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"Bassarids" in Salzburg überraschend politisch

Die Musik fordert in Salzburg ihren Tribut - mit oder auch gegen den Willen der Festspiele. Wegen hartnäckigen Glockenläutens aus dem Salzburger Dom am Vortag des Feiertags Mariä Empfängnis konnte der Terrassentalk zu Hans Werner Henzes "The Bassarids" am heutigen Dienstag erst mit einer Viertelstunde Verspätung beginnen.

"Ich würde sagen, dass die katholische Religion in Salzburg heute ähnlich übergriffig ist, wie der Dionysus-Kult damals in Griechenland", spielte Regisseur Krzysztof Warlikowski deshalb auf die literarische Vorlage der Oper von Euripides an. Wie in vielen griechischen Mythen würden auch die Bassariden die Geschichte einer Familie erzählen, die ins Chaos gestürzt wird und gleichzeitig für eine ganze Gesellschaft steht. Die Bassariden, also die Bürger von Theben, "sitzen einem Hochstapler auf", so Warlikowski, sie lassen sich zum Kult des Dionysus hinreißen, was den von Willkür beherrschten Mittelteil des Stücks darstellt, während am Anfang und am Ende die Ratio regiert.

Er sei selbst am Ende des Probenprozesses überrascht gewesen, dass das Resultat durchaus ein politisches Stück geworden sei. "Ich denke jetzt, es geht auch um Europa, das sich von den Rechtsextremen einlullen lässt. Es geht darum, wie ein Volk mit Bullshit vergiftet wird. Sie werden auch verstehen, dass ich Pole bin - und ich fühle mich in diesen politischen Zeiten wie ein Fremder in meinem eigenen Land." Er habe diese Perspektive so nicht geplant. "Ich komme mit Fragen. Man kann nicht hoffen, sie zu beantworten, sondern man versucht, die Fragen auf die Bühne zu bringen. Aber manchmal gibt die Musik, das Stück, dann doch Antwort."

Für Warlikowski, der mit "The Bassarids" am Donnerstag (16.8.) sein Festspieldebüt gibt, ist das verführerische, kultische Element des Stücks auch aus dem Entstehungskontext des Werks zu verstehen. 1966 in Salzburg uraufgeführt, lag damals bereits "eine Freiheit in der Luft, auch wenn wir noch nicht wussten, was es genau ist". Eine "frische Luft nach dem Krieg", die sich zwei Jahre später konkret manifestieren würde. Insofern stünde die Attraktivität des Dionysus-Kults auch für diese "Geste der Freiheit", die "immer destruktiv und gefährlich ist".

Die Entstehungszeit der 60er Jahre ist auch für Dirigent Kent Nagano ein zentrales Moment in der Interpretation. "Der Reiz, das Stück zurück nach Salzburg zu bringen, liegt ja auch darin, heute einen objektiveren Blick darauf zu haben", erklärte der US-Dirigent, der in der Felsenreitschule einen gewaltigen Philharmoniker-Apparat verwaltet. Lange habe man zunächst die Frage gewälzt, welche Fassung man spielen wolle. Schließlich wurde das Libretto von W.H. Auden auf Englisch verfasst und für die Salzburger Uraufführung übersetzt, später wurden zahlreiche Szenen gekürzt. Nun spielt man auf Englisch, hat einen Prolog restauriert und ein Intermezzo sowie die Calliope-Szene in die Mitte gesetzt - "damit kommen wir auf die Originalidee zurück".

Großes Lob gab es sowohl von Nagano als auch von den Sängern Tanja Ariane Baumgartner, Russell Braun und Sean Pannikar für den ausgiebigen Probenprozess in Salzburg. "Das ist einfach wunderbar, wir legen Schicht um Schicht, die musikalische Struktur ist das Fundament." In einer ganzen Woche rein musikalischer Proben habe man begonnen - und dabei eine Sicherheit erworben, die gerade in der Felsenreitschule unerlässlich sei. "Es gibt Momente, da ist ein Sänger so weit weg, dass er uns alle nicht mehr hören oder sehen kann - aber aufgrund einer starken Probenbasis verstehen wir uns intuitiv."

Auch auf den Regieprozess habe man als Sänger hier viel mehr Einfluss als etwa bei einer Produktion an einem US-amerikanischen Opernhaus, schwärmte Pannikar. "So einen kollaborativen Prozess bekommt man nicht häufig - dabei ist es das, was wirklich Spaß macht. Wie können wir diese sehr alte Geschichte in einem frischen Licht betrachten? Sogar bis zur Generalprobe werden noch Änderungen gemacht, wenn etwas so noch nicht ganz gestimmt hat - das hat mich sehr beeindruckt."

(APA)

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 21.09.2019 um 02:30 auf https://www.salzburg24.at/news/welt/bassarids-in-salzburg-ueberraschend-politisch-41502514

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