Jetzt Live
Startseite Salzburg
Zeitgeschichte

Wanderführer widmet sich NS-Zeit in Salzburg

Geschichten und Schicksale entdecken

Wanderführer Verlag Anton Pustet
Das Cover des ungewöhlichen Wanderführers.

In Salzburg ist dieser Tage ein ungewöhnlicher Wanderführer erschienen. Er kombiniert die beliebte Freizeitbeschäftigung mit Zeitgeschichte – und führt zu teilweise kaum bekannten Orten von Widerstand, Verfolgung und Befreiung während der NS-Herrschaft. Dabei macht das Buch auch auf manche Geschichten und Schicksale aufmerksam, von denen selbst Einheimische nur wenig erzählen können.

Der Journalist Thomas Neuhold und der Historiker Andreas Praher haben für ihre Publikation 35 Touren zusammengetragen. Es sind zum Großteil Spaziergänge oder einfache Wanderungen, mitunter führen die Wege aber auch ins Hochgebirge, etwa zu den Kraftwerksbauten bei Kaprun in den Hohen Tauern, wo Zwangsarbeiter wie Sklaven Arbeit verrichten mussten. Geografisch konzentriert sich das Buch dabei auf Salzburg, die Grenzregionen zu Oberösterreich und Bayern und das Salzkammergut.

Von NS-Lagern zu Verstecken

Die ausgewählten Wanderungen erzählen vom illegalen NS-Terror im Vorfeld des Anschlusses und dem antisemitischen Klima, sie führen zu nationalsozialistischen Lagern und Zufluchtsplätzen von Widerstandskämpfern, aber auch zu den Verstecken hochrangiger NS-Schergen. Der später wegen Kriegsverbrechens zum Tode verurteile Leiter des Reichssicherheitshauptamts, Ernst Kaltenbrunner, wurde etwa im Mai 1945 auf der Wildenseealm im Toten Gebirge verhaftet.

Mutige Frauen und Männer im Wiederstand

Das Buch erzählt von mutigen Männern und Frauen im Widerstand, von katholischen Pfarrern und von Zeugen Jehovas, die sich dem Wehrdienst entzogen. Es führt zum Partisanenversteck "Igel" am Rande des Toten Gebirges, wo sich Mitglieder der kommunistischen Widerstandsgruppe "Willy-Fred" rund ein Jahr lang vor der Gestapo versteckten. Es berichtet von der Menschenjagd auf sechs Wehrmachtsdeserteure in Goldegg im Jahr 1944, die auch zahlreichen Angehörigen und Freunden das Leben kosten sollte. Und es rückt die Geschichte des "Russenfriedhofs" in St. Johann im Pongau wieder ans Licht. Dort liegen rund 3.600 Kriegsgefangene begraben, die wegen Unterernährung, der miserablen hygienischen Zustände im Lager oder als Folge von Zwangsarbeit und Folter starben.

Jede Tour im Wanderführer ist neben der Routenbeschreibung mit einem historischen Abriss versehen und weist zur Vertiefung auf weiterführende Literatur hin. "Ihr schreibt das Buch viel zu spät", hat ein Bauer einem der Autoren bei der Recherche gut 75 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus gesagt. "Wir alle hätten uns damals viel stärker wehren sollen."

(Quelle: APA)

Whatsapp

Aufgerufen am 09.07.2020 um 10:56 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/zeitgeschichtlicher-wanderfuehrer-widmet-sich-ns-zeit-in-salzburg-88413601

Kommentare

Mehr zum Thema