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TEH & TEM im Aufwind

Warum wir unser altes Heilwissen erst wiederentdecken

Tradition der Pinzgauer:innen seit 2010 Immaterielles Weltkulturerbe

symb_ringelblume symb_heilpflanzen Pixabay
Die Vereine TEM und TEH wollen das Wissen um traditionelle Heilmittel mehr unter die Menschen bringen. (SYMBOLBILD)

Immer mehr Menschen wollen für ihre Gesundheit selbst sorgen und suchen begleitend zur Medizin alternative Methoden. Das alte Wissen um Haus- und Heilmittel erfährt dabei seit einigen Jahren einen neuen Aufschwung – und dabei spielt das Heilwissen der Pinzgauer:innen eine ganz zentrale Rolle.

Während der Begriff der TCM – die traditionelle chinesische Medizin – faktisch ein Markenname geworden ist, steckt die Propagierung der traditionellen europäischen Medizin (TEM) oder die traditionelle europäische Heilkunde (TEH) hierzulande noch in den Kinderschuhen. Unter die heimischen Traditionen fallen etwa das "Heilwissen der Pinzgauer:innen" und "Apothekeneigene Hausspezialitäten", die 2010 von der UNESCO zum Immateriellen Kulturerbe Österreichs erklärt wurden.

Altes Wissen an Menschen bringen

„Wir wollen dieses alte Wissen um die Heilwirkung von Kräutern und Pflanzen wieder verstärkt an die Menschen bringen“, erklärt die Pinzgauerin Theresia Harrer-Vitzthum, Obfrau des TEH-Vereins, am Dienstag in einem Pressegespräch. Altes Wissen rund um heilende Hausmittel unserer Urgroßmütter und Großmütter, das seit den 60er-Jahren verschwand, soll wiederentdeckt, wiederbelebt, wieder gelebt und vor allem – auch in der Schulmedizin – anerkannt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, wolle man sich vernetzen und Kooperationen schließen. So kommen erstmals im September bei einer österreichweiten Fachtagung im Salzburger Pinzgau ausgewiesene TEM/TEH-Vertreter:innen unterschiedlicher Berufsgruppen zusammen.

 
 

Heilwissen der Pinzgauer:innen seit 2005 dokumentiert

Ein besonderes Augenmerk von TEM und TEH liegt auf den regionalen Traditionen, wie etwa dem „Heilwissen der Pinzgauer:innen“. Dieses alten Kentnisse rund um verwendete Heilmittel wie Pech, Arnika und Johanniskraut wurden 2005 erstmals erhoben und dokumentiert. So liegt dem TEH Verein bis heute eine Liste von 106 Heilmitteln sowie deren Indikationen und Wirkungen vor. Damit ein Rezept weitergegeben wird, muss sich seine Wirksamkeit über Jahrhunderte hinweg bewährt haben. Sowohl in der TEH als auch in der TEM lege man großen Wert darauf, dass man tatsächlich nur jene Heilmittel weitergibt, bei denen auch tatsächlich belegt ist, dass sie auch eine Wirkung haben, erklärt Harrer-Vitzthum. „Leider gibt es in diesem Bereich auch sehr viele Halb-Experten, weswegen wir es auch als unsere Aufgabe sehen, den Menschen die richtige Anwendung der Heilmittel näherzubringen.“

Einen besonderen Bezug haben die Pinzgauer:innen zu den Harzen, vor allem Fichten-, Tannen- und Lärchenholz. Den Harzen wird eine zusammenziehende und desinfizierende Wirkung nachgesagt. Darüber hinaus ist auch die Arnika Tinktur (Arnika-Schnaps) ein beliebtes traditionelles Heilmittel. Sie wird hauptsächlich bei Prellungen, Quetschungen, Verstauchungen, Insektenstichen, blauen Flecken und rheumatischen Beschwerden äußerlich angewendet.

UNESCO gibt TEM und TEH neuen Stellenwert

„Das regionale Wissen innerhalb der traditionellen europäischen Medizin ist wesentlich. Denn jemand, der in der Ebene wohnt, weiß ganz andere Dinge, als jemand, der in den Bergen wohnt, erklärt Maria Walcher, wissenschaftlich Beirätin des TEM Fachverein am Dienstag. Mit der Aufnahme auf die Liste des Immateriellen Kulturerbes habe die UNESCO der traditionellen Medizin überhaupt erst einen Stellenwert gegeben. „TEM und TEH sind unser kulturelles Erbe, daran kann niemand mehr vorbeischauen. Jetzt hat der Staat auch die Aufgabe, das zu erhalten“, betont Walcher, die sich unter anderem auch stark für den Erhalt und die Fortführung apothekeneigene Hausspezialitäten einsetzt. „Apotheken dürfen zwar noch selbst produzieren, aber das verschwindet still und heimlich.“

 

Bereits über 1.100 ausgebildete TEH-Praktiker:innen

Das Interesse der Bevölkerung an altem Heilwissen nehme seit rund zehn Jahren stetig zu, berichten die Frauen. „Österreich hat hier eine große Vorreiterrolle in der Bewusstseinsbildung“, weiß Walcher. So wurde etwa bereits vor 14 Jahren die TEH-Ausbildung in Kooperation mit dem WIFI Salzburg gestartet. „Bis heute zählen wir 1.111 Absolvent:innen“, freut sich TEH-Obfrau Harrer-Vitzthum. Die Teilnehmerinnen – nur rund sieben Prozent sind Männer – kommen aus den verschiedensten beruflichen Bereichen. Man wolle Landwirt:innen genau ansprechen wie Kinderärzt:innen, Hebammen und Apotheker:innen, so Harrer-Vitzthum.

 

Dem zunehmenden Interesse der Menschen an altem Heilwissen will man auch bei der Veranstaltung am 9. und 10. September in Unken Rechnung tragen. So soll nach der Fachtagung am Samstag der zweite Tag ganz der Öffentlichkeit gehören. Neben Workshops und Vorträgen über Pflanzen und Kräuter kann man sich auch selbst in Wickel oder Klosteryoga üben, bewährte Hausmittel kennenlernen und anwenden oder Einblicke in Wildtierfette gewinnen.

PDF: Veranstaltung "Traditionelles Heilwissen" im Pinzgau

(Quelle: SALZBURG24)

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