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Filmfestspiele Cannes: "Toni Erdmann" ist früher Favorit

Simonischek wurde für seine Darstellung gelobt Salzburg24
Simonischek wurde für seine Darstellung gelobt

Die 69. Internationalen Filmfestspiele Cannes haben am ersten Wochenende bereits einen frühen Favoriten - und der heißt "Toni Erdmann". Die deutsch-österreichische Tragikomödie von Maren Aden feierte zu euphorischen Publikumsreaktionen und kolossalen Kritiken Premiere und erzielte mit 3,8 von 4 möglichen Sternen bei der Kritikerwertung des Magazins "Screen" den höchsten Wert aller Zeiten.

"Mein absoluter Lieblingsfilm" hört man vor Ort unentwegt von internationalen Journalisten, und: "Auch euer Österreicher wird einen Preis gewinnen!" Peter Simonischek brilliert in dem klugen, witzigen und berührenden Film als Winfried, der seine entfremdete Tochter Ines (Sandra Hüller) mit einer Scherz-Offensive samt falschem Gebiss und wilder Perücke zurückgewinnen will. Das US-Magazin "Variety" würdigt in seiner hymnischen Kritik den Mut des 69-Jährigen, "bei den clownesken Aspekten von Winfrieds Persönlichkeit dick aufzutragen", und zeitgleich präzise die Traurigkeit hinter den Gags freizulegen. Und der britische "Guardian" bringt bereits mögliche Namen für ein englischsprachiges Remake ins Spiel: Bill Murray, Jack Nicholson oder Ben Kingsley etwa.

Sollte Simonischek am 22. Mai tatsächlich prämiert werden, kann er sich den Preis nicht persönlich abholen: Er steht nämlich zeitgleich in der Premiere von "Der Diener zweier Herren" am Wiener Burgtheater auf der Bühne. Der Hauptpreis für die erst 39-jährige Ade, die 2009 bei der Berlinale für ihr Beziehungsdrama "Alle Anderen" mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, wäre allenfalls eine Sensation: Über 30 Jahre liegt die letzte Goldene Palme für Deutschland zurück - damals konnte Wim Wenders mit "Paris, Texas!" jubeln. Die erste und letzte Palme für eine Regisseurin gab es 1993, als Jane Campion für "Das Piano" prämiert wurde.

Generell sind es die in Cannes traditionell unterrepräsentierten Regisseurinnen, die im bisher durchschnittlichen Wettbewerb für Aufsehen gesorgt haben: Am heutigen Sonntag hat "American Honey" der britischen Indie-Regisseurin Andrea Arnold ("Fish Tank") Premiere. Der Film - wie "Toni Erdmann" knapp über 160 Minuten lang - ist ein pulsierendes, in goldene Bilder getauchtes Roadmovie über eine junge Liebe und die außergewöhnliche Zeit des Übertritts von der Jugend zum Erwachsensein. In jeder einzelnen Szene überzeugt die Entdeckung Sasha Lane als 18-jährige Star, die sich einer Gruppe Jugendlicher aus prekären Verhältnissen anschließt, die durch den amerikanischen mittleren Westen fährt und Magazine verkauft. Die 19-jährige Texanerin baut dabei immense Chemie zu ihrem Co-Star, Hollywood-Rebell Shia LaBeouf ("Transformers"), auf.

Womit wir bei der großen Hollywood-Präsenz wären, die den Wettbewerb an den ersten Tagen in punkto Aufmerksamkeit stellenweise verdrängt hat: So war etwa die Pressekonferenz zu "Toni Erdmann" spärlich besucht, weil Regiemeister Steven Spielberg zeitgleich seinen Fantasystreifen "The BFG" mit Oscarpreisträger Mark Rylance außer Konkurrenz zeigte. Den größten Rummel gab's zuvor um Hollywoodstars George Clooney und Julia Roberts, die für Jodie Fosters Finanzthriller "Money Monster" über den roten Teppich liefen. Heute, Sonntag, folgen Ryan Gosling und Russell Crowe mit ihrer Action-Krimi-Komödie "The Nice Guys"; die nächste Woche beginnt mit Robert De Niro im Boxer-Biopic "Hands of Stone" und endet mit Punklegende Iggy Pop, der zur Mitternachtsvorstellung von Jim Jarmusch' Doku "Gimme Danger" anreist.

Jarmusch hat dann mit der Liebesgeschichte "Paterson" auch einen Film im Wettbewerb. 21 Filme konkurrieren heuer um die Goldene Palme, darunter in den in den nächsten Tagen das Rassendrama "Loving" von Jeff Nichols und Olivier Assayas' mysteriöses Drama "Personal Shopper" mit Kristen Stewart und der Österreicherin Nora von Waldstätten. Mit Spannung erwartet wird auch der stylishe Horrorfilm "The Neon Demon" von "Drive"-Regisseur Nicolas Winding Refn und Sean Penns neue Regiearbeit "The Last Face" mit Charlize Theron als Entwicklungshelferin in Libyen.

Auch wenn das Rennen um die Goldene Palme für die französische Tageszeitung "Le Monde" nach "Toni Erdmann" bereits entschieden ist: Eindruck bei den Kritikern hinterließen bisher auch das Familiendrama "Sieranevada" des Rumänen Cristi Puiu und der gesellschaftskritische britische Beitrag "I, Daniel Blake" des 80-jährigen Ken Loach, der bei der Premiere Standing Ovations erhielt.

Bruno Dumont spaltete indes mit seiner überdrehten Groteske "Ma Loute" die Kritiker. Er sei eben ein radikaler Filmemacher, der keine konsensträchtigen Komödien drehe, sagte der 58-Jährige in einem Interview mit internationalen Journalisten. Ganz hinter den Erwartungen zurück blieben indes der irritierende, explizite Wettbewerbsfilm "Rester vertical" des Franzosen Alain Guiraudie sowie Stephanie di Giustos Biopic "La danseuse" in der Sektion "Un certain regard". Letztere Produktion hatte wegen seiner Hauptdarstellerin viel Aufmerksamkeit generiert: Lily-Rose Depp, 16-jährige Tochter von Johnny Depp und Vanessa Paradis, spielt darin die legendäre Tänzerin Isadora Duncan. Paradis musste für das Cannes-Debüt ihrer Tochter nicht extra anreisen: Sie weilt als eine von neun Jurymitgliedern unter Vorsitz von "Mad Max"-Regisseur George Miller ohnehin an der Côte d'Azur.

(Quelle: S24)

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