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75 Jahre Befreiung

Die letzten Überlebenden von Auschwitz erzählen

World Holocaust Forum in Yad Vashem

75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs leben nur mehr wenige der Zeitzeugen des Holocausts. Die meisten Holocaust-Überlebenden sind mittlerweile weit über 90 Jahre alt. Dennoch sind mehr als hundert von ihnen am Donnerstag in der Gedenkstätte Yad Vashem gekommen, um von ihren schmerzhaften Erinnerungen zu erzählen.

Die letzten Zeugen der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie stehen im Schatten der internationalen Staatsgäste. Allen voran der russische Präsident Wladimir Putin, US-Vizepräsident Mike Pence und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Dennoch geben die zum Teil gebrechlichen, zum Teil überraschend agilen Männer und Frauen den Medienteams aus der ganzen Welt bereitwillig stundenlang Auskunft. So wie der 91-jährige Nahum Rotenberg, der das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau nur "durch Glück" überlebte, wie er gegenüber der APA erzählt.

Eltern direkt in Gaskammer geschickt

An der Rampe des Lagers wurde der damals 15-Jährige aus dem polnischen Lodz von seinem Eltern getrennt, er sah sie nie mehr wieder. "Ich und mein älterer Bruder wurden nach rechts geschickt, mein Vater und meine Mutter nach links". Die SS-Männer mit ihren Hunden hätten nicht einmal zugelassen, dass er sich von seiner Mutter verabschiedete, erzählt Rotenberg immer noch sichtlich bewegt. Anschließend wurden seine Eltern direkt in die Gaskammern geschickt und er habe noch ihre Schreie gehört. "Sie hatten zu wenig Gas verwendet, deshalb waren sie noch nicht tot, als sie im Krematorium verbrannt wurden."

Auschwitz-Birkenau: Überleben durch Glück

Der 92-Jährige spricht Deutsch, das er in seiner Gefangenschaft gelernt hat, und muss nur manchmal nach Worten suchen. Er hatte mehrmals Glück, wie er sagt. Einmal sei er fast wegen eines Stücks Papier, das er gefunden hatte, getötet worden. "Ich wurde von einem Kapo erwischt und sollte am Sonntag am Appellplatz daher vortreten. Normalerweise überlebte die Schläge der Kapos niemand." Nach fünf brutalen Schlägen habe der Lagerälteste aber gesagt: "Halt, es ist genug. Und so bin ich am Leben geblieben."

Die Welt gedenkt der Auschwitz-Opfer

Vor 75 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit. In Yad Vashem kommen politische Führer der Welt zum Gedenken zusammen. Die Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Livestream.

Gepostet von DER SPIEGEL am Donnerstag, 23. Januar 2020

Einmal im Jahr Gedenken in Deutschland

Nach einem Monat in Auschwitz wurden er und sein Bruder zur Zwangsarbeit in die Nähe von Hannover gebracht. Die Arbeit in einer Reifenfabrik und einem Steinbruch war hart, zu Essen gab es oft gar nichts. Sein Bruder und sein Cousin starben beide noch während des Krieges, weil sie in den Reifenwerken dem Ruß schutzlos ausgesetzt waren. Er selbst hatte Glück, weil er im Küchendienst eingesetzt wurde und so nicht verhungern musste. Dennoch wog er bei Kriegsende nur mehr 28 Kilo.

Auch heute noch reist der 91-Jährige, der in Tel Aviv lebt, einmal im Jahr nach Deutschland und tritt dort als Zeitzeuge in Schulen und anderen Veranstaltungen auf. Das mache er auch, um an einer Gedenkstelle für seinen getöteten Bruder und seinen Cousin ein Kaddisch-Gebet zu sprechen und eine Kerze anzuzünden, sagt Rotenberg.

Kritik an Holocaust-Gedenken in Yad Vashem

Laut dem Yad-Vashem-Direktor Avner Shalev leben noch rund 200.000 Überlebende des Holocaust in Israel. Am Rande der Veranstaltung gab es auch Kritik an der internationalen Großveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Einige Israelis protestierten gegen das kostspielige Treffen und erinnerten an die verarmten Holocaust-Überlebende in Israel. "Stoppt diese 'Holocaust-Party'! 100.000 hungrige Holocaust-Überlebende" hieß es auf einem Banner.

