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Cellist Kian Soltani: "Für mich ist Musik die Religion"

Kian Soltani ist einer der absoluten Shootingstars der jungen Klassikszene. Der österreichische Cellist mit persischen Wurzeln hat mit seinen 26 Jahren mittlerweile schon den Olymp seiner Zunft erklommen. So spielte er jüngst mit den Wiener Philharmonikern beim Luzern Festival, tritt regelmäßig als Solist im West-Eastern Divan Orchestra respektive im Trio mit Daniel Barenboim auf.

Mit der APA sprach der 26-Jährige zwischen seinem Konzertmarathon, der ihn von Mailand nach Berlin und am 15. Jänner ins Wiener Konzerthaus führen wird, über Musik als Religion, seine Vergangenheit als Klassenclown und über die Frage, ob er mit Kirill Petrenko Vorarlbergerisch spricht.

APA: Sie kommen wie der neue Berliner-Chefdirigent Kirill Petrenko aus Vorarlberg. Sprechen Sie Vorarlbergerisch gemeinsam, wenn Sie sich treffen?

Kian Soltani: Ich habe ihn bisher tatsächlich nur einmal getroffen - und da habe ich ihn aus großem Respekt auf Hochdeutsch angesprochen. Ich hoffe aber, dass er es kann. (lacht) Ich bin ja in Vorarlberg geboren worden - deshalb ist der Dialekt für mich ganz natürlich.

APA: Auch Ihr heuer erschienenes Debütalbum ist mit dem Titel "Home" und einem Cover mit Ihnen vor dem Bodensee heimatverbunden...

Soltani: Der Titel kam zum Schluss als Zusammenfassung. Wichtig war mir, dass wir es im Markus-Sittikus-Saal in Hohenems aufnehmen, in dem ich praktisch meine Kindheit verbracht habe. Und mit Aaron Pilsan am Klavier, den ich auch schon seit meiner Kindheit kenne. Das Repertoire vereint dann Österreichisches und Persisches, denn auch das Persische ist für mich mit dieser Region verbunden, weil ich all meine persischen Erfahrungen in Vorarlberg gemacht habe.

APA: Würden Sie Ihre Debütaufnahme als "Ihr Baby" bezeichnen, oder wie sehr hat Ihnen die Deutsche Grammophon Vorgaben gemacht?

Soltani: Anfangs habe ich einfach Ideen rausgeschmissen - was die Plattenfirma nicht überzeugt hat. Und das war gut. Wir waren ungefähr vier Jahre im Gespräch, bis alles gepasst hat. Für mich ist es nun die perfekte Balance zwischen Story und musikalischer Qualität. Das ist Repertoire, das ich jahrelang gespielt habe.

APA: Da haben Sie ja schon lange Cello gespielt, haben Sie doch mit vier Jahren begonnen. Ihre beiden Eltern sind Profimusiker gewesen - haben Sie eine Erklärung, weshalb so viele Berufsinstrumentalisten aus Musikerhaushalten stammen?

Soltani: Ich bin kein Biologe oder Psychologe. Aber ich glaube, man wird von den ersten zwei Jahren im Leben extrem beeinflusst. Und wenn man wie ich in einem Haushalt aufwächst, in dem jeden Tag musiziert wird, wird das einfach Teil deiner selbst. Das ist wie bei jemandem, der in einem religiösen Haushalt aufwächst und da sehr geprägt ist. Für mich ist Musik die Religion. Ich bin fanatisch davon überzeugt - auch wenn ich niemandem etwas aufdrängen möchte. (lacht) Meine Realität würde aber zusammenbrechen, wenn ich von der Musik lassen müsste.

APA: Sie haben Ihre Karriere entsprechend früh begonnen. Haben Sie den Eindruck, Sie haben dadurch ein wenig Ihre Kindheit verpasst?

Soltani: Ich war das normalste Kind! Ich bin immer normal zur Schule gegangen, auch wenn mein Cello-Lehrer immer versucht hat, mich davon abzubringen. Mir war aber so wichtig, dass ich meine Freunde jeden Tag treffe. Ich habe in der Schule nicht so wahnsinnig viel gelernt, aber sozial und menschlich enorm. Da wurde mir beigebracht, was es heißt, in einer Gesellschaft Mensch zu sein. Ich treffe immer wieder Leute, die nur Homeschooling kennen - und da merkt man schnell, das sie nicht genau wissen, wie man sich in einer Gruppe verhalten sollte. Es ist wichtig, als Kind in eine Gruppe geschmissen zu werden. Nur so lernt man mit Versuch und Irrtum. Wenn ich mich damals zurückgezogen hätte, wäre ich vielleicht ein besserer Cellist - aber zu welchem Preis? Da bin ich lieber ein besserer Mensch!

