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"Der Revisor" im Burgtheater - Es darf gelacht werden

Fabian Krüger als "Durchreisender" Salzburg24
Fabian Krüger als "Durchreisender"

"Ein Revisor kommt zu uns!" Das war im Burgtheater noch vor gar nicht so lange wohl tatsächlich jene "äußerst unangenehme Nachricht", als die sie nun auf der Bühne verkündet wird. Schließlich sind die Vorgänge, die am 11. März 2014 in der Entlassung von Direktor Matthias Hartmann gipfelten, gerade eineinhalb Jahre her. Zum Saisonauftakt der Burg darf nun herzlich über den "Revisor" gelacht werden.

Alvis Hermanis' Burgtheater-Inszenierung der 1836 uraufgeführten berühmten Gogol-Komödie ähnelt nämlich viel mehr seiner eigenen Interpretation aus Riga, die 2002 in Lettland und 2003 auch in Salzburg ausgezeichnet wurde, als der unmittelbaren Vergangenheit am Haus. Der "Young Directors Award" der Salzburger Festspiele, der Hermanis für seine vergnügliche Satire auf postsowjetische Zustände am Baltikum zuerkannt wurde, eröffnete dem lettischen Regisseur eine steile West-Karriere, die ihn bereits auch einige Male an Burgtheater geführt hat. "Eine Familie", "Platonov" und "Das weite Land" waren starke konzeptuelle Setzungen, kombiniert mit erstklassigen Schauspielerleistungen. Das gleiche kann nun auch für "Der Revisor" gelten.

Alvis Hermanis, der auch für die Bühne verantwortlich zeichnet, hat sein einstiges Setting erweitert. Noch immer sind wir in einer reichlich verwahrlosten, wohl im Osten Europas angesiedelten Kleinstadt, in der sich die meisten Vertreter der Nomenklatura eine beachtliche Leibesfülle angefuttert haben. Grotesk wattiert, gleichen sie Michelin-Männchen, die vom Werbeplakat in den Provinz-Alltag gefallen sind und es sich dort recht bequem eingerichtet haben. Sogar die lebenden Hühner, die hier herumspazieren, sehen fetter aus als sonst wo. Nur einer ist ein dürres Bürschchen: Chlestakow (Fabian Krüger), der durchreisende kleine Beamte aus der großen Stadt. Er hat nicht nur wenig auf den Rippen (was er mitleidheischend ständig herzeigt), sondern es auch faustdick hinter den Ohren.

Hermanis hat für die Umarbeitung und Erweiterung seines Konzepts aus dem Vollen geschöpft. Vier Schauplätze zwischen Kantine und Klo feiern ein optisches Fest der Verwahrlosung und der Grindigkeit, die versiffte Toiletteanlage, in der der vermeintliche Revisor schließlich seine Sprechstunde abhält und auf dem Platz der Klofrau Bestechungsgelder einsammelt (ein unter Tränen übergebenes Sparschwein gibt er großherzig zurück), ist derartig realistisch gelungen, dass man sich die Nase zuhalten möchte. Und er hat eine Darstellerriege, die alle Kunststückchen nach großer Kunst ausschauen lassen können - vom großen Küchenutensilien-Konzert bis zum beflissenen Bücklings-Ballett.

Im Zentrum des tollen Treibens stehen Fabian Krüger als kleiner Betrüger und Maria Happel als Bürgermeisters-Gattin. Sie ist eine Provinz-Pflanze, die gerne Orchidee statt Distel wäre. In den Träumen der beiden, die sich in herrlich zelebrierten Ausbrüchen manifestieren, treibt Hermanis das Stück dorthin, wo er es haben will: keine Abrechnung mit Schlendrian und Korruption, die ein ganzes System unterhöhlt haben, sondern eine Parabel über "eine Art existenzielle Traurigkeit des menschlichen Daseins", über das groteske Missverhältnis zwischen dem, was man gerne wäre, und dem, was Faktenlage ist. Mit Riesen-Ratten und dem finalen Auftritt eines Riesen-Huhns illustriert er seine Ansicht, dass Gogol Kafka viel näher stünde als Brecht.

Rundherum zeigt das Ensemble, dass es sein Handwerk versteht, von Michael Maertens als vertrottelten, schleimigen Bürgermeister bis zu Oliver Stokowski als Chlestakows Begleiter, ein gutmütiger Hippie-Epigone, dessen Gepäck aus nichts als Bierflaschen und Gitarre besteht. Zwei ragen aus dem gekonnten Ensemble-Spiel heraus: Dörte Lyssewski braucht als Bürgermeisters-Tochter nicht viel mehr als große Augen, einen weit geöffneten Mund und ein anklagend seufzendes, lang gezogenes "Aber Maaami!", um ein Lebensdrama auf den Punkt zu bringen. Und Dirk Nocker hat sich für seinen Dobtschinskij eine überaus fein ziselierte Darstellung zwischen Kleinbürger und Dorftrottel erarbeitet, die zu Herzen geht.

Es scheint, Hermanis habe sich an dem, was ihm vom Ensemble des soeben zum "Theater des Jahres" geadelten Hauses angeboten wurde, nicht sattsehen können. Viereinhalb Stunden (inklusive zweier Pausen) dauert der Abend, der auch manche Durchhänger hat. Das hätte es nicht gebraucht. Am Ende dennoch viel Jubel und Beifall. Ein seit 1. September geltendes neues Gesetz regelt die Kompetenzen zwischen Theater, Holding und Ministerium neu und stellt den Bundestheatern ab 2016 14 Mio. Euro mehr zur Verfügung. Am Burgtheater hat niemand mehr Angst vor dem Revisor.

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 14.04.2021 um 10:32 auf https://www.salzburg24.at/news/welt/der-revisor-im-burgtheater-es-darf-gelacht-werden-48312118

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