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Harnoncourt schenkte "Schöpfung" zum 85er

Harnoncourt hat schon zukünftige Arbeiten im Sinn Salzburg24
Harnoncourt hat schon zukünftige Arbeiten im Sinn

Der Nikolaus lässt sich nicht gerne feiern, er schenkt lieber. Nicht der sagenumwobene Bischof von Myra stand am 6. Dezember am Pult des Wiener Musikvereins, sondern Nikolaus Harnoncourt, der damit seinen 85. Geburtstag beging. Mit dem Concentus Musicus und dem Arnold Schoenberg Chor bescherte er Joseph Haydns Oratorium "Die Schöpfung", das er so jung strahlen ließ, wie er es selbst tat.

Beschenkt hatte sich Harnoncourt zu seinem Geburtstag selbst: mit Arbeit. Dass der rastlose Dirigent und Doyen der "Alten" Musik zum "Nikolausfest" nicht nur die Korken knallen lassen würde, war zu erwarten gewesen. Wenn schon, dann müsse an diesem Tag schon die ganze Menschheit gefeiert werden. Haydns "Schöpfung" bot sich da als hervorragendes Vehikel an, das Harnoncourt in gewohnter Manier aufmotzte - oder besser gesagt: ausarbeitete. Mit Herzblut, ungebändigter Kraft und einem Verständnis des Alten als ewig zu Erneuerndem.

Verlassen kann sich Harnoncourt auf seine Mitstreiter, die seit 1953 seine Ideen bedingungslos umsetzen: Wenn der Concentus Musicus zum einleitenden Chaos anhebt, gerät sogar dieses klar und erkenntnisreich. Harnoncourt dirigiert wie gewohnt mit feiner Geste und umso eindringlicherem Blick. Er verleiht der Klangmalerei in diesem für seine Zeit dreist weltlichem Oratorium oft frechen Witz, was ihm der in der Loge lauschende Kardinal Christoph Schönborn nicht übel nahm. Als perfekter Counterpart zum Concentus werkte ein beseelter wie perfekter Schoenberg Chor.

Auch als perfekter Solisten-Dompteur erwies sich Harnoncourt abermals, wobei die ihm zur Verfügung stehenden Sänger wohl keine strenge Hand gebraucht hätten: Genia Kühmeier verlor sich in klanglichen Engelsgefilden, der deutsch-kanadische Tenor Michael Schade punktete mit Kraft. Die meisten Nuancen allerdings bot Florian Boesch, dessen Bogen von flüstern bis zum angewidertem Knurren beim besingen des "Gewürms" reichte. Als seiner Eva Kühmeier überlegener Adam konnte er sich angesichts librettobedingter überlegener Männlichkeit ein ironisches Lächeln nicht verkneifen.

Ernst blieb das Geburtstagskind, die stehenden Ovationen nahm er dankbar hin. Dass Harnoncourt nicht irgendein Dirigent ist, bewies die Gratulantenschar im Goldenen Saal des Musikvereins: Zur Feier erschienen war neben Schönborn auch Bundespräsident Heinz Fischer. Ein "Hoch soll er leben" samt üppigen Blumenstrauß gab es für Harnoncourt, der die Glückwünsche bescheiden verlegen an sich nahm, von Chor und Orchester. Der Blick des Geburtstagskindes verriet: Die Gedanken dürften bereits wieder der zukünftigen Arbeit gelten.

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 22.04.2021 um 01:15 auf https://www.salzburg24.at/news/welt/harnoncourt-schenkte-schoepfung-zum-85er-46152655

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