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"Unvernunft stirbt nicht aus"

Was die Humanenergetik kann, oder eben nicht kann

Wenn das Selbst wichtiger wird als Nächstenliebe

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Humanenergetiker wollen das Wohlbefinden der Menschen fördern. Das dabei verbreitete Weltbild wird von Esoterik-Experten aber massiv kritisiert. (SYMBOLBILD)

Humanenergetik, ein umstrittenes Berufsfeld – und doch gibt es nur wenige, die noch nicht mit dem Thema in Berührung gekommen sind. Heilsteine, Pendeln, Händeauflegen, meditatives Trommeln – sämtliche Methoden versprechen eines: Wohlbefinden. Doch was steckt tatsächlich dahinter? Bei uns kommen Berufsgruppenvertreter und Kritiker zu Wort.

Die Grenzen zwischen Energetik, Esoterik und Verschwörungstheorien sind fließend - und individuell. Allen Anschauungsweisen gemein scheint aber ein irrationales Weltbild, das auch zunehmend mit Blick auf die Teilnehmergruppen der Corona-Demos beobachtet werden kann. Aber wie hängt das alles zusammen und was macht das in Österreich anerkannte Berufsfeld der Humanenergetik eigentlich aus? Wir haben mit Berufsvertretern der Salzburger Wirtschaftskammer und einem Esoterik-Experten gesprochen.

Über 1.400 Humanenergetiker in Salzburg aktiv

Exakt 1.421 Humanenergetiker in Salzburg führen derzeit (Stand: 30. September 2021) aktiv ihr Handwerk aus. Sie alle sind bei der Wirtschaftskammer gemeldet und bekleiden ihr Berufsbild im Bereich der Dienstleistungen. Dabei geht es um die nicht sichtbare "feinstoffliche Ebene", um "Energiefelder" und darum, das Wohlergehen der Klientinnen und Klienten mittels verschiedener Methoden – von energetischen Essenzen, über Bioresonanz über Pendel, Ruten oder technischen Geräten bis hin zu Musik, Edelsteinen und kinesiologischen Berührungen – zu verbessern. Die Wirkung dieser Methoden konnte seitens der Wissenschaft bislang nicht belegt werden.

 

"Kein Boom zu erkennen"

Einen Boom des Gewerbes will man bei der Wirtschaftskammer in Salzburg derzeit nicht erkennen. "Wir sehen ein langsames, gesundes Wachstum", sagt Maximilian Klappacher, Fachgruppengeschäftsführer der "Persönlichen Dienstleister", im Interview mit SALZBURG24. Im Gegenteil: Die in den jüngsten Medienberichten kolportierten Zahl von 30.000 Humanenergetikern in Österreich sei "schlichtweg falsch". Man zähle mit Stand Oktober 2021 exakt 19.288 aktive Mitglieder (im Vergleich: 2018 waren es 18.000), so die Klarstellung.

PDF: Berufsbild Humanenergetik

Humanenergetik: Ein freies Gewerbe ohne Kontrolle

Klar ist, der Beruf "Humanenergetiker/Humanenergetikerin" ist ein freies Gewerbe. Das bedeutet, zur Ausübung braucht es keinen Befähigungsnachweis und es gibt keine Qualitätskontrolle. Ganz so will Fachgruppensprecherin Rose Harlander das aber nicht gelten lassen: "Es gibt seit heuer einen digitalen Lehrgang mit Zertifikat für berufliche Sorgfalt und ist für unsere Mitglieder kostenlos", meint die Craniosacral-Therapeutin im S24-Interview. Und zudem seien die Mitglieder "sehr gut" ausgebildet, ein großer Teil mit Matura, Uni- oder FH-Abschluss. Ausbildungsmöglichkeiten zum Energetiker/zur Energetikerin gibt es zahllose, auch das Wifi Salzburg hat ein eigenes Angebot, das verspricht, die "Grundtechniken zur Vitalisierung und Harmonisierung des menschlichen Körpers" zu lehren.

Wo bleibt die Abgrenzung?

Harlander und Klappacher sind bemüht, ihr Berufsbild in ein seriöses Licht zu rücken – auch wenn die Abgrenzung zur Esoterik im SALZBURG24-Interview nicht ganz so eindeutig ausfällt: "Man muss sich die Frage stellen, wo Esoterik beginnt. Das ist nicht klar definierbar und höchst individuell. Wir definieren uns über unser Berufsbild. Geistheiler oder Schamanen werden bei uns nicht gelistet", so Harlander. Das Wohlbefinden der Klienten stehe im Mittelpunkt ihrer Arbeit. „Medizinische Aussagen zu treffen oder Ratschläge zu geben liegt nicht in der Kompetenz der Humanenergetikern." Man glaube aber an die Wissenschaft und befürworte die Schulmedizin. Und auf die Nachfrage, was man zu Menschen sage, die nicht an Corona glauben, meint Harlander: "Ich bin keine Medizinerin, um hier eine Aussage treffen zu können."

