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Cannabis-Inhaltsstoff reduziert Schmerzen ohne Effekt auf Gehirn

Die Freigabe von Cannabis als Schmerzmittel ist weiterhin umstritten. APA/dpa-Zentralbild/Patrick Pleul
Die Freigabe von Cannabis als Schmerzmittel ist weiterhin umstritten.

Immer mehr pharmazeutische Präparate aus Hanf erobern sich einen Platz auch in der Medizin. Zumeist handelt es sich bei den Wirkstoffen um Tetrahydrocannabinol (THC). Doch mit Cannabidiol (CBD) gibt es noch eine weitere Substanz aus weiblichen Hanfpflanzen mit positiven Effekten in der Schmerztherapie.

Das sagte jetzt der Kärntner Spezialist Rudolf Likar aus Anlass der Österreichischen Schmerzwochen.

Cannabis bietet mehr als nur THC

Mit den verschiedenen Cannabis-Inhaltsstoffen hat sich die Wissenschaft schon seit langem beschäftigt. Bei den medizinischen Anwendungen im Vordergrund stand zunächst die bekannteste Substanz, das Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC), das auch die psychotropen Eigenschaften von Cannabis vermittelt. Doch die Pflanze Cannabis sativa L. hat noch mehr zu bieten. Bereits 1940 wurde der Inhaltsstoff Cannabidiol (CBD) identifiziert. "Bei CBD handelt es sich um eine nicht psychotrope Substanz. Sie unterliegt keiner Suchtgiftregelung. Im Körper wird es auch nicht zu THC umgewandelt", wurde Likar, Generalsekretär der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) und Leiter der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin am Klinikum Klagenfurt, in einer Aussendung zitiert.

Mischung aus THC und CBD

Beschrieben worden sind für Cannabidiol unter anderem krampflösende, angsthemmende und Übelkeit sowie Entzündungen dämpfende Effekte. Mittlerweile ist der Wirkstoff als hoch gereinigte Substanz aus Industrie-Hanf verfügbar. Auch ein Produkt mit einer Mischung aus THC und CBD gibt es. Likar hat CBD als Zusatzmedikation bei mehreren Patienten verwendet, bei denen schwere Schmerzsymptome infolge von Krebserkrankungen, Fibromyalgie oder auch aus anderen Ursachen auch unter Verwendung von Opioiden und anderen Medikamenten nicht ausreichend unter Kontrolle gebracht werden konnten.

Opiod-Dosis konnte reduziert werden

Jedenfalls stellten sich laut den Beobachtungen des Schmerzspezialisten bei mehreren Patienten durch die zusätzliche Gabe von CBD gute Behandlungsergebnisse ein. So konnte bei den meisten Behandelten die Opioid-Dosis bzw. der Gebrauch noch weiterer Analgetika zumindest deutlich reduziert werden. "Insgesamt war CBD sehr gut verträglich. Weniger gut verträgliche Analgetika konnten abgesetzt oder reduziert werden. Man kann es auch gut mit dem stark wirksamen Opioiden kombinieren, ohne deren Nebenwirkungen zu verstärken", betonte der Experte. Nebenwirkungen, die durch den zeitlichen Zusammenhang mit der Verwendung von Cannabidiol mit diesem in Verbindung zu bringen gewesen wären, seien nicht aufgetreten. Allerdings muss CBD mindestens in einer 20-fach höheren Dosis als THC verabreicht werden. Die übliche Dosis liegt bei zwei Mal 200 Milligramm pro Tag. Aus Tierexperimenten gibt es auch Hinweise auf die Einsetzbarkeit von Cannabidiol bei entzündlichen Gelenkserkrankungen (Arthritis).

Verwendung von Cannabis umstritten

Ob Cannabis oder Marihuana für medizinische Zwecke erhältlich sein sollen, ist international umstritten. "Cannabinoide haben einen in wissenschaftlichen Studien belegten schmerzlindernden Effekt bei Menschen, die an Krebserkrankungen leiden. Doch wissenschaftlich belegt ist das nur mit pharmazeutisch hergestellten Cannabinoid-Medikamenten", stellte dazu Hans-Georg Kress, Leiter der Abteilung für spezielle Anästhesie und Schmerztherapie (AKH/MedUni Wien), Vorstandsmitglied der Österreichischen Schmerzgesellschaft und Past President der Europäischen Schmerzförderation (EFIC), fest.

Kress: "Einfache Freigabe macht keinen Sinn"

"Es macht deshalb keinen Sinn, Cannabis oder Marihuana für medizinische Zwecke einfach freizugeben. Hier fehlt der Nachweis der Überlegenheit gegenüber den in Studien getesteten Cannabinoiden. Und wir sollten in unserem Gesundheitswesen, das ja sonst auch auf die Kosten schaut, nur Medikamente verwenden und zahlen, für die eine Wirksamkeit gegeben ist", erklärte Kress in einer Aussendung.

Anwendung bei Krebspatienten

Ein Anwendungsgebiet für Cannabinoide wie Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) ist die Behandlung von Krebspatienten, die trotz starker Opioide noch an Schmerzuständen leiden. Das Problem ist groß: Jährlich erkranken weltweit rund 14 Millionen Menschen an Krebs, 32,6 Millionen Patienten leben mit dieser Diagnose. Zwei von drei Betroffenen klagen auch über Schmerzen, ein Drittel von ihnen leidet unter moderaten bis schweren Symptomen.

Cannabis auf Rezept in Deutschland

Cannabis auf Rezept: Schwerkranke Menschen können in Deutschland künftig auf Kassenkosten Cannabis als Medizin erhalten, wenn ihnen nicht anders geholfen werden kann. Der Bundestag verabschiedete am Donnerstag einstimmig eine entsprechende Gesetzesnovelle. Der Eigenanbau von Cannabis bleibt in Deutschland aber verboten.

Mit der Neuregelung, die im März in Kraft tritt, wird es schwer erkrankten Patienten unter bestimmten Voraussetzungen ermöglicht, getrocknete Cannabisblüten und Cannabisextrakte auf ärztliche Verschreibung in Apotheken zu erhalten. In Ausnahmefällen sollen Patienten auch Anspruch auf im Ausland zugelassene Fertigarzneimittel mit den Wirkstoffen Dronabinol und Nabilon erhalten.

Staatlicher Anbau geplant

In Österreich sind Cannabis und/oder Marihuana nicht für die medizinische Behandlung freigegeben. Es gibt ausschließlich zugelassene Medikamente mit den Inhaltsstoffen Tetrahydrocannabinol (THC) und/oder Cannabidiol (CBD).

Geplant ist ein staatlich kontrollierter Anbau in Deutschland durch eine Cannabisagentur. Bis dieses gewährleistet ist, soll die Versorgung mit Medizinalhanf durch Importe gewährleistet werden. Selbst anbauen dürfen Patienten Cannabis weiterhin nicht. Der Gesetzgeber begründet dies mit der "Gefahr von mangelnden Qualitäts-und Sicherheitskontrollmöglichkeiten".

Eine Begleitstudie soll weitere Erkenntnisse über die Wirkung von Cannabis gewinnen. Dazu übermitteln die Ärzte künftig Daten etwa zu Diagnose, Therapie, Dosis und Nebenwirkungen anonymisiert an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM).

(APA)

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 26.05.2019 um 09:58 auf https://www.salzburg24.at/news/welt/cannabis-inhaltsstoff-reduziert-schmerzen-ohne-effekt-auf-gehirn-54963352

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