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Tabuthema "Honig im Kopf"

Warum Demenz uns alle angeht

Wenn das Vergessen plötzlich zur Qual wird

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Die Zahl der an Demenz erkrankten Menschen in Österreich wird sich bis 2050 verdoppeln. (SYMBOLBILD)

Diagnose: Demenz. Die Erkrankung des Gehirns ändert nicht nur das Leben des Betroffenen, sondern wirkt sich auch maßgeblich auf das gesamte soziale Umfeld aus. Demenz geht uns alle an – und dennoch scheint die Krankheit nach wie vor ein Tabuthema zu sein. Wir haben mit einem Demenzberater gesprochen.

Salzburg

Etwa 130.000 Menschen leben aktuell in Österreich mit einer Form von Demenz. Bis 2050 soll sich diese Zahl verdoppeln – denn mit der demografischen Alterung der Bevölkerung steigt auch die Zahl der Menschen mit einer solchen Erkrankung. Dazu kommen etwa viermal so viele Menschen, die indirekt mit Demenz konfrontiert werden. Das sind etwa Partner, Kinder, Freunde, Nachbarn, Verwandte und Bekannte.

Dass es immer mehr Betroffene gibt, das merkt auch Manfred Hörwarter vom Salzburger Diakoniewerk, der seit bereits sechs Jahren in Salzburg als Demenzberater tätig ist. „Die Nachfrage nach unseren Beratungen steigt. Aber das ist auch gut so. Denn leider müssen wir immer wieder feststellen, dass Demenz nach wie vor ein großes Tabuthema ist“, so der Experte im Interview mit SALZBURG24. Vergesslichkeit sei mit Scham verbunden und das führe dazu, dass in den Familien oft nicht darüber gesprochen oder die Altersvergesslichkeit (betrifft die „kleinen Dinge des Lebens", z.B.: Schlüssel verlegen) vorgeschoben werde.

 

Formen und Verlauf von Demenz

Demenz hat mehrere Formen, die sich in der Ursache unterscheiden. Die bekannteste Demenz-Erkrankung ist Alzheimer. Sie trifft auf etwa 60 bis 70 Prozent aller Betroffenen zu. Bis zu einem Viertel leidet unter Vaskulärer Demenz, die auf einer Gefäßerkrankung beruht. Dritthäufigste Ursache (5 bis 10 Prozent) sind Ablagerungen in den Nervenzellen im Gehirn, sogenannte Lewy-Körperchen. Schließlich folgen die Degeneration des Frontallappens (hier werden u.a. Emotionen und Sozialverhalten kontrolliert) und diverse Mischformen.

Allen Formen gleich ist das Vergessen als Symptom. Die Krankheit, die bereits ab dem Alter von rund 60 Jahren auftreten kann, verläuft dabei stets in drei erkennbaren Phasen:

  • 1. Stadium: Dinge werden verlegt, Termine und Namen vergessen, erste Wortfindungsstörungen tauchen auf.
  • 2. Stadium: Die Alltagsschwierigkeiten verschärfen sich, die Körperpflege wird vernachlässigt, Sprachverständnis und Sprachausdruck und Urteilsfähigkeit vermindern sich, vertraute Orte und Personen werden nicht mehr erkannt. Dazu kommen Unruhe in der Nacht und/oder verstärktes Anklammern.
  • 3. Stadium: Körperliche und neurologische Störungen. Es kommt zur Bettlägerigkeit, Krampfanfällen, Harn- und Stuhlinkontinenz und Personenverkennungen. Emotionen werden äußerst differenziert erlebt und ausgedrückt – die nonverbale Kommunikation ist dafür ein Hauptmittel.

Demenz ist ein Krankheitsbild, das sich durch sein stetiges Fortschreiten äußert. Um den Umgang mit Demenz zu lernen, sei eine ärztliche Diagnose unumgänglich – sowohl für die Betroffenen selbst, als auch die betreuenden Angehörigen, weiß Hörwarter. Forschungen deuten darauf hin, dass bei frühzeitigem Ansetzen der (medikamentösen als auch nichtmedikamentösen) Therapien eine Verzögerung der Krankheit möglich ist.

Aggression oder Isolation als Warnsignale

Der Beginn der Krankheit sei auch für das nahe Umfeld kaum zu erkennen, weil die ersten Symptome von einer normalen Altersvergesslichkeit – Dinge verlegen, Namen vergessen oder leichte Stimmungsschwankungen – nicht zu unterscheiden sind. Die betroffene Person selbst aber merke sehr wohl, dass am Beginn etwas nicht stimmt, so Hörwarter. „Das verursacht Angst, Hilflosigkeit und Unsicherheit. Und alle drei Eigenschaften zusammen führen zu Verhaltensänderungen, wie zum Beispiel Aggression oder Isolation.“

