Jetzt Live
Startseite Salzburg
Reinhard Haller im Interview

"Die Mord-Motive werden immer banaler"

Gerichtspsychiater über "Das Böse" in uns

„So ist alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, mein eigentliches Element“, sagt Mephisto ist Goethes „Faust“. Was ist das Böse eigentlich? Diese Frage beschäftigt die Menschheit schon seit jeher. Der renommierte Gerichtspsychiater Reinhard Haller versucht in seinem aktuellen Buch darauf Antworten zu geben. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

Warum wird man zum Mörder? Schlummert das Böse in jedem von uns? Reinhard Haller widmet sich in der aktualisierten und erweiterten Neuauflage seines Buches „Das Böse – Die Psychologie der menschlichen Destruktivität“ (2019, Ecowin Verlag) diesen Themen. Der Vorarlberger Psychiater sitzt im Gefängnis Mördern, Verbrechern, Terroristen und Amokläufern gegenüber – auf Augenhöhe, wie er sagt. Im Interview gewährt er uns nicht nur einen Einblick in sein Schaffen, sondern macht auch auf ein neuartiges Täterprofil aufmerksam.

SALZBURG24: Was fasziniert Sie derart an der Psyche des Menschen, dass Sie sich mit dem Thema so tief auseinandersetzen?

REINHARD HALLER: Bei Psychiatern sagt man ja gerne, dass sie möglicherweise unbewusste psychische Störungen haben und dann diesen Beruf ergreifen, in dem sie den Gärtner zum Bock machen. Aber ich hoffe, dass das bei mir nicht allzu sehr der Fall ist. Für mich ist das weite Land der Seele einfach interessanter, als Dinge, die man vermessen kann. Und darüber hinaus glaube ich, dass für die Gesundheit des Menschen die Seele, die Psyche des Menschen mindestens so wichtig ist wie der Körper.

Was genau verstehen Sie unter dem Begriff „das Böse“?

Ich arbeite noch an einer endgültigen Definition. Jede wissenschaftliche Disziplin hat eine andere Erklärung für das Böse. So sagen die Theologen zum Beispiel, das Böse ist die Abwesenheit von Gott. Die Biologen sagen, das Böse ist ein Aggressionstrieb, den man braucht, um Nahrung zu beschaffen und sich fortpflanzen zu können. Die Soziologen sagen, das Böse ist, wenn man Menschen nicht in die Gemeinschaft aufnimmt und an den Rand drängt. Und wir Psychiater sagen, das Böse ist das Fehlen von Empathie. Denn wenn diese urmenschliche Eigenschaft nicht da ist, dann ist Platz für das Böse.

Reinhard Haller, Gerichtspsychiater SALZBURG24/Wurzer
Reinhard Haller zu Besuch bei SALZBURG24.

Wie ist es, einem Schwerverbrecher oder Mörder gegenüberzusitzen?

Das Überraschende ist, dass die meisten Menschen ganz normal sind. Ein starrer Blick oder einen unheimlichen Gesichtsausdruck findet man nicht oder nur ganz selten. Auch nicht so häufig, wie man meinen möchte, sind die psychischen Störungen. Eigentlich sind etwa zwei Drittel der Täter, die ich untersuche, ganz normale Menschen.

Auch wenn man die Taten abscheulich findet, muss man diesen Menschen mit Wertschätzung und auf Augenhöhe begegnen. Meine These ist immer, dass jeder große Verbrecher auch ein großer Psychologe ist, auch wenn er es nicht studiert hat. Und wenn es darum geht, andere Menschen einzuschätzen, sie zu manipulieren oder vorrausschauend zu denken, ist mir mein Gegenüber wahrscheinlich weit überlegen.

Nun gehört es auch zu ihrem Beruf dazu, sich in Menschen einzufühlen. Wie können Sie das, wenn es um Morde oder andere schreckliche Gewaltverbrechen geht?

Man muss mit dem Menschen ein Stück weit emotional in Kontakt kommen, sonst ist es nicht möglich ihn zu untersuchen. Gleichzeitig darf man als neutraler Sachverständiger aber die Stimme der Sympathie oder Antipathie nicht zur Sprache kommen lassen. Man bewegt sich hier an einer Grenze.

Gibt es hin und wieder auch Geschichten, die Sie nicht loslassen, die Sie mit nach Hause nehmen?

