibt es in Österreich Menschen, die privat versichert sind und zu einem Privatarzt gehen. Sie bekommen dadurch vielleicht schneller bei einem Wahlarzt Termine oder einen Operationstermin. Das bedeutet aber auf keinen Fall, dass sie eine bessere medizinische Versorgung erhalten.

Gesundheit ist ein Milliardenmarkt. Die große Gefahr ist, wenn wir uns das öffentliche Gesundheitssystem nicht mehr leisten können, wird die Privatmedizin einspringen. Das bedeutet, Österreicherinnen und Österreicher werden nicht mehr die Gesundheitsversorgung bekommen, wie es heute möglich ist. Deswegen ist es wichtig, für dieses solidarische, soziale Gesundheitssystem zu kämpfen.

Welche Rolle spielt der Hausarzt im Gesundheitssystem?

Die Patienten sollten in der Regel zunächst zu ihrem Hausarzt gehen, der sie durch das Gesundheitssystem leitet. Das macht Sinn, weil wir über 90 Prozent der Fälle in der Hausarzt-Praxis abhandeln können und nicht den Patienten irgendwohin weiterschicken müssen. Der Hausarzt ist derjenige, der seine Patienten am besten kennt und diese über einen sehr langen Zeitraum begleitet. Ich bin selbst seit 30 Jahren Hausarzt und kenne mittlerweile Generationen meiner Patienten. Ich kenne ihre sozialen, ihre psychischen und ihre körperlichen Situationen und Bedürfnisse. Das gibt mir die Möglichkeit, sehr schnell auf den Punkt zu kommen.

Es gibt heutzutage in der Medizin immer mehr Spezialisten – einen Lungenfacharzt, einen Kardiologen, einen Neurologen und so weiter. Jeder sieht hier seinen Bereich, kennt aber keine anderen Befunde, möglicherweise die Gesamtsituation nicht und daher tun sich Spezialisten oft schwer, den Patienten in seiner Gesamtheit zu erfassen. Deshalb ist es ganz wichtig, dass es eine zentrale Stelle gibt, die alles zusammenführt. Eine der wichtigsten Aufgaben des Hausarztes heute ist, dass der Patienten von Über-, Unter-, aber auch Fehlversorgung geschützt wird. Und dass er dort hinkommt, wo er am besten behandelt wird.

Häufig erhalten Patienten eine Palette von zehn, zwölf Medikamenten, wo jedes einzelne bei der Bekämpfung einer bestimmten Krankheit Sinn macht, aber alle Medikamente zusammen durchaus auch das Gegenteil bewirken können und der Patient dadurch zu Schaden kommt. Deshalb ist es eine wichtige Aufgabe der Hausärzte, das Gesamtpaket der Medikamente aufeinander abzustimmen.

Warum entscheiden sich so wenige angehende Mediziner für den Weg des Hausarztes?

Das ist ein vielschichtiges Problem. Wir haben einen Mangel an Hausärzten und dieser wird sich in den nächsten fünf Jahren verschärfen. In Braunau werden in den nächsten Jahren von ursprünglich elf Hausärzten nur mehr vier aktiv sein. Ein Grund dafür ist mitunter fehlende Wertschätzung. Der Hausarzt gilt immer noch als Arzt zweiter Klasse. Es ist bei vielen Kollegen noch nicht angekommen, dass wir wertvolle Arbeit leisten. Auf der anderen Seite haben wir ein gutes Image in der Bevölkerung. Dazu hinkt unser Einkommen im Vergleich zu jenem der anderen Fachärzte hinterher. Wir haben zwar in den letzten Jahren eine deutliche Aufbesserung erfahren und in Salzburg verdienen wir auch gut. Aber es besteht nach wie vor eine Lücke zu den anderen Fachärzten.

Dazu kommt der Ruf, dass wir so viel arbeiten müssen. Die berühmte 80-Stunden-Woche für Hausärzte und die Erreichbarkeit 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche ist schon lange nicht mehr existent. Auch sind durch eine neue Dienstregelung unsere Dienstzeiten deutlich entschärft worden. 

Die Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM) hat letzten Jahr den Masterplan Allgemeinmedizin verfasst. Worauf zielt dieser ab?

Die ÖGAM hat den Masterplan in Zusammenarbeit mit den Instituten für Allgemeinmedizin, der Jungen Allgemeinmedizin (JAMÖ) und der Ärztekammer erstellt. Das Ziel des Masterplans ist die Hausärzte zu stärken und damit das Gesundheitssystem langfristig abzusichern. Der Plan ist in Österreich mittlerweile gut verbreitet. Ich bin davon überzeugt, dass ein Gesundheitssystem nur dann funktionieren kann, wenn es genügend Hausärzte gibt. 

Der Plan umfasst mehrere Teile. Nur Ärzte, die gut ausbildet sind, können später gute Hausärzte werden. Das heißt, wir müssen in der Ausbildung ansetzen: Angehende Mediziner müssen nun im Rahmen ihres Studiums ein mindestens vierwöchiges Praktikum in einer Hausarztpraxis machen. Wer sich nach einer neunmonatigen Basisausbildung auf Allgemeinmedizin spezialisiert, muss nun mindestens sechs Monate in einer Hausarztpraxis arbeiten. Das war nicht immer so.

Zudem haben wir uns Gedanken über die Rahmenbedingungen gemacht. Der Großteil der Hausarztpraxen in Österreich sind Einzelpraxen. Viele junge Ärzte wollen das aber nicht mehr. Dazu wird der Anteil der Ärztinnen immer höher und viele von ihnen wollen Bedingungen, wo sie Familie und Beruf unter einen Hut bringen können. Daher müssen wir Voraussetzungen für Teilzeitarbeit schaffen. Es gibt seit kurzem die Möglichkeit, dass Ärzte bei Ärzten angestellt sind. Das war ein sehr großes Thema. Mit diesen flexiblen Formen wollen wir noch mehr Mediziner in die Hausarztmedizin zu bringen.

Zum Abschluss: Was lieben Sie an Ihrem Job?

Die Nähe zum Patienten. Und die schnelle Rückmeldung, die wir bekommen. Die Patienten sagen dir schnell, ob sie zufrieden oder nicht zufrieden sind. Es ist schön zu hören, wenn ein Patient sagt: ‚Ich bin froh, dass Sie mein Hausarzt sind, denn zu Ihnen habe ich Vertrauen.‘ Vertrauen und Wertschätzung bekommen wir als Hausärzte, wenn wir unsere Arbeit gut machen, in einem sehr, sehr hohen Maß. Und das macht unseren Job so befriedigend. Und darum mache ich ihn so gerne.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

Aufgerufen am 22.05.2019 um 06:12 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/tennengau/salzburger-hausarzt-christoph-dachs-im-sonntags-talk-69895318

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