Die bei der Wirtschaftskammer gelisteten Humanenergetiker (es gibt sogar ein österreichweites eigenes Suchportal) seien jedenfalls seriös und würden sich an die Standesregeln halten. Wie überprüfbar das ist, bleibt hier aber unklar.

PDF: Standesregeln der Humanenergetik

 

"Energetik ist wissenschaftsfeindlich"

Klare Worte hingegen findet der Tiroler Psychologe und Esoterik-Experte Johannes Fischler*. „Humanenergetiker vertreiben ein Weltbild, das wissenschaftsfeindlich ist und die Wirtschaftskammer gibt dem auch noch eine Legitimation", sagt der 44-Jährige im Interview mit SALZBURG24. Zwischen Esoterik und Energetik gebe es de facto keine Grenze. So gehe es immer um die Frage der Reinheit, um gute und schlechte Energien – und im Endeffekt um Geld. Der eigene Gemütszustand sei zum Konsumgut geworden und bringe der Esoterik-Industrie in Deutschland jährlich über 20 Milliarden Euro (zum Vergleich: die Brauwirtschaft liegt bei neun Mrd.) ein. Umgerechnet auf Österreich bedeutet das auch hierzulande Milliardenumsätze. Bei der Salzburger Wirtschaftskammer konnte man dazu keine Angaben machen, da dies nicht abgefragt werde.

Energetik-Gewerbe ein "Hokuspokus-Gewerbe"

Die von der Berufsgruppe verbreiteten und verkauften Ideologien und Anschauungsweisen hätten mittlerweile eine gesellschaftspolitische Tragweite erreicht, ist sich Fischler sicher. Er fordert daher, dass das Energetik-Gewerbe aufgelöst oder zumindest in "Hokuspokus-Gewerbe" umbenannt wird. Irrationalismus sei der Nährboden für Fanatismus. Und das werde dann gefährlich, wenn wir versuchen, mit den surrealen Methoden der Humanenergetik reale Problem zu lösen. Die Basis hierfür liefere auch eine "in der Gesellschaft grassierende Denkverweigerung" und diese würde uns in Zukunft noch viele Probleme bereiten, ortet Fischler. "Die Unvernunft stirbt eben nicht aus, ganz in Gegenteil."

Das vermeintliche Selbst im Mittelpunkt

Eine Wellness-Kultur, in der es permanent um das vermeintliche wahre Selbst geht, um formvollendetes Wohlbefinden und um ganz und gar ganzheitliche Gesundheit – "die für viele schon wichtiger geworden ist als Demokratie, Menschenrechte oder gar Nächstenliebe" , sei besonders an energetischen Praktiken interessiert. Eine Erklärung liefert die Psychologie: "Die Esoterik bietet uns die Gelegenheit, dass wir uns endlos narzisstisch mit uns selbst beschäftigen." Die unterschiedlichen Methoden würden allesamt Geborgenheit vermitteln, die gerne angenommen wird. Und der Klient fände sich rasch in frühkindlichen Allmachtsphantasien wieder.

Rauschzustand vernebelt Wahrnehmung

In der Esoterik "Angekommene" erlebe man meist wie im Rausch, schildert Fischler, der sich seit 2006 intensiv mit dem Thema auseinandersetzt und sich durch seine Recherchen innerhalb der Szene einen Namen gemacht hat. Dieser Zustand gleiche Frischverliebten, die sich unverwundbar fühlen. “Ich sage nicht, dass die Energetik nicht wirkt", so der Psychologe im S24-Gespräch. Aber mit Übersinnlichkeit, Energien oder einer Heilung durch die angewendeten humanenergetischen Methoden hätte das nichts zu tun. Viele Menschen würden unbewusst mitarbeiten "und wir wissen heute, dass gerade Autosuggestionen im Schmerzbereich sehr wirkungsvoll sind." Und zum Abschluss rät Fischler: Vor dem Besuch beim Energetiker sollte man sich einfach nur eine Frage stellen: "Was suche ich dort wirklich?"

*Joahnnes Fischler ist Autor des Buches "New Cage: Esoterik 2.0. Wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt". Es studierte Psychologie und absolvierte Zusatzausbildungen im Wirtschafts- und Finanzbereich sowie im Online-Marketing. Durch Kontakte zu Sekten-Aussteigern und umfassende Recherchen eignete er sich profundes Wissen zu den Geschäftsmodellen der „Esoterik-Szene“ in Österreich und Deutschland an.

(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 19.05.2022 um 02:12 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/was-die-humanenergetik-kann-oder-eben-nicht-kann-114102886

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