Ganz Jerusalem befand sich bereits seit Mittwoch im Ausnahmezustand. Tausende Sicherheitskräfte waren in und um die Stadt im Einsatz und sperrten ganze Straßenzüge, um die Sicherheit der mehr als 40 angereisten Staatsgäste zu gewährleisten. Viele Geschäfte in der Innenstadt blieben daher am Donnerstag ganz geschlossen, der Verkehr war immer wieder lahmgelegt.

Eine Million Menschen in Auschwitz ermordet

Am kommenden Montag, dem 27. Jänner, jährt sich zum 75. Mal die Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz im von Hitler-Deutschland besetzten Polen. Das nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gilt weltweit als Symbol für den Holocaust. Nach Schätzungen wurden dort mehr als eine Million Menschen ermordet, zumeist Juden.

(Quelle: APA)

Antisemitismus macht Van der Bellen Sorgen

Van der Bellen APA/BUNDESHEER/PETER LECHNER
Van der Bellen während seiner Neujahrsansprache.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat dazu aufgerufen, den wiederauflebenden Antisemitismus "energisch bei jeder Gelegenheit, sei sie noch so klein," entgegenzuwirken. "Wir sind in Europa besorgt, dass es so etwas wieder gibt", so Van der Bellen gegenüber österreichischen Journalisten in Jerusalem.

Es sei wichtig, "der Opfer zu gedenken und gleichzeitig wichtig, zu versuchen zu verstehen, wie es dazu kommen konnte", sagte der Bundespräsident. Denn den Satz "Nie wieder Auschwitz" würde wohl jeder in Europa unterschreiben, aber man müsse sich fragen: "Wie kam es dazu, wie ist es möglich, dass so viel geduldet wurde und so viele Täter sich beteiligt haben?" Daher seien"Antisemitismus, Rassismus jeder Art und Menschenverachtung Dinge, die im Keim erstickt gehören, damit so etwas nie wieder passieren kann", mahnte Van der Bellen.

Beziehungen zu Israel "weiter entspannt"

Angesprochen auf die jüngsten rassistischen Hasspostings gegen Justizministerin Alma Zadic (Grüne) meinte Van der Bellen, dies lasse sich nicht mit der Diskriminierung der 1930er Jahre vergleichen. "Lassen wir die Kirche im Dorf", so der Bundespräsident, "es gibt offenbar Leute, die es nicht aushalten, dass eine in Bosnien geborene und mit zehn Jahren nach Österreich gekommene, gescheite, junge Frau in Österreich Ministerin wird", so Van der Bellen.

Der Regierungswechsel in Österreich hat laut dem Bundespräsidenten "die ausgezeichneten bilateralen Beziehungen" zwischen Österreich und Israel "weiter entspannt". Im Vergleich zu seinem letzten Israel-Besuch vor einem Jahr gebe es nur den Unterschied, "dass jetzt alle Regierungsmitglieder in Israel bei entsprechenden Anlässen empfangen werden". Er habe sich damals im Hintergrund dafür eingesetzt, dass die von der FPÖ nominierte Außenministerin Karin Kneissl in Israel empfangen werden könne, aber ohne Erfolg. "Dieses Problem haben wir jetzt nicht mehr", so Van der Bellen.

Van der Bellen wird auch Auschwitz besuchen

Der Bundespräsident nimmt am Donnerstag gemeinsam mit rund 40 anderen Staats- und Regierungschefs am Holocaust-Forum und der internationalen Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestags der Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz in der nationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem teil.

Wenige Tage nach seiner Rückkehr wird Van der Bellen am Montag nach Polen reisen. Auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, das im damals von Hitler-Deutschland besetzten Polen errichtet worden war, findet eine weitere internationale Gedenkveranstaltung statt. Der Gastgeber, Polens Präsident Andrzej Duda, kommt aus Protest gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht zu der Gedenkfeier nach Israel. Hintergrund ist ein Konflikt zwischen Polen und Russland über die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs. Putin hatte Regierungsvertretern von Vorkriegspolen Antisemitismus und eine anbiedernde Haltung gegenüber Nazi-Deutschland vorgeworfen.

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