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ZeroCovid & No Covid

Total-Lockdown soll Corona-Zahlen senken

"Das Gewurschtel schwächt uns alle"

SB: Lockdown Salzburg APA/BARBARA GINDL
ZeroCovid- und No-Covid-Verfechter fordern einen härteren Lockdown.

Mit einem kompletten Shutdown die Corona-Fallzahlen auf ein Minimum oder gar auf null zu bringen – das ist das erklärte Ziel zweier neuer Konzepte, die aktuell Schlagzeilen machen. Anhänger gibt es immer mehr. Wäre das auch für Österreich ein denkbarer Weg?

Als Ende Jänner 2020 die ersten Corona-Verdachtsfälle in Wien Schlagzeilen machen, wurde von Seiten Politik und Medizin unter dem Motto „kein Grund zur Sorge“ beruhigt. Ein Jahr später hat Österreich zwei Wellen und drei Lockdowns hinter sich. Den bisherigen Peak erreichten wir am 13. November 2020 mit 9.586 Neuinfektionen in Österreich (837 in Salzburg). Die Welle war lang und mächtig, die Corona-Kennzahlen pendelten sich erst gegen Mitte/Ende Dezember ein. Trotz bisheriger Einschränkungen, die mal gelockert, dann wieder verschärft werden, wollen die Neuinfektionen nicht unter die 1.000er-Marke fallen. Auch die Folgen der Corona-Krise – sollte sie denn einmal zu Ende sein – sind derweil nicht abschätzbar, weder für Medizin, Wirtschaft und Politik, noch für die Gesellschaft und letztlich für den einzelnen Menschen.

Neue Konzepte, neue Wege, mehr Erfolg?

Müssen also neue Konzepte her? Immer lauter werden die Stimmen der "ZeroCovid"- bzw. „No Covid“-Unterstützer. Bei beiden Theorien, die von Expertenteams aus führenden Wissenschaftlern und Forschern entwickelt und erarbeitet wurden (das Positionspapier zu ZeroCovid wurde übrigens am 18. Jänner dem Bundeskanzleramt in Deutschland vorgestellt) geht es darum, die Infektionszahlen mit einem europaweiten harten Lockdown möglichst auf 0 zu senken. Als Vorbilder für die Theorien gelten etwa Neuseeland und Australien, zwei Länder, die sich monatelang total abgeschottet hatten und heute nur wenige Corona-Tote zu beklagen haben. Die Experten sind sich dabei einig, dass der Erfolg der Strategie nicht nur mit der Tatsache zu tun hat, dass diese beiden Länder Inseln sind. Die schnelle Entscheidung zum harten Exit und die tatsächlichen Lockerungen bei erreichten Inzidenz-Zahlen dürften die Menschen geschlossen zum Mitmachen motiviert haben. So wurde beispielsweise wegen eines einzigen Corona-Falls am 31. Jänner die Australische Metropole Perth – sie zählt derzeit rund zwei Millionen Einwohner – in den kompletten Lockdown geschickt. Die Häuser und Wohnungen durften fünf Tage lang nur in Ausnahmefällen verlassen werden.

 

Unterschied zwischen ZeroCovid und No Covid

Der europaweite Lockdown über mehrere Wochen – so lange bis mindestens eine Sieben-Tage-Inzidenz von 10 erreicht wurde – würde auch in Europa funktionieren, sind sich die Experten einig. Ebenso einig sind sie sich darüber, dass dieser Shutdown nicht nur im Privaten, sondern vor allem für die Berufswelt gelten sollte. An diesem Punkt scheint die ZeroCovid-Strategie besonders rigoros: „Maßnahmen können nicht erfolgreich sein, wenn sie nur auf die Freizeit konzentriert sind, aber die Arbeitszeit ausnehmen. Wir müssen die gesellschaftlich nicht dringend erforderlichen Bereiche der Wirtschaft für eine kurze Zeit stilllegen. Fabriken, Büros, Betriebe, Baustellen, Schulen müssen geschlossen und die Arbeitspflicht ausgesetzt werden“, heißt es etwa auf der Homepage. Während der „solidarischen Pause sollen die Gehälter weiter ausgezahlt werden. Finanzieren sollen das die Reichen. Mit einer sogenannten „Covid-Solidaritätsabgabe“, einer Zwangssteuer auf hohe Vermögen, Unternehmensgewinne und Höchsteinkommen, soll ein riesiges Rettungspaket geschnürt werden.

Kein Widerspruch zwischen Gesundheit und Wirtschaft

Die Anhänger der No-Covid-Strategie hingegen sehen keinen Widerspruch zwischen dem Gesundheitsschutz und einer offenen Wirtschaft. „Es wäre Wahnsinn, die Industrie stillzulegen“, meint etwa der Präsident des deutschen ifo-Institutes, Clemens Fuest, Mitbegründer der „liberaleren“ Strategie. Das könne man sich wirtschaftlich nicht leisten. Gleichzeitig warnt er davor, Geschäfte vorschnell wieder flächendeckend zu öffnen. Man müsse regional agieren, so der Wirtschaftsexperte.

"Grüne Zonen", die Normalität bringen

Die aktuelle Situation in den verschiedenen Orten, Bezirken oder Gebieten einzuschätzen und danach individuell zu agieren, lässt sich im Konzept der „Green Zones“ zusammenfassen, das wiederrum beide Strategien verfolgen. Die „Grüne Zone“ ist ein definierter Bereich mit einer stabilen Inzidenz von 0, in dem wieder alles geöffnet ist und man sich frei bewegen kann. Die Theorie beinhaltet die stetige Erweiterung der Zone, sobald diese virusfrei ist. In Verbindung mit Mobilitätskontrollen, Tests und Quarantänemaßnahmen, könnten dann sogar Reisekorridore entstehen, so der Ausblick. Das Zentrale aber ist: Neue Ausbrüche würden sofort im Keim erstickt werden.

PDF: No-Covid-Strategie

"Die Menschen brauchen eine Vision"

Utopisch? Immerhin knapp 96.000 Menschen haben bereits für die Umsetzung der ZeroCovid-Strategie unterschrieben. Einer davon ist der Salzburger Willi Schwarzenbacher, Arzt für Allgemein- und Arbeitsmedizin, Bauer, Menschrechts-Klima-Naturschutzaktivist. „Ich habe das Papier unterzeichnet, weil es zumindest versucht, eine gewisse Vision für eine bessere Welt nach der Pandemie zu entwerfen“, sagt er im Interview mit SALZBURG24. „Es gibt aktuell keine Pläne für später“, kritisiert er.

"Gesellschaft geschwächt"

Die derzeitige Strategie der Bundesregierung in Österreich, aber auch jene in den anderen europäischen Ländern, verstärke das Gefälle zwischen Reich und Arm noch mehr. Der Wirtschaft entstünden durch das „Gewurschtel“ im Endeffekt mehr Schäden als bei einem einheitlichen Total-Lockdown für eine bestimmte Zeit, ist sich Schwarzenbacher sicher. Zudem sieht der Aktivist die Gesellschaft mehr und mehr geschwächt. „Die Menschen selbst haben zu wenige Möglichkeiten, an der Bekämpfung der Pandemie teilzunehmen.“ Die Selbstverantwortung müsse daher dringend wieder in den Vordergrund gerückt und gestärkt werden, sagt Schwarzenbacher. „Faktum ist, Europa ist eine Halbinsel und wir könnten das Virus viel schneller unter Kontrolle bringen, wenn man den Leuten eine Vision gibt.“

Aktuelle Strategie bringt hohe Fallzahlen

Und wie schätzt die Medizin eine Zero- oder No-Covid-Strategie ein? „Ein harter Lockdown ist aus medizinischer Sicht sinnvoll“, sagt Primar Richard Greil, der führende Corona-Experte des Landes, im Interview mit SALZUBRG24. China, wo sich die Zahlen der Neuinfektionen bis heute gut unter Kontrolle halten, habe das eindrücklich gezeigt.

In der Bekämpfung der Pandemie werde jedoch immer wieder vergessen, dass es zwischen dem medizinischen und ökonomischen Erfolg „keinen Unterschied“ gibt, betont Greil. „Ziel ist es, möglichst niedrige Infektionszahlen zu erreichen und diese dann auch zu halten. Dafür braucht es einen harten und hocheffektiven Lockdown.“ Die derzeitige Strategie der Bundesregierung führe uns weder tatsächlich aus dem Lockdown, noch bewirke sie, dass die Fallzahlen auf ein Minimum sinken könnten, kritisiert der Mediziner.

Virus nie ausgerottet

„Ausgerottet werden kann das Virus aber nie“, so Greil. Das zu glauben sei eine Illusion. Zu Covid-Erkrankungen werde es in regelmäßigen Abständen immer wieder kommen, da es immer Überträger geben wird. „Aber wenn wir die Infektionszahlen möglichst niedrig halten, dann kommen wir gut durch.“

Wir alle sitzen in einem Boot

Eine neue Krankheit ist also Teil unseres Lebens geworden – und sie wird Teil unseres Lebens bleiben und es auch in Zukunft prägen. Möglicherweise aber gelingt es uns, das Virus wieder ein bisschen mehr in den Hintergrund zu rücken. Doch dafür müssen wir zuerst begreifen, dass es existiert und es ohne Kontrolle gefährlich für uns alle werden kann. Kinder und Jugendliche, Familien, Alleinerziehende, Allein-Lebende, Alte, Arbeiter und Angestellte, Chefs, Selbstständige, Beamte, Politiker, Corona-Kritiker und Medienschaffende – wir alle sitzen in einem Boot. Was machen wir daraus?

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Gepostet von ZeroCovid De/At/Ch am Mittwoch, 10. Februar 2021
(Quelle: SALZBURG24)

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