Jetzt Live
Startseite Salzburg
Sonntags-Talk

"Die stummen Zeugen lügen nicht"

Salzburgs Unfallforscher Gerhard Kronreif über Wahrheit und Wirklichkeit

Interview Kronreif SALZBURG24/Posani
Gerhard Kronreif im Interview mit CR Nicole Schuchter. 

Tausende Verkehrsunfälle hat Gerhard Kronreif in seinen 25 Jahren als Gutachter und Unfallforscher bereits untersucht. Spätestens mit seiner Kritik an Tempo 80 auf Salzburgs Stadtautobahn erlangte der Verkehrsexperte mediale Prominenz. Im heutigen Sonntags-Talk sprechen wir mit dem Verfechter der 0,0-Promillegrenze unter anderem über die Unfallursache Mensch und warum sich das autonome Fahren wohl nur schwer durchsetzen werden wird.

Seit einem Vierteljahrhundert beschäftigt sich Gerhard Kronreif beruflich mit Verkehrsunfällen. Als Gutachter sichert der Grödiger immer wieder vor Ort die Spuren an Fahrbahn und Fahrzeugen und rekonstruiert so den Unfallhergang.

Medienwirksam kritisiert hat Kronreif den 80er auf der Stadtautobahn. Acht Monate nach Einführung der Geschwindigkeitsbeschränkung im Jahr 2015 sprach der 54-Jährige von einer Verdoppelung der Unfallzahlen bei einem Fahrstreifenwechsel. Seine Statistik löste teils heftige Kontroversen im Landtag und eine wochenlange Debatte aus.

SALZBURG24: Herr Kronreif, würden Sie den 80er auf der Stadtautobahn wieder öffentlich kritisieren?

GERHARD KRONREIF: Die Politik hat ja dann gesehen, dass Tempo 80 zu Lasten der Verkehrssicherheit geht. Das Ganze ist nicht frei erfunden, das hat eine Denklogik. Verkehrsforscher sind keine Umweltschützer, sondern schauen sich an, wie man Verkehrsunfälle vermeiden kann. Und wenn man den 80-er auf der Stadtautobahn beibehält, dann können wir nur empfehlen, einen 60-er für Lkw zu machen, da wir eine Geschwindigkeitsdifferenz von 20 km/h benötigen. Nur dann können die Unfälle – vor allem beim Spurwechsel und Auffahren – vermieden werden.

Sie beschäftigen sich seit 25 Jahren mit den Ursachen von Verkehrsunfällen. Was sind denn die Hauptursachen?

Zu mehr als 99 Prozent ist der Fehlerfaktor Mensch die Unfallursache. Nur in ganz seltenen Fällen kommt es vor, dass ein Gebrechen am Fahrzeug unfallursächlich ist.

Und was ist es konkret beim Menschen, das zu Unfällen führt?

Das ist ganz klar die Unaufmerksamkeit des Fahrzeuglenkers, es sind die klassischen Aufmerksamkeitsfehler. Die Ablenkung in der Fahrgastzelle wird auch mit den sozialen Medien immer mehr – viele schauen sogar beim Autofahren auf Facebook oder Whatsapp. Diese mentale Abwesenheit ist auch das Problem beim Telefonieren im Auto. Freisprechanlagen machen das ja nicht besser. Und konsequenterweise müsste man auch das Rauchen und das Essen im Auto verbieten. Denn das Rauchen am Steuer ist gefährlicher als das Halten eines Handys.

Auch bewusstseinsbeeinträchtige Substanzen, wie Alkohol und andere Drogen, die eingenommen werden, führen dazu, dass der Autofahrer nicht mehr so aufmerksam ist, wie sonst. Und die zweite große Unfallursache ist überhöhte Geschwindigkeit. Das ist ein Risiko, das von manchen Autofahrern sogar bewusst in Kauf genommen wird – nur für den Kick.

Fahren Sie nicht auch manchmal zu schnell?

Ja, das kann passieren, wenn man’s übersieht und den Fokus zu sehr auf den Straßenverkehr gerichtet hat. Ich bemühe mich aber schon – auch sehr erfolgreich – die Verkehrsregeln einzuhalten. Ich weiß ja genau, was das bringt, wenn man um 10 oder 20 km/h zu schnell fährt. Nämlich gar nichts.

Als Unfallforscher setzen Sie sich für eine 0,0-Promillegrenze bei Fahrzeuglenkern ein. Warum?

Ich habe gemeinsam mit der Gerichtsmedizin wissenschaftliche Trinkversuche gemacht und das Reaktionsverhalten von Betrunkenen mit nüchternen Menschen verglichen. Es ist erschreckend, welch späte Reaktion bereits bei 0,5 Promille erfolgt. Bei 0,8 ist das noch viel bedeutender.

Dass die Wahrnehmung beeinträchtigt ist, ist bereits bei 0,3 Promille festzustellen. Das bedeutet, wenn man alkoholisiert ist, erkennt man erst wesentlich später eine Gefahr, die dann die entsprechende Reaktion auslöst. Es ist sowohl in der Forschung als auch in der Medizin unbestritten, dass auch unter 0,8 Promille bereits verspätete Reaktionen auf Gefahrensituationen erfolgen. Dazu kommt, dass das nicht bei jedem Menschen gleich ist, die Grenzwerte aber für jeden gleich sind. Jemand, der selten bis nie Alkohol konsumiert, wird bei 0,8 Promille völlig fahruntauglich sein, im Gegensatz zum Gewohnheitstrinker. Zu befürworten ist daher eine 0,0-Promille-Grenze, wie es sie in anderen Ländern bereits gibt.

