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"Faust"-Revue mit Knochenmann bei den Salzburger Festspielen

Ildar Abdrazakov als "Mephisto" und Piotr Beczala als "Faust" Salzburg24
Ildar Abdrazakov als "Mephisto" und Piotr Beczala als "Faust"

Am Ende der Premiere am Mittwochabend im Großen Festspielhaus erntete Regisseur Reinhard von der Thannen auch Buhrufe, vor allem aber Jubel für seinen "Faust" von Charles Gounod, der letzten Opern-Neuproduktion der Salzburger Festspiele 2016. Die vier Stunden davor mühten sich Musiker und begeisterten Sänger. Das Publikum erlebte große Ausstattungsoper im Stil einer futuristisch-surrealen Revue.

Reinhard von der Thannen ist gelernter Ausstatter, der jahrzehntelang mit Hans Neuenfels gearbeitet hat. Als Regisseur, Bühnenbildner und Kostümdesigner des "Faust" setzt er ebenfalls auf Ausstattung mit großer Geste und breiter Choreografie. Psychologische Deutung und kulturelle Spurensuche in diesem lyrischen Drama interessiert von der Thannen nicht. Ein bisschen etwas davon wäre in dieser französischen, zugleich leichten und dramatischen Oper, deren Librettisten Jules Barbier und Michel Carre sich nur vage an Goethe hielten, aber durchaus enthalten. Stattdessen hat von der Thannen der Geschichte rund um den korrupten Faust und die verführte Kindsmörderin Margarete die Luft abgedrückt. Und so hätte die Musik die Kastanien aus dem Feuer holen müssen. Tat sie aber nicht. Alejo Perez dirigierte die Wiener Philharmoniker und den Philharmonia Chor Wien zwar mit klarer Geste. Aber weder im Graben noch auf der Bühne wurde präzise und - noch schlimmer - mitreißend musiziert und im Chor gesungen.

Reinhard von der Thannens Inszenierung lebt vom Breitwandeffekt in Schwarz-Weiß-Bildern. Im Bühnenhintergrund thront ein Riesenlogo, das an das 70er-Jahre-Fernsehen mit "Raumschiff Orion" erinnert. Massen von Chorsängern und Tänzern in Zirkuskostümen bevölkern die 30 Meter breite Bühne, marschieren mit Gewehren, heben die Beine oder fuchteln mit den Händen (leider oft ziemlich asynchron), während die Hauptfiguren meist unscheinbar bleiben (nur der Teufel macht da eine Ausnahme). Mit seinem Gretchen-Drama in Märchenästhetik und dem Faustus als farblosem Gigolo hat sich von der Thannen dann doch immer wieder selbst ausgebremst. Passagenweise aber funktionieren seine optischen Ideen auch großartig. Die riesigen schwarzen Kugeln etwa verdichten die Atmosphäre zum Traumhaften. Nur die biedere Dorfidylle auf Leiterwagen im Minimundus-Format und ein grässlich platter, überdimensionaler Knochenmann sind allzu dick aufgetragen. Diese Requisiten machen schmunzeln in einem Drama, das allen Bildern der Sinnlichkeit zum Trotz nicht wirklich vom Fleck kommt.

Also müssen die Solisten die Oper retten. Und das gelang vor allem Ildar Abdrazakov als "Mephisto" und Piotr Beczala als "Faust". Der Russe begeisterte mit klarem Bass und spritzig-gutem Schauspiel, der Pole naturgemäß mit brillanter Höhe und jener Sorte von tenoresken Spitzentönen, die die Schwächen jedes Opernabends vergessen machen können. "Margarete" Maria Agresta fand erst langsam in ihren Klang, am Ende aber - am Siedepunkt des lyrischen Dramas - bescherte die Italienerin dem Publikum großartige Töne. Alexey Markov überzeugte das Publikum mit seinem "Valentin" und Tara Erraught, Paolo Rumetz und Marie-Ange Todorovitch punkteten in den kleineren Rollen.

(Quelle: S24)

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