Ja, das sind sehr viele. In diesem Beruf kann man nicht einfach die Mappe zumachen. Das verfolgt einen natürlich auch in die Nächte hinein, in den Urlaub und so weiter. Vor allem dann, wenn es unglaubliche Verbrechen sind und wenn Kinder die Opfer sind.

Warum tötet ein Mensch überhaupt?

Die Frage ist nicht einfach zu beantworten – auch wenn Sie jetzt richtig gefragt haben. Sonst fragt man immer: “Kann jeder zum Mörder werden?“ Das glaube ich nämlich nicht. Denn Mord ist ein strafrechtlicher Begriff, der mit Schuld verbunden ist. Das heißt, man braucht einen bösen Plan oder einen bösen Willen. Aber zum Töter kann jeder Mensch werden.

Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch neben den guten auch böse Anteile hat, die er aber im normalen sozialen Leben im Griff hat. Und hier müssen wir uns fragen, unter welchen Bedingungen diese Anteile durchbrechen. Das kann eine Notwehrsituation sein, ein heftiger Affekt, unter Vollrauscheinfluss, eine Gruppensituation bei Jugendlichen, die Unterordnung in ein hierarchisches System, eine psychische Störung und vieles mehr. Wir können also sagen: Je emotionaler, desto weniger böse und je kälter geplant, desto böser die Tat.

Gibt es ein Täterprofil, das auf viele Mörder zutrifft?

Wie das Täterprofil ausschaut, hängt auch immer von den psychologischen Trends in unserer Gesellschaft ab. Und derzeit können wir zum einen ganz klar einen Trend zu Beziehungsdelikten erkennen. Das Böse spielt sich in den eigenen vier Wänden ab.

Der zweite Trend ist, dass wegen immer kleinerer Motive, immer größere und schrecklichere Taten erfolgen. Die Delikte werden also motivärmer und das geht ganz stark Richtung Kränkung. Wir erkennen das bei den erweiterten Morden, den Schulamokläufen und auch beim Terrorismus.

Das bedeutet, die Hemmschwelle zu Gewalttaten wird geringer?

Ja, die Menschen sind empfindlicher geworden. Eine Beleidigung, eine Kränkung oder Liebeskummer – auf Dinge, die früher im harten Lebenskampf keine Rolle gespielt haben, wird heute oft mit einer maximalen Reaktion geantwortet.

Und wir haben in unserer Gesellschaft ein sehr hohes aggressives Potential. Das wurde früher durch körperliche Arbeit, wie Holzfällen, Kohle schaufeln oder Heuen kanalisiert. Das gibt es ja heute alles nicht mehr. Also wo fließt dieser aggressive Stau hin? Bei manchen vielleicht in Sport, bei manchen in wirtschaftlichen oder kulturellen Wettbewerb. Aber bei vielen bleibt das unbefriedigt und dann kommt es zu einem Aggressionsleerlauf, der in der Regel nur einen kleinen Auslöser braucht.

Und gleichzeitig erkennt man in der Gesellschaft eine große Sehnsucht nach Liebe und Wertschätzung.

Ja. Wir leben in einer Zeit, in der die zwischenmenschliche Empathie zu verloren gehen droht. Wir haben so etwas wie eine Wertschätzungsblockade in unserer Gesellschaft. Jeder Mensch will wertgeschätzt, will geliebt werden. Aber wir selbst geben diese Liebe nicht weiter. So entsteht ein starkes Bedürfnis bei den Menschen nach Achtsamkeit, im Hier und Jetzt leben. Es entstehen Gegenbewegungen zu dieser Nicht-Wertschätzung, wie die Umweltschutzbewegung, die Klimabewegung, der Boom an Vegetariern und Veganern. Denn wo die Gefahr wächst, wächst auch das Rettende.

Herr Haller, vielen Dank für das Gespräch.

Reinhard Haller, Gerichtspsychiater SALZBURG24/Wurzer
"Das Böse - Die Psychologie der menschlichen Destruktivität", aktualisierten und erweiterten Neuauflage seines Buches aus dem Jahr 2009
(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 17.04.2021 um 01:43 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/was-ist-das-boese-reinhard-haller-im-s24-interview-79835464

Kommentare

Mehr zum Thema