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"Anlandezentren" außerhalb Europas "illusorisch"

Bachmann gilt als Experte in Flüchtlingsfragen APA (MSF/Archiv)
Bachmann gilt als Experte in Flüchtlingsfragen

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) hält das Funktionieren von sogenannten Anlandezentren für Migranten in Nordafrika für "illusorisch". Denn sogar in Camps innerhalb Europas würden "unhaltbare und menschenunwürdige Zustände" herrschen, sagte Marcus Bachmann, humanitärer Berater von MSF, am Dienstag in Wien.

"Wenn die EU nicht willens ist oder es logistisch nicht schafft, einige tausend Schutzsuchende in Europa menschenwürdig zu versorgen, wie sollen dann die angekündigten Lager außerhalb Europas funktionieren?", fragte Bachmann vor Journalisten. Als Beispiel nannte er das Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos und bezeichnete die Lage in dem sogenannten Hotspot als "schockierend".

Momentan würden sich rund 10.000 Personen in dem Lager aufhalten, fast die Hälfte davon Minderjährige. Gewalt und Missbrauch seien an der Tagesordnung, vor allem die Versorgung besonders schutzbedürftiger Personen sei völlig unzureichend, kritisierte der Experte. Das Camp Moria wurde ursprünglich für die Versorgung von 3.000 Menschen errichtet.

"Durch den verengten Fokus auf Grenzschutz und Sicherheitspolitik wird von ungelösten Problemen und Fehlern der europäischen Flüchtlingspolitik abgelenkt", sagte Bachmann und appellierte an die europäischen Staats- und Regierungschefs, das Leben und die Würde der Menschen wieder in den Mittelpunkt ihrer Politik zu stellen.

Diesbezüglich wandte er sich an die österreichische Ratspräsidentschaft. "Wir fordern Bundeskanzler Sebastian Kurz auf, jetzt endlich menschliche und nachhaltige Lösungen für die humanitäre Krise am Mittelmeer und in Libyen sowie für den Umgang Europas mit Flüchtenden, Migranten und Migrantinnen zu finden", so Bachmann unter Verweis auf das Motto des österreichischen Vorsitzes "Ein Europa das schützt". "Was wir jetzt aber vor allem brauchen, ist ein Europa, das Menschenleben schützt", sagte er.

Auch die Hilfsorganisation Oxfam sprach sich am Dienstag gegen die von der EU geplanten Zentren aus. Die Pläne, die auf dem Salzburger Gipfel diskutiert werden, würden der EU "nicht helfen", Migration besser zu managen, sondern nur "unnützes Leiden" schaffen, so Oxfam in einer Aussendung.

Die Organisation argumentiert darin ähnlich wie Ärzte ohne Grenzen: Anstatt ein "System voller Fehler" in Nordafrika zu duplizieren, sollten die EU-Staats- und Regierungschefs das europäische Asylsystem auf Grundlage bereits existierender Vorschläge des EU-Parlaments dringend reformieren.

Die Lage in den bestehenden Internierungslagern entlang der libyschen Küste sei "unverändert dramatisch" und spitze sich aufgrund der immer wieder aufflammenden Kämpfe in dem Bürgerkriegsland sogar noch zu, warnte MSF. Offiziell sei das Innenministerium der von der UNO unterstützten Einheitsregierung in Tripolis für deren Verwaltung zuständig.

(APA)

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