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Erfolg für "Der Ignorant und der Wahnsinnige" in Salzburg

Bernhard-Text erfolgeich umgesetzt Salzburg24
Bernhard-Text erfolgeich umgesetzt

Salzburg hat sich mit Thomas Bernhards wütendem Stück über Gesangskunst, Leichen und egozentrische Einsamkeit versöhnt. Gestern, Sonntag, Abend ging die Premiere von "Der Ignorant und der Wahnsinnige" über die Bühne im Landestheater, und keine Rede mehr von Skandal: Das Publikum mochte das Stück und vor allem Hauptdarsteller Sven-Eric Bechtolf.

1972 wurde das Werk nach einer einzigen Vorstellung abgesetzt. Bernhard hat es zurück gezogen, weil die grellgrünen Notausgangsleuchten auch für wenige Sekunden partout nicht abgedreht werden durften. 44 Jahre später ist der "Salzburger Notlichtskandal" nur noch eine Anekdote, und der Weg zum Festspielpublikum war frei für Bernhards genial-destruktiven Text.

"Der Ignorant und der Wahnsinnige". Da gibt es einen Doktor, der nonstop über Kunstkritiker, Gesangslehrer und den Betrieb der klassischen Opernkunst wettert. Die "Königin der Nacht" ist eine Diva, begnadet, arrogant, grob und zugleich zerbrechlich. Und ihr Vater, der blinde Alkoholiker, ist immer da, existiert aber eigentlich gar nicht mehr. Und alle sind einander fremd, sie zicken und schimpfen - kaputt und erschöpft. Vor allem der Doktor, der sich nur wohlfühlt, wenn er detailgenau schwadronieren kann, wie man Leichen aufschneidet, Organe entnimmt, fachgerecht seziert, kastriert, zustückelt und zerlegt. Wütend, bis an die Schmerzgrenze egozentrisch, abstoßend selbstgefällig, gebildet und unsympathisch ist dieser Doktor. Und unendlich einsam. Aber diese Sprache ist Musik, die Sätze sind großartige Konstruktion, die Szenen gnadenlos realistisch - Thomas Bernhard eben.

Dass es ausgerechnet der Intendant der Salzburger Festspiele war, der in der Neuinszenierung von Gerd Heinz die zentrale Rolle des "Doktors" übernahm, ist ein doppelter Glücksgriff. Zum einen hat die Versöhnung mit dem bissigen Stück des "Alpen-Beckett" (Zitat: Martin Walser) damit mehr Gewicht. Zum anderen ist Bechtolf nach wie vor ein großartiger Bühnenschauspieler. Mag sein, dass er durch seine Regiearbeiten und Verpflichtungen als Intendant wenig Zeit hatte, seine Sprache zu pflegen, Sprechübungen zu praktizieren und konkrete Bühnenluft zu atmen. Nervosität und ungenaue Artikulation am Anfang legen diese Vermutung nahe. Aber mit jeder Zeile Bernhard'scher Wutkaskade kam Bechtolf besser ins Spiel, wurde eins mit Körper und Geste und transportierte diese außergewöhnliche Sprach-Musik punktgenau ins Publikum. Großes Theater.

Annett Renneberg (dem TV-Publikum als Signorina Elettra aus Donna Leons Brunetti-Verfilmungen bekannt) konnte da nicht mithalten. Eher hysterisch und aufgekratzt als divanös und böse-arrogant, gab Renneberg die launische Opernsängerin zwischen Gemeinheit gegenüber ihrer Garderobiere und dem Absagen von Auftritten einfach nur so. Christian Grashof als "Vater", Barbara de Koy als "Frau Vargo" und Michael Rotschopf als "Kellner Winter" sind von Bernhard mit wenig Text ausgestattet worden, haben ihre Sache aber gut gemacht.

Das gilt auch für Regisseur Gerd Heinz, der eine unspektakuläre, aber saubere Arbeit vorgelegt hat. Vor allem muss er Bechtolf gut geführt und unterstützt haben (er ist ja auch von ihm engagiert worden). Sinnreich und stückdienlich wirkte auch die Bühne von Martin Zehetgruber, der die Garderobe der Sängerin im ersten und das halbfiktive Salzburger Nobelgasthaus "Drei Husaren" für den zweiten Akt ausstaffiert hat. Jan Meier - im Zivilberuf Kostümchef der Salzburger Festspiele - hat die Helden eingekleidet, und Friedrich Rom hat das Landestheater in Licht (und am Schluss in Gegenlicht) getaucht, so dass kein Mensch mehr an grüne Notausgangleuchten gedacht hat. Breite Zustimmung für alle.

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 22.10.2019 um 07:40 auf https://www.salzburg24.at/news/welt/erfolg-fuer-der-ignorant-und-der-wahnsinnige-in-salzburg-53512459

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