Fahrerassistenten und deren Funktionalitäten und Fehleranfälligkeiten sind ebenso Teil ihres Beschäftigungsfeldes. Wie stehen Sie dem autonomen Fahren gegenüber?

Aus Gründen der Praxiserfahrung sehr kritisch, weil es nicht funktioniert. Wir wissen, bei autonomen Fahrzeugen sind die besten Sensoren auf dem Markt in der Lage, auf eine Entfernung von 150 bis maximal 200 Meter ein Objekt auf der Straße zu erkennen. Die Sensoren erkennen aber nicht gleich, ob dieses Objekt auf dem gleichen Fahrstreifen fährt oder entgegenkommt. Da braucht es noch eine gewisse Zeit der Bewegungserkennung.

Das bedeutet, es müssten eigen Verkehrswege gebildet werden, auf denen ausschließlich autonome Fahrzeuge, die miteinander über einen Zentralrechner kommunizieren, fahren. Ein Fußgänger, ein Fahrradfahrer oder ein E-Rollerfahrer wird nie lenk- und steuerbar sein. Deswegen wird es das autonome Fahren im urbanen Bereich in dieser Form nicht geben.

Wenn es das gäbe, dann hätten Sie ja praktisch keinen Job mehr.

Das ist so nicht ganz richtig. Denn es passieren auch Unfälle unter den autonomen Autos – und die gehören dann natürlich auch analysiert.

Was reizt Sie an Ihrem Beruf so sehr?

Das faszinierende in der Unfallforschung und in der Unfallrekonstruktion ist, dass man sich ausschließlich auf objektivierbare Fakten und verifizierbare physikalische Grundlagen stützen kann. Man braucht keine Aussagen bewerten, man hängt nicht von der Glaubwürdigkeit einer Angabe ab, sondern man stützt sich ausschließlich auf Daten und Fakten, die man teilweise auch selbst erhoben hat oder aus der Fahrzeugforschung weiß, und berechnet dann die Ergebnisse.

Die Spuren auf Fahrbahn oder am Fahrzeug geben Aufschluss über das tatsächlich Passierte. In der Unfallforschung sprechen wir von stummen Zeugen. Die stummen Zeugen lügen nicht, sie geben Aufschluss über das, was wirklich passiert ist. Aus diesem Grund sprechen wir Forscher auch von der Wirklichkeit und nicht Wahrheit.

Interview Kronreif SALZBURG24/Posani
Gerhard Kronreif war am Montag in der SALZBURG24-Redaktion zu Besuch. 

Gibt es zu viele Regeln und Verbote im Straßenverkehr?

Den Menschen muss im Straßenverkehr etwas angeboten werden, das er versteht und akzeptiert – nur dann wird er sich an die Regel oder das Verbot halten. Wenn der Fehlerfaktor Mensch in den meisten Fällen Unfallursache ist, dann muss man ja dem Menschen helfen, seine Fehler zu bekämpfen. Und das passiert über die Psyche.

Bei Überholen zum Beispiel. Wenn wir dem Autofahrer eine Überholmöglichkeit anbieten und dies mit Verkehrstafeln ankündigen, er also weiß, in fünf oder drei Kilometern kann er gefahrlos auf einem zweispurigen Bereich überholen, wird er sehr wahrscheinlich auf eine riskantes Überholmanöver verzichten. In Deutschland hat man durch solche Maßnahmen bereits sehr viele unfallreiche Bundesstraßen entschärft.

In den vergangenen Wochen gab es verstärkt Meldungen um Aggressionen im Straßenverkehr, vor allem bei Autofahrern. Warum ist denn das Autofahren ein derart emotionales Thema?

Ich glaube, dass sich der Frust im Alltag sehr häufig beim Autofahren zeigt. Auch ist ein Zusammenhang zu erkennen zwischen dem Verhalten des Menschen im Alltag und in der Fahrgastzelle. Wenn jemand im Straßenverkehr ständig rücksichtslos ist, sich Vorteile auf Kosten anderer verschafft, in dem er zum Beispiel rechts oder rechts auf dem Busfahrstreifen überholt, also sich vordrängt, wird man davon ausgehen können, dass diese Charakterzüge auch im Leben außerhalb des Autos auftauchen.

Ärgern Sie sich eigentlich manchmal über andere Autofahrer?

Nicht mehr. Ich denke mir ganz einfach, das ist die Kundschaft von morgen (lacht). Fehler sind ja menschlich und Menschen machen einfach mehr Fehler als Maschinen. Die wenigsten machen diese Fehler im Straßenverkehr mit Absicht, die passieren einfach.

Vielen Dank für das Interview.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 24.01.2022 um 09:32 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/unfallforscher-gerhard-kronreif-im-sonntags-talk-die-stummen-zeugen-luegen-nicht-75212536

Kommentare

Mehr zum Thema