Jetzt Live
Startseite Welt
Irak und Syrien

1.300 Zivilisten bei Angriffen getötet

Zivilisten durch Luftangriffe in großer Gefahr
Zivilisten sind durch Luftangriffe in großer Gefahr.

Die internationale Koalition gegen die Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) hat zugegeben, bei ihren Luftangriffen gegen die Extremistengruppe im Irak und Syrien seit 2014 zahlreiche Zivilisten getötet zu haben. Nach Prüfung der vorliegenden Informationen sei davon auszugehen, dass dabei mindestens 1.302 Zivilisten versehentlich getötet worden seien, erklärte das Militärbündnis am Freitag.

Demnach flog die US-geführte Koalition zwischen August 2014 und Ende April diesen Jahres 24.502 Luftangriffe in Syrien und dem Irak. Sie gab an, 111 Berichte zu zivilen Opfern geprüft zu haben. Menschenrechtsaktivisten gehen von deutlich höheren Opferzahlen aus. So spricht die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte allein für Syrien von mehr als 3.800 zivilen Toten, darunter tausend Kinder. Die Koalition versichert, alles zu tun, um zivile Opfer zu vermeiden.

Neuerlich heftige Luftangriffe in Syrien

Das Bündnis westlicher und arabischer Staaten war nach der Ausrufung des "Kalifats" der IS-Miliz im Sommer 2014 gegründet worden. Mit seiner Unterstützung gelang es den irakischen Regierungstruppen bis Ende 2017, alle Gebiete des Landes zurückzuerobern. Im März nahmen die kurdisch dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) auch die letzte IS-Bastion im Osten Syriens ein. Große Teile von Städten wie Raqqa und Mossul wurden bei den Kämpfen zerstört.

Nach neuerlichen heftigen Luftangriffen in der syrischen Stadt Idlib stellt die Hilfsorganisation Care indes einen Teil ihrer Nothilfe in der Rebellenbastion ein. Insgesamt seien im vergangenen Monat 21 Gesundheitszentren bombardiert, 25 Schulen teilweise oder komplett zerstört worden, wie Care am Freitag mitteilte.

Zwei Einrichtungen der Geburtshilfe, in denen bis zu 180 Schwangere pro Tag behandelt wurden, hätten durch die Einschläge schwere Schäden erlitten - sie müssen nun geschlossen bleiben. "Durch wahllose Bombenangriffe auf Zivilisten und Krankenstationen erhalten Tausende von Frauen und Mädchen, darunter Schwangere und Mütter mit Kleinkindern, keine medizinische Hilfe mehr", warnte Andrea Barschdorf-Hager, Geschäftsführerin von Care Österreich. "Das ist dramatisch, denn eine sichere Geburt sollte für jede Mutter ein Grundrecht sein."

Verstöße gegen humanitäres Völkerrecht

Bei den Angriffen auf die Krankenstationen sei erneut humanitäres Völkerrecht gebrochen worden. "Viel zu häufig müssen wir Helfer inzwischen diesen einfachen Satz wiederholen: Selbst Kriege haben Regeln. Das humanitäre Völkerrecht ist bindend für alle Konfliktparteien", so Barschdorf-Hager. Konkret heiße das: Zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser oder Schulen dürfen nicht angegriffen werden.

Besonders erschreckend seien die jüngsten Angriffe, da alle betroffenen Einrichtungen Teil eines Mechanismus der Vereinten Nationen sind, der über die Lage ziviler Ziele informiert, um sie davor zu schützen, bei Kampfhandlungen in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Trotzdem sind in den letzten Wochen vermehrt lebenswichtige Einrichtungen und Wohngebiete in Idlib angegriffen worden.

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind allein im Mai 2019 rund 270.000 Menschen vertrieben worden. Die Türkei fürchtet neue Flüchtlingsbewegungen in Richtung syrisch-türkischer Grenze.

Al-Kaida-Miliz kontrolliert Idlib

Idlib ist das letzte große Rebellengebiet im Bürgerkriegsland. Die Provinz wird von der Al-Kaida-nahen Miliz Hayat Tahrir al-Sham dominiert. Dort leben aber auch rund drei Millionen Zivilisten, darunter viele Flüchtlinge. Russland als Alliierter der syrischen Regierung sowie die Türkei als Verbündeter der Opposition hatten die Region zur "Deeskalationszone" erklärt. Trotzdem begannen Truppen des Machthabers Bashar al-Assad Anfang Mai eine Bodenoffensive.

Syriens letztes großes Rebellengebiet Idlib erlebt nach Angaben von Helfern die schlimmste humanitäre Katastrophe des achtjährigen Bürgerkriegs. "Das Ausmaß der Verbrechen des Regimes könnte nicht größer sein", sagte der Chef der Rettungsorganisation Weißhelme, Raid al-Salih, vor Journalisten in Istanbul.

Seit Beginn einer neuen Militärkampagne in der Region vor mehr als einem Monat kamen Salih zufolge mehr als 600 Zivilisten ums Leben. Sahid al-Masri vom Bündnis syrischer Nichtregierungsorganisationen erklärte, innerhalb eines Monats seien 25 medizinische Einrichtungen bombardiert und zerstört worden. Ärzte und Krankenhäuser seien seit Beginn des Bürgerkriegs im Jahr 2011 die bevorzugten Ziele gewesen.

Al-Salih warf den Regierungstruppen und Russland vor, international geächtet Fassbomben und Streumunition in dem Gebiet einzusetzen. "Idlib leidet täglich unter einem Erdbeben", sagte er. Das "Ausmaß der Verbrechen" übersteige alle Vorstellungen.

Den Organisationen zufolge sind in der Region mehr als 300.000 Menschen vor der Gewalt in Richtung der Grenze zur Türkei geflüchtet. Insgesamt leben dort mehr als drei Millionen Menschen, rund die Hälfte davon Vertriebene. Mehr als 200.000 müssten im Freien ohne Schutz ausharren. Die Organisationen kritisierten die internationale Gemeinschaft, die den Blick abwende und nicht genügend Hilfe leiste.

(Quelle: APA)

Aufgerufen am 18.07.2019 um 07:31 auf https://www.salzburg24.at/news