Wenn die Wörter fehlen

Besonders einschneidend sei die Phase, in der sich die Kommunikation verändert – also sich sowohl das Sprachverständnis als auch der Sprachausdruck zurückbilden, weiß der Demenzberater, der als Leiter der Gnigler Tagesbetreueung auch selbst täglich Zeit mit Menschen mit Demenz verbringt. „Auf einmal ist es nicht mehr möglich, sich verbal auszudrücken, seine Bedürfnisse und Wünsche mitzuteilen. Und wenn es mit der Sprache nicht mehr funktioniert, gehen wir Menschen auf die Gefühlsebene, was sich immer im Verhalten äußert.“ An diesem Punkt scheint der Betroffene ganz besonders verletzlich, denn er nimmt jede zwischenmenschliche Begegnung wahr – auch wenn er es nicht mehr vermag, das auszudrücken.

Was auf pflegende Angehörige zukommt

Nicht der Mensch mit Demenz, sondern das Umfeld müsse lernen, so Hörwarter. Und dazu zählen Partner, Kinder, Angehörige sowie das engere und weitere soziale Umfeld. In erster Linie gehe es darum, dem Betroffenen auf Augenhöhe zu begegnen, das Mensch-Sein in den Mittelpunkt zu stellen und nicht die Krankheit oder das Vergessen. „Es geht um Wertschätzung und Respekt, und darum, eine ehrliche und einfühlsame Beziehung zu dem Demenzkranken aufzubauen“, erklärt der Experte. Um das zu erreichen seien die Bedürfnisse des Betroffenen zu erkennen und sich Wissen und Information über den Krankheitsverlauf und Unterstützungsmöglichkeiten anzueignen. Folgende Tipps der Demenzberatung können hier helfen:

  • Nicht widersprechen, sondern die Situation akzeptieren
  • Mit Einfühlungsvermögen und Verständnis zur Seite stehen
  • W-Fragen vermeiden (z.B.: die Frage nach dem „Warum“ verlangt eine logische Erklärung, wozu Menschen mit Demenz nicht fähig sind)
  • Niemals lügen: ein Mensch mit Demenz merkt jegliches „Theater spielen“
  • Pro Satz eine Mitteilung
  • Peinlichkeiten ersparen
  • Namentliche Anrede, Blickkontakt und langsam sprechen
  • Zeit geben
  • Menschen mit Demenz entscheiden oft aus der Emotion heraus, die Vergesslichkeit und das sich nicht mitteilen können machen aggressiv
Tipps zur besseren Verständigung mit Menschen mit Demenz Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V.
Tipps zur besseren Verständigung mit Menschen mit Demenz.

Frühzeitige Beratung hilft allen Betroffenen

Eine frühzeitige Beratung, vor allem für betreuende Angehörige, sei essentiell, sagt Hörwarter. Ohne Hilfe von außen könne man sehr schnell an die eigene Belastungsgrenze „oder darüber hinaus kommen“, mahnt er. „Schauen Sie auf sich selbst, sorgen Sie für persönliche Energietankstellen, lernen Sie Hilfe anzunehmen und suchen Sie individuelle Beratungen auf – das ist Selbstfürsorge.“

Die Wichtigkeit der Beratungen würde leider auch heute noch unterschätzt und die kostenlosen Beratungsstellen im Land Salzburg meist sehr spät aufgesucht. „Daher wünschen wir uns, dass bei rechtzeitiger Diagnoseerstellung auf die zahlreichen Möglichkeiten hingewiesen wird, damit Betroffene und Angehörige so früh wie möglich in die Beratung kommen.“ Mit einer begleitenden Unterstützung gelinge es den Angehörigen dann auch im Laufe der Zeit die Blickrichtung zu ändern. „Sie kämpfen dann nicht mehr gegen die Krankheit, sondern mit dem Erkrankten für ein gutes Leben.“ Schließlich werde das Zusammensein mit dem Betroffenen gar zur Bereicherung, meint der Experte.

Das Diakoniewerk Salzburg bietet im Auftrag der Stadt Salzburg kostenlose Beratung in der Landeshauptstadt und im Umkreis von 30 Kilometern an. Das Angebot reicht von telefonischen Erstkontakten über ausführliche persönliche Gespräche bis hin zu mehrmaligen begleitenden Beratungen, auf Wunsch und Bedarf auch direkt im Wohnumfeld der Betroffenen. Terminvereinbarungen werden unter: 0664 85 82 682 entgegengenommen.

Weitere Infos findet ihr zudem auf:

Das könnt ihr vorbeugend gegen Demenz tun:

  • Gesunde Ernährung
  • Körperliche Bewegung 
  • Nicht Rauchen
  • Mäßiger Alkoholkonsum
  • Soziale Kontakte
  • Bluthochdruck vermeiden
  • Hörverlust ausgleichen lassen
  • Gehirnjogging
(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 22.10.2021 um 02:46 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/warum-demenz-uns-alle-angeht-110408500

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