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Burschenschaften FPÖ-"Vorfeldorganisationen"?

Von einer historisch gewachsenen "symbiotischen Beziehung" zwischen Burschenschaften und Freiheitlichen schreibt der Politologe Bernhard Weidinger in seinem neuen Buch über Burschenschaften. Die FPÖ zehre von der "Vorfeldorganisation" Verbindung, während Korporierte über die Partei eine politische Bühne erhielten. "Zu jedem Zeitpunkt" seien Korporierte für die FPÖ im Nationalrat gesessen.

In seinem Buch "Im nationalen Abwehrkampf der Grenzlanddeutschen. Akademische Burschenschaften und Politik in Österreich nach 1945", das demnächst im Böhlau Verlag erscheint, blickte Weidinger erst einmal in die jüngere Vergangenheit: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gründeten sich die Burschenschaften neu. Dank der durch den beginnenden Kalten Krieg deutlich gebremsten Entnazifizierung, der Nachsicht der akademischen Behörden und der Solidarität der konservativen Eliten gelang diese Restauration relativ schnell: "In der ersten Hälfte der 1950er-Jahre bestanden praktisch alle burschenschaftlichen Verbandsstrukturen wieder", erklärte Weidinger.

In diesen frühen Jahren erkennt der Politologe aber auch einen entscheidenden Wendepunkt: "Bewusst wurde auf jede Reflexion über die Rolle und Beteiligung der Burschenschaften an den Gräueln des Nationalsozialismus verzichtet." So sei es zu einer ideologischen und formalen Erstarrung der Verbindungen gekommen, an der sich bis heute nichts geändert habe.

Allerdings war den deutsch-nationalen Burschenschaften ihr vordringlichstes politisches Ziel abhandengekommen - an einen staatlichen Anschluss Österreichs an Deutschland war vorerst nicht mehr zu denken. Also richtete man sich neu aus: "Zentrale Mission war es nun, die Wahrnehmung Österreichs als deutsches Land am Leben zu erhalten", schilderte Weidinger. Das versuchten die neu erstarkten Burschenschaften etwa mit Flugblattaktionen an den Universitäten, in denen sie ihren deutsch-völkischen Nationalismus propagierten. Denn Bühne und Einfluss fanden die Burschenschaften vor allem an den Unis - besonders über den Ring Freiheitlicher Studenten (RFS), der bei den Hochschülerschafts-Wahlen als zweitstärkste Fraktion Wahlergebnisse von bis zu 30 Prozent einfuhr.

Ein zweites Betätigungsfeld fanden die Burschenschafter in der Unterstützung deutschsprachiger Volksgruppen im Ausland. "Südtirol wurde zu einem ganz zentralen Thema, hier brachten manche Burschenschafter - unter Billigung vieler anderer - auch terroristische Methoden zum Einsatz", erklärte der Politologe. Abgesehen von Uni und sogenannter "Volkstumsarbeit" verschwanden die Burschenschaften allerdings immer mehr in der politischen Bedeutungslosigkeit. Noch mehr an Boden verlor man im Laufe der 1970er- und 1980er-Jahre mit der zunehmenden Öffnung der Universitäten.

Immer wieder regten sich in den mit relativ gleichbleibend niedrigem Mitgliederniveau konfrontierten Burschenschaften Stimmen, die auf diesen gesellschaftlichen Wandel reagieren wollten, doch: "Jeder Reformanlauf wurde schon im Keim erstickt", so Weidinger. Es folgte ein rasanter Bedeutungsverlust, dem erst mithilfe der FPÖ unter Jörg Haider zumindest ein wenig Einhalt geboten werden konnte.

Seit Gründung der Partei habe es Verbindungen zwischen den Freiheitlichen und den österreichischen Burschenschaften gegeben, meinte der Politologe: "Beide Gruppen erbringen füreinander Leistungen." Burschenschaften würden der FPÖ vor allem als "Kaderschmiede" dienen. Im Unterschied zu Deutschland, wo Korporierte in nahezu allen Parteien zu finden sind, standen die österreichischen Burschenschaften beinahe immer ausschließlich in den Reihen der FPÖ: "Man könnte die Verbindungen auch als Vorfeldorganisationen bezeichnen, die akademisches Personal und Expertise - etwa für die Regierungsarbeit - zur Verfügung stellen", erklärte Weidinger.

Neben Fertigkeiten wie Rhetorik und Vertrautheit mit politischen Abläufen seien Korporierte auch "zuverlässig und ideologisch tief verwurzelt" - Qualitäten, die FPÖ-Quereinsteigern in der Vergangenheit teils abgegangen seien. Was einmal Vorteil ist, könne jedoch auch "Klotz am Bein" werden, wie es Weidinger formulierte. Etwa wenn die FPÖ versucht, sich ideologisch zu öffnen. "Wenn es dann keine Erfolge vorzuweisen gab, kam es wiederholt zu Querschüssen aus den eigenen Reihen", schilderte der Politologe.

Die Burschenschaften wiederum profitieren nicht nur von den Karriereoptionen, sondern auch von einer gewissen Schutzfunktion der FPÖ, wie es das Beispiel des "Akademikerballs" zeige. Besonders wichtig sei aber die politische Bühne, die ihnen die Partei bietet: Anliegen, die eigenständig kaum gehört würden, könnten so in den politischen Diskurs eingespeist werden. "Die politische Relevanz der Burschenschaften ergibt sich heute ausschließlich aus ihren Verbindungen zur FPÖ", meinte Weidinger.

(Quelle: S24)

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