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Zehn Jahre nach Geiselhaft: Sehnsucht nach der Sahara ist verflogen

Die in Algerien befreiten oesterreichen Geiseln nach der Ankunft am Mittwoch, 14.Mai 2003, am Flughafen Salzburg. APA
APA11870832-2 - 14032013 - SALZBURG - ?STERREICH: Die in Algerien befreiten oesterreichen Geiseln nach der Ankunft am Mittwoch, 14.Mai 2003, am Flughafen Salzburg. Am 13. Mai 2013 j?hrte sich zum 10. mal die Befreiung einer Gruppe ?sterreichischer Geiseln durch das algerische Milit?r. APA-FOTO: HERBERT PFARRHOFER

Die Sehnsucht nach der afrikanischen Wüste ist für den Salzburger Ingo Bleckmann (70) zehn Jahre nach seiner Geiselhaft in Algerien wie wegblasen. Seither beschäftigt er sich aber intensiv mit dem Islam.

In zahlreichen Vorträgen erzählt der Akademiker nicht nur über die 54 Tage dauernde Entführung von zehn Österreichern, sechs Deutschen und eines Schweden am 17. März 2003. Er spricht auch darüber, wie notwendig ein friedliches Zusammenleben und der Dialog mit Muslimen in Zukunft für Europa sein wird.

Salzburger in Geiselhaft

Heute noch ist der Salzburger erleichtert darüber, dass die 17-köpfige Gruppe die Gefangenschaft zumindest körperlich relativ gut überstanden hat. Die Entführer gehörten der "Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf" (GSPC) an, eine Vorläuferorganisation der islamistischen Terror-Gruppe Al-Kaida im Maghreb (AQMI). Die Geiseln mussten viele Strapazen in Kauf nehmen. Sie hatten wenig zu essen, meist gab es eine Art Grießbrei ohne Zucker und Salz, Datteln und gelegentlich Fladenbrot. Bleckmann nahm 25 Kilo ab. Gewalt wurde ihnen keine angetan.

Befreiungsaktion im Mai 2003

Bei der Befreiungsaktion durch das algerische Militär am 13. Mai 2003 fielen Schüsse, mehrere Terroristen kamen offenbar ums Leben. Bleckmann empfand die Befreiung wie eine "Wiedergeburt", er wirkte psychisch gestärkt. Einige Österreicher litten offenbar noch Jahre später an einem Trauma. Schon kurz nach der Heimkehr kristallisierte sich heraus, dass Freundschaften unter den Ex-Geiseln zerstört wurden.

Entführungopfer immer noch vernetzt

Doch die Mehrheit der Entführungsopfer ist immer noch miteinander vernetzt. Etwa zwölf der 17 Sahara-Reisenden werden am 25. und 26. Mai anlässlich des 10. Jahrestages der Befreiung ein Wochenende in Hallstatt im oberösterreichischen Salzkammergut verbringen - gemeinsam mit einigen aus der Gruppe von 15 entführten Europäern, die im August 2003 nach Bezahlung von Lösegeld freikamen. Eine Frau aus Deutschland überlebte das Martyrium der Geiselhaft allerdings nicht.

Rückblickend kommt Ingo Bleckmann im APA-Gespräch zu folgender Erkenntnis: Dass es ihm gelungen sei, ein nahezu freundschaftliches Verhältnis zu führenden Geiselnehmern aufzubauen, habe neben dem persönlichen Einsatz der damaligen Außenministerin Benita Ferrero-Waldner (V) und dem Verhandlungsgeschick von Diplomaten auch dazu beigetragen, dass die Urlauber damals nicht getötet wurden.

Geduld und Diplomatie

Wie der Unternehmensberater schilderte, legte er - zum Glück der französischen Sprache mächtig - den Entführern mit viel Geduld und Diplomatie nahe, dass Angehörige einer anderen Kultur wertvolle Menschen wie sie selbst seien. Der Anführer habe ihm sogar seine Hochachtung ausgedrückt, erzählt der Salzburger. Nach der Befreiung diskreditierte er in seinen öffentlichen Stellungnahmen die Terroristen auch nicht. Bleckmann hatte angenommen, dass sich in Europa viele "Schläfer" aufhalten und diese mit den Geiselnehmern jener 15 Europäer, die damals noch in der Sahara gefangen waren, in Kontakt stehen.

Dass Österreich in der arabischen Welt anerkannt ist, kam ihnen auch zugute, meinte Bleckmann. Das könnte auch für den 26-jährigen Wiener Dominik N. ein Vorteil sein, der gemeinsam mit einem finnischen Paar am 21. Dezember 2012 im Jemen entführt wurde und noch immer in den Händen der Geiselnehmer ist. Die Tiroler Ex-Geisel Christoph Langes sieht es als "Zeichen von Wertschätzung, dass Österreich auf arabisch 'Nemsa' heißt und damit als einziges Land in der westlichen Hemisphäre einen arabischen Namen hat".

Salzburger hofft auf Freilassung des Studenten

Dominik N. sei ein charismatischer junger Mann, sagte Bleckmann. "Je länger die Gefangenschaft dauert, desto mehr besteht für ihn die Chance, den Entführern darzulegen, dass er ein wertvoller Mensch ist", hofft der Salzburger auf die Freilassung des Studenten.

Bleckmann hält schon seit Jahren Vorträge in Österreich und Deutschland, das Interesse daran ist groß. Seine Botschaft ist klar: Die christlich geprägte Bevölkerung müsse in Europa mit islamistischen Religionsangehörigen in einen Dialog treten. "Muslime werden in Zukunft eine stärkere Rolle in unserer Gesellschaft spielen. Der Anteil dieser Bevölkerungsgruppe steigt. Wir sollen das Gemeinsame in Europa auch gemeinsam tragen. Alles, was wir haben, die Menschenrechte, gleichberechtigte Frauen, diese Themen gehören in ständigem Kontakt mit Muslimen diskutiert. Es gibt noch ein Defizit beim Kennenlernen. Um friedlich miteinander leben zu können, muss sich jeder mit der Religion des anderen auseinandersetzen."

Keine Sehnsucht nach Wüste

Sehnsucht nach der Wüste - wie vor zehn Jahren - hat der in Wien geborene Physiker und Absolvent der Montanuniversität in Leoben nicht mehr. 2003 reiste er mit seinem Sohn in die Sahara, um seine Person "auf das Wesentliche zu reduzieren, um sein Inneres zu finden". "In der Wüste gibt es wenige äußere Reize. Sie ist für mich immer noch attraktiv, aber viel zu gefährlich." Länder wie Niger, Algerien und Mali schätzt Bleckmann als sehr unsicher ein, die Königreiche Marokko und Jordanien hingegen als relativ stabil.

Aus dem geplanten Film über die Geiselnahme unter der Regie von Wolfgang Glück ist nichts geworden. Bleckmann war deshalb zu einem Lokalaugenschein in Marokko (2005) und Jordanien (2006) unterwegs. "Doch der Regisseur hat sich nicht mehr imstande gefühlt, das Projekt umzusetzen."

Ebner und Kloiber 2008 entführt

Vor fünf Jahren widerfuhr einem Paar aus Salzburg ein ähnliches Schicksal wie den acht Salzburgern und zwei Tirolern im Jahr 2003. Wolfgang Ebner und Andrea Kloiber wurden im Februar 2008 im tunesisch-algerischen Grenzgebiet von AQMI-Anhängern gekidnappt und in den Norden Malis verschleppt. Nach 252 Tagen und zähen Verhandlungen wurden sie Ende Oktober freigelassen. In beiden Fällen soll von österreichischer Seite kein Lösegeld geflossen sein, wurde vom Außenministerium immer wieder betont. (APA)

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