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Sonntags-Talk

"Wäre schön zu wissen, dass wir nicht allein sind"

Planeten-Sucherin Lisa Kaltenegger im Gespräch

Die Astronomin Lisa Kaltenegger hat gemeinsam mit ihrem Team bereits mehr als 4.000 neue Planeten entdeckt. Im Sonntags-Talk erzählt die gebürtige Kuchlerin, wie man Exoplaneten findet, wie hoch die Chance ist, dass es im All tatsächlich Leben gibt und warum es besser ist, dass die Menschheit noch nicht auf andere Planeten fliegen kann.

Kuchl

Die 42-Jährige lebt seit 15 Jahren im Ausland, um ihrer großen Leidenschaft, der Suche nach Leben im All, nachzugehen. Derzeit leitet sie an der Cornell University im US-Bundesstaat Washington das Carl Sagan Institute und erforscht neue Welten.

SALZBURG24: Lisa, wie bist du zur Exoplaneten-Sucherin geworden?

LISA KALTENEGGER: Ich war immer neugierig. Und weil ich nicht gewusst habe, was ich studieren mag, habe ich fünf Studien angefangen, hängengeblieben bin ich bei Astronomie und technischer Physik. Ich habe 1995 zum Studieren angefangen, da hat man den ersten Planeten bei einem anderen Stern gefunden. Da war auch gerade eine kleine Konferenz in Italien, eine der ersten zu Exoplaneten. Mich hat fasziniert, dass es viele verschiedene Puzzleteile gibt, die man zusammenbauen muss. Bei der Konferenz haben sie Leute gesucht, die helfen. Und ich hab gesagt: „Ich, ich, ich“ (lacht).

Am Anfang habe ich mir gedacht: Das ist etwas, was ich nie machen kann. Das ist Spitzenforschung, etwas ganz neues. Aber, wenn man sich interessiert, wenn man sich etwas antut, geht es eben auch von Kuchl bis zur NASA.

Wie geht ihr bei der Suche vor?

Jeder Stern ist eine Sonne mit Planeten. Und wenn wir jetzt genau richtig draufschauen und dieser Planet zwischen uns und dem Stern vorbeizieht, dann sieht man den Stern kurzzeitig ein bisschen dunkler.

Während dieser Planet vorbeigeht, wird das Licht vom Stern durch die Atmosphäre gefiltert. Licht ist Energie und wenn es in einem Gas oder in der Luft auf Moleküle trifft, kann das die Moleküle zum Schwingen bringen. Ein Teil des Lichts wird dazu verwendet und der fehlt, wenn es auf der anderen Seite herauskommt. Und in meinem Teleskop kann ich sehen, welches Licht kommt zu mir, welches müsste kommen und welches fehlt. Und das, was fehlt, zeigt genau, welche Chemikalien in dem Gas oder der Luft des Exoplaneten waren.

Ist das bei jedem Planeten anders?

Das fehlende Licht ist wie ein Fingerabdruck. Der ist bei jedem Menschen ganz spezifisch. Und bis jetzt ist das bei jedem Planeten auch so. Wir generieren diese riesige Datenbasis mit den Modellen, wie etwa ein Wasser-, ein Wüsten- oder ein Algenplanet ausschauen würde. Zu unserem Alltag gehört also auch, uns andere Welten vorzustellen.

Wir wissen, wie sich Leben auf der Erde entwickelt hat, auf tausenden anderen Planeten könnte man erfahren, wie es anders hätte laufen können. Oder man sieht eine mögliche Zukunft der Erde. Das ist der zweite Aspekt dieser Suche, der für mich so interessant ist. Auf der einen Seite: Sind wir alleine im Universum? Aber auch die Frage: Wie funktioniert eine Erde wirklich?

Zu den Exoplaneten kann man nicht einfach hinfahren. Wie könnt ihr nachweisen, dass es sie wirklich gibt?

Unsere zweite Methode ist eine Wackelmethode. Wenn der Planet um den Stern kreist, ist das so ähnlich, wie wenn man mit einem Hund spazieren geht. Der zieht in eine Richtung, du lehnst dich zurück, weil du nicht in diese Richtung willst. Und wenn man sich das dann kreisend vorstellt, sehen wir, dass der Stern diese komischen Ausgleichsbewegungen macht. Er lehnt sich immer entgegen dem Planeten. Wir haben verschiedene Planeten mit beiden Methoden entdeckt und es gibt im Universum nichts außer einem Planeten, das für beide Methoden diese Signale zeigen würde.

Wie viele bewohnbare Planeten, also potentiell zweite Erden, könnte es im Universum geben?

Um jeden Stern muss es mindestens einen Planeten geben. Und um jeden fünften Stern einen Planeten, der klein genug sein sollte, damit er ein Fels ist, wie die Erde, und im richtigen Abstand zum Stern steht, sodass es nicht zu heiß und nicht zu kalt ist. In unserer Galaxie gibt es ca. 200 Milliarden Sterne, das macht 40 Milliarden mögliche Erden. Und es gibt Billionen von Galaxien.

Was wir aber nicht wissen, ist, was es dort für Leben brauchen würde. Die Idee, dass das Leben dort die gleiche Entwicklung durchmacht wie bei uns, ist wahrscheinlich naiv. Aber was wäre passiert, wenn Dinge nur ein klein wenig anders sind? Das könnte man an einem anderen Planeten sehen.

Die Habitable Zone

Was ist die Habitable Zone jetzt wirklich?

Gepostet von Lisa Kaltenegger am Donnerstag, 21. Juli 2016

Habt ihr auch schon Wege gefunden um auszuschließen, dass auf einem Planeten Leben existiert?

Ja, das nennt sich Biosignatur und Anti-Biosignatur. Wenn auf einem Planeten ein Gas in der Luft ist, das Bakterien essen würden, dann gibt es wahrscheinlich kein Leben. Sonst würde das Gas nicht existieren. Auf der anderen Seite schauen wir auf die Erde: Hier ist es die Kombination von Sauerstoff mit Methan oder Ozon mit Methan. Methan und Sauerstoff reagieren miteinander und werden zu Wasser und CO2. Das heißt, wenn man noch Wasser und CO2 sieht in der Atmosphäre, dann muss etwas genau jetzt Sauerstoff und Methan produzieren, oder sie hätten schon miteinander reagiert. Wenn wir die zwei finden, haben wir keine andere Erklärung dafür, als dass es dort Leben gibt.

Wie hoch schätzt du die Chancen ein, dass wir tatsächlich Leben im All finden?

Die Frage ist: Wie oft gibt es Leben? Wenn es Leben überall dort gibt, wo es Leben geben kann, dann sind wir ganz nahe dran. Dann brauchen wir nur die neue Generation an Teleskopen, um das zu sehen. Wenn es Leben gibt, es aber nicht so weit kommt, dass es Sauerstoff gibt, dann haben wir nur Methan und CO2, die nicht wirklich aussagekräftig sind. Es ist also sehr offen. Aber allein, dass wir zum ersten Mal überhaupt die technische Möglichkeit haben zu sehen, ob es Leben gibt: Das könnte unser ganzes Weltbild umschmeißen. Und es wäre auch schön zu wissen, wir sind nicht allein.

Wäre das ein ähnlich großer Umsturz wie die Erkenntnis, dass nicht die Erde sondern die Sonne das Zentrum ist?

Wenn wir tatsächlich herausfinden, dass wir nicht allein sind, dann gibt es für mich die Zeit, bevor die Menschheit das gewusst hat, und die Zeit danach. Das wird ein großer Schnitt. Ich glaube aber nicht, dass alle in Panik verfallen. Diese Idee, dass ein Raumschiff käme und uns überfällt, macht schon rein wirtschaftlich keinen Sinn (lacht). Es wäre aber überraschender kein Leben zu finden, als Leben zu finden. Dann müsste man sich fragen, warum es unter Milliarden von Erden nur eine gibt, die Lebensspuren zeigt.

Die Planeten, die ihr beobachtet, sind wahnsinnig weit weg. Sollte tatsächlich ein bewohnbarer dabei sein: Könnten wir dort jemals hinkommen?

Es wird schon jetzt daran geforscht, wie man zum nächsten Stern fliegen könnte. Keine Menschen, die sind zu schwer. Aber sehr kleine Chips mit Sensoren und Kameras drauf, die mit einem Laserpuls sehr schnell auf einen Planeten geschickt werden könnten. Es wird bestimmt lang dauern, aber mit guten Ideen werden wir es schaffen.

Ich finde es gar nicht so schlecht, dass wir derzeit nur aus dem Licht lernen. Ich könnte nicht aussuchen, wer auf so ein Space-Schiff kommt. So gesehen wäre es besser, wenn es noch ein paar Jahrzehnte dauert, bis sich die Menschheit soweit weiterentwickelt hat, dass wir nicht überall gleich draufhauen (lacht).

Das Universum ist deine große Leidenschaft. 2015 konstatierten die „Science Busters“, es sei eine Scheißgegend. Wie siehst du das?

Die sind auch alle wahnsinnig fasziniert und begeistert vom Universum und haben eine tolle Möglichkeit gefunden, wie sie die Leute auf das Thema aufmerksam machen können. Was die Science Busters aber auch aufzeigen ist, wie wichtig unser Planet für uns ist. Unseren eigenen Lebensraum kaputt zu machen, ist eine der blödesten Ideen überhaupt. Alles andere ist wirklich eine Scheißgegend für uns.

Deine Faszination geht so weit, dass du sogar deine Tochter nach dem Himmel benannt hast.

Sky ist ein Zweitname, ohne Bindestrich, sie kann also immer noch entscheiden, wie sie sich einmal nennen will (lacht). Und Lara Sky hat uns einfach wahnsinnig gut gefallen.

Dank deiner Forschung triffst du auch zahlreiche renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Was war bisher deine spannendste Begegnung?

Eine super Begegnung hatte ich vor drei Jahren beim Papst. Dort habe ich einen Vortrag in der gleichen Sektion gehalten wie Stephen Hawkings. Das Foto hängt eingerahmt in meinem Büro.

Vortrag im Vatikan bei der Konferenz der Vatikanischen Akademie der Wissenschaften. Photo: Eine Exoplaneten Forscherin...

Gepostet von Lisa Kaltenegger am Mittwoch, 30. November 2016

Du lebst jetzt seit fast 15 Jahren im Ausland. Was verbindest du mit Salzburg?

Auf jeden Fall Familie und Freunde. Egal wo ich bis jetzt gelebt habe auf der Welt: Es waren immer wahnsinnig nette Leute dort. Aber das Schöne ist, man kann immer wieder heimkommen. Mir gefällt es jetzt noch besser hier. Wenn man die Alpen, das Bluntautal und den Gosausee nach längere Zeit wieder sieht, hat man den Wow-Effekt zusätzlich dazu.

Wir sind mindestens zwei Mal im Jahr da und da esse ich mich immer die Speisekarten rauf und runter (lacht). Man lernt auch viel über sich selbst, ich hätte mir nicht gedacht, dass mir jemals ein Schweinsbraten abgehen würde.

Liebe Lisa, vielen Dank für das nette Gespräch!

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 19.07.2019 um 12:11 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/tennengau/sonntags-talk-kuchler-planeten-sucherin-lisa-kaltenegger-im-interview-73289320

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