APA: Nun haben Sie mit nur 26 Jahren praktisch schon die Spitze Ihrer Profession erreicht. Macht das auch Angst?

Soltani: Ich bin jetzt schon dort, wovon ich nie zu träumen gewagt hätte. Ich hatte nie das Ziel, Topsolist zu werden. Ich hatte nur Spaß an der Musik. Der letzte Wettbewerb, den ich 2013 gewonnen habe, hat dann etwas verändert. Da war mir klar: Es ist wirklich möglich, diesen Weg zu gehen. Ich lebe meinen Traum.

APA: Als Solist steht man ja zwangsläufig immer im Mittelpunkt. Sehen Sie sich selbst als Rampensau?

Soltani: Ich war immer schon der Klassenclown. Ich war der meistgehasste Schüler für die Lehrer. Ich war immer der Lauteste, der die dümmsten Witze gemacht hat. Das ging bis ans Limit - da gab es eine Situation, in der ich fast von der Schule geschmissen worden wäre. Mittlerweile habe ich mich da etwas beruhigt und brauche nicht ständig die Aufmerksamkeit oder muss im Mittelpunkt stehen. Mit dem Cello aber sehr gerne. (lacht)

APA: Wie ist es zur engen Beziehung mit Daniel Barenboim gekommen?

Soltani: Ich habe ein ganz normales Vorspielen für das West-Eastern-Divan-Orchester gemacht. Er hat mich dann als Solocellist geholt. Eigentlich hätte ich für Elgars Cellokonzert üben müssen, aber er hat mich dann überzeugt, auf Tournee mitzugehen und im Gegenzug angeboten, nach den Proben mit mir an dem Stück zu arbeiten. Daraus hat sich dann die Zusammenarbeit entwickelt.

APA: Mittlerweile spielen Sie auch oft im Trio mit Vater Daniel und Sohne Michael Barenboim. Es heißt ja immer: Fahre nie mit einem Paar auf Urlaub, da bist du immer das fünfte Rad am Wagen. Bei Ihnen drei ist das anders?

Soltani: Die sind ganz entspannt. Dann kommt ja auch noch die Mutter meist dazu. Die haben mich schon beinahe adoptiert. Das ist ganz unkomplizierte Familienzeit. (lacht)

APA: Sind Sie zum West-Eastern-Divan - das ja bewusst zu gleichen Teilen aus israelischen und arabischen Musikern besteht - auch aus politischem Impetus gegangen?

Soltani: Ganz ehrlich, mein erster Impuls war: Barenboim sucht jemanden. Ich wusste wenig über das Orchester. Ich hätte mir nicht träumen lassen, wie viel mehr als Musik das ist. Ich schäme mich schon fast, dass ich nur wegen der Musik hingegangen bin. Klar ist aber: Es geht dabei nicht um Politik, sondern um Humanität. Wir sind alle gleichberechtigt, machen aber keine politischen Statements.

APA: Sind Sie ein politisch denkender Mensch?

Soltani: Privat sehr. Aber ich möchte mich noch nicht öffentlich positionieren. Wenn man das macht, muss man sehr gebildet sein und alle Seiten berücksichtigen können. Natürlich bin ich gegen Diskriminierung und für Offenheit - wie so ziemlich alle Musiker. Aber ich würde nicht in der österreichischen oder persischen Politik mitmischen.

APA: Wie eng ist Ihre Bindung an den Iran noch?

Soltani: Ich war nur als Kind im Iran. Die persische Kultur war aber immer schon Teil meiner Kindheit. Wir haben uns da nie abgeschottet in Vorarlberg, sondern einfach in der persischen Clique viele Österreicher dabei gehabt. Was ist an mir genau persisch, was österreichisch? Das ist für mich nicht zu trennen. Ich habe das immer als Bereicherung empfunden.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

(APA)

Aufgerufen am 13.12.2018 um 08:23 auf https://www.salzburg24.at/news/welt/cellist-kian-soltani-fuer-mich-ist-musik-die-religion-60406873

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