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Furzen zur Teufelvertreibung

Wie sich die guten Manieren verändern

Kuriose Benimmregeln aus dem Mittelalter

Martin Luther, denkmal, Wittenberg APA/dpa-Zentralbild/Hendrik Schmidt
Für Martin Luther soll ein Furz zur Teufelsvertreibung gedient haben. (Im Bild: Sein Denkmal im deutschen Wittenberg)

Etikette und Benimmregeln verändern sich mit dem Wandel der Gesellschaft. Was im Mittelalter als „Gutes Benehmen“ angesehen wurde, ist heute meist völlig verpönt. Wir geben euch einen Überblick über die kuriosesten gesellschaftlichen Normen

Der heutige Wiener Opernball gilt als Hochburg von Etikette und Benimmregeln. Was "Gutes Benehmen" heute bedeutet, erfahrt ihr HIER.

Die Kunst des höflichen Rülpsens

Völlig anders sah das beispielsweise noch Martin Luther (1483 – 1546) im 16. Jahrhundert. Für ihn war ein herzhafter Furz in keiner Weise peinlich, sondern galt als patentes Mittel, um den Teufel zu vertreiben: "Ich jage ihn oft mit einem Furz hinweg." Erasmus von Rotterdam (1466 – 1536) immerhin gab zur gleichen Zeit in seinem Benimmbuch die Empfehlung, die Pobacken zusammenzukneifen, "um die Gase in seinem Unterleib zu halten."

Und sollte das Malheur doch einmal geschehen, gelte das alte Sprichwort: "Einen Furz verdeckt man hinter einem Huster." Ein ähnlich kaschierendes Vorgehen empfahl Lucas Gracian Dantisco (1543 – 1587). Für den spanischen Schriftsteller bestand die Kunst des höflichen Rülpsens darin, die Hand wie zufällig über das Gesicht gleiten zu lassen und dabei gleichzeitig den Mund zu bedecken, "damit man nichts merkt."

Adel hebt sich mit Benehmen ab

Die Art und Weise, wie sich Menschen vor 500 Jahren ganz selbstverständlich in ihrem Alltag verhielten, wirkt auf uns heute oft ungezogen, rüpelhaft, manchmal barbarisch. Andererseits hätten unsere Vorfahren auch ihre liebe Not damit, unsere Regeln des guten Tons zu verstehen. Tiefen Einblick in die Kulturgeschichte geben unter anderem "Gutes von Gestern" von Elizabeth P. Archibald und "Bitte nach Ihnen, Madame" von Ari Turunen. Die Kulturgeschichte der Manieren zeugt vor allem von dem mühevollen Versuch, die aggressive, rohe Natur des Menschen zu zähmen, Selbstbeherrschung und Kontrolle über Triebe und Begierden zu erlangen und durch respektvolle Umgangsformen Schaden zu vermeiden, etwa indem man sich nicht gleich beim ersten Streit die Köpfe einschlägt. Die Benimmregeln wurden mit der Zeit von oben nach unten durchgesetzt. Zunächst wollte sich der Adel durch distinguiertes Benehmen abheben und seinen besonderen Status herausstreichen. Das Bürgertum ahmte ihn nach und vieles wurde Standard.

Was das Händeschütteln bedeutet

Die Menschen des Mittelalters waren derb, laut und impulsiv. Konflikte wurden schnell mit Faust oder Waffe geklärt. Da es kein staatliches Gewaltmonopol gab, musste jeder sehen, wie er sich durchsetzte.

Wenn man vor dem Essen sein Messer auf den Tisch legte, war das schon ein Symbol der Abrüstung. Und auch unsere heutigen Grußformeln sind nicht so unschuldig, wie sie scheinen. Denn das Handreichen war zunächst ein Zeichen für Friedfertigkeit: Die Hand, die ich zum Gruß entgegenstrecke, kann nun einmal keine Waffe halten. Das Hutziehen wiederum verweist auf den Ritter, der einst den Helm abnahm und damit seinen Kopf entblößte. Damit demonstrierte er seinem Gegenüber friedliche Absichten.

Eine Ehre Ludwig XIV. beim WC-Gang zuzusehen

Geradezu schockierend wirkt auf uns die Art und Weise, wie unsere Vorfahren mit ihren körperlichen Bedürfnissen umgingen. "Wildpinkeln" war gang und gäbe und der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. (1683 – 1715) fand nichts dabei, seinen Stuhlgang während offizieller Audienzen zu erledigen. Es war sogar eine besondere Ehre, ihm dabei zuzusehen. Entsorgt wurde im Kamin oder – beim einfachen Volk – auf der Gasse.

Auch Grapschen empörte im Mittelalter niemanden. Wenn eine Frau einem Mann gefiel, zeigte er seine Zuneigung, indem er ihr an die Brüste fasste. Bei öffentlichen Veranstaltungen – seien es Hinrichtungen oder Theateraufführungen – wurde laut gejohlt, gelästert, geschimpft, geschrien. Auch Adelige in ihren Logen bekamen da schon einmal die Häme des Volkes auf den billigen Plätzen zu spüren. 

(Quelle: APA/SALZBURG24)

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