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72. Filmfestspiele in Venedig mit Johnny Depp als Mafiaboss

Johnny Depp ist wieder in Höchstform - zumindest auf der Kinoleinwand: In "Black Mass" überzeugt der Hollywoodstar mit einer menschlichen, fesselnden Darstellung des berüchtigten Kriminellen James "Whitey" Bulger. Während US-Medien Depp nun bereits im Oscar-Rennen wähnen, hat sein Auftritt bei einer Pressekonferenz im Vorfeld der Premiere Freitagabend in Venedig geteilte Meinungen hinterlassen.

In "Black Mass", der bei den 72. Filmfestspielen Venedig außer Konkurrenz läuft und am 16. Oktober in den österreichischen Kinos startet, zeichnet US-Regisseur Scott Cooper ("Crazy Heart") den Aufstieg von Bulgers "White Hall"-Imperium im Boston der 70er und 80er anhand dessen Allianz mit dem FBI-Agenten Johnny Connolly (Joel Edgerton) nach. In weiteren Rollen tun sich u.a. Benedict Cumberbatch und Peter Sarsgaard eindrücklich hervor. Der Film basiert auf wahren Begebenheiten, hat Bulger doch schon Martin Scorseses "Departed - Unter Feinden" inspiriert. Depps Darstellung des berüchtigten irisch-amerikanischen Kriminellen steht im klaren Gegensatz zum monströsen Whitey in Jack Nicholsons Interpretation.

"Man muss einer Figur wie James Bulger als Mensch begegnen. Keiner wacht morgens auf, rasiert sich, putzt sich die Zähne und denkt sich dann beim Blick in den Spiegel: 'Ich bin böse. Heute werde ich etwas Böses tun'", meinte Depp, der das Böse in sich bereits "vor langer Zeit entdeckt und akzeptiert" habe. "Wir sind alte Freunde." Die Brutalität, mit der Bulger in "Black Mass" Verräter und Feinde niederstreckt, sei "einfach Teil des Geschäfts" gewesen. "In dem Geschäft, in dem er gearbeitet hat, ist Gewalt eine Art universelle Sprache, die alle verstanden haben, mit denen er zu tun hatte und die ihm gegenüberstanden."

Bulger sei einfach "ein komplizierter Mensch" gewesen, meinte Depp, der mit stechend blauen Kontaktlinsen, schütterem, blonden Haar und schlechten Zähnen in "Black Mass" kaum wiederzuerkennen ist. "Ich habe Johnny über die Jahre als einer der gefühlvollsten, sanftmütigsten Menschen überhaupt kennengelernt", schwärmte US-Regisseur Cooper von seinem Hauptdarsteller. "Ihn zu sehen, wie er sich in diesen Soziopathen verwandelt, war erstaunlich. So eine Transformation habe ich noch von keinem anderen Schauspieler gesehen." Depp gehe mehr Risiken ein als andere Schauspieler, sei mittlerweile "ein nationales Kulturgut" - "und es ist eine Ehre, ihn in meinem Film zu haben", sagte Cooper.

Zuletzt schien Depps Kulturgutstatus jedoch zu verblassen: Gerüchte um Alkoholsucht und Drogenexzesse halten sich seit Monaten hartnäckig, und an den Kinokassen kassierte er zuletzt Flops und negative Kritiken ob manch uninspirierter Darstellungen. In Venedig gab sich Depp nun gut gelaunt und gesprächig, wenn er auch bei der Pressekonferenz teils unkonzentriert wirkte und für Irritationen sorgte. Das Bier, das er vor sich am Podium drapierte, sei jedenfalls alkoholfrei, wie er zu Beginn versicherte. "Immerhin bin ich verantwortungsbewusst, und wenn ich doch lalle, dann liegt es an euch." Der Fanliebe tut das so oder so keinen Abbruch, seit dem frühen Morgen haben sich Tausende am roten Teppich versammelt, um Depp hautnah zu erleben.

Von so viel Zuwendung konnte Florence Foster Jenkins einst nur träumen: Die Operndiva ohne Gesangstalent inspirierte neben Stephen Frears' demnächst erscheinendem Biopic mit Meryl Streep auch die charmante Tragikomödie "Marguerite" (Kinostart am 30.10.), die am Freitagabend im Wettbewerb von Venedig Premiere feiert. Mit Demut, Liebe zur Musik und einer schmerzlichen Sehnsucht nach Zuneigung von ihrem Publikum, vor allem aber von ihrem Ehemann, verkörpert Catherine Frot die liebenswert-verrückte, betuchte Möchtegern-Sopranistin Marguerite Dumont, der partout niemand sagen will, dass sie so gar keine Töne trifft. Der französische Regisseur Xavier Giannoli verlegt die Handlung ins blühende, von Jazz und ersten Auflehnungen gegen die Bourgeoisie erfasste Paris der 20er-Jahre, weiß diesen Zauber aber nicht über 130 Minuten aufrechtzuerhalten.

Mehr Chancen auf den Goldenen Löwen werden da dem Russen Alexander Sokurow zugerechnet, der bereits 2011 mit seinem künstlerischen Experiment "Faust" mit dem österreichischen Schauspieler Johannes Zeiler den Hauptpreis in Venedig erhielt. Euphorisch wurde auch sein diesjähriger Wettbewerbsbeitrag aufgenommen: Im faszinierenden Kaleidoskop "Francofonia", das sich ein wenig zugänglicher gestaltet als seine vorhergehenden Arbeiten, wandelt Sokurow durch das Paris zur Zeit der NS-Besatzung während des Zweiten Weltkrieges. Mit historischen und assoziativen Bildern sowie nachgestellten Szenen zwischen Wolff-Metternich und dem damaligen Louvre-Direktor Jacques Jaujard hinterfragt Sokurow den Stellenwert von Kunst und Museen vor dem Hintergrund der Geschichte Frankreichs und Europas, und stellt mit Bezügen zu Kunstraub, Flüchtlingsströmen auch aktuelle, große Fragen.

(Quelle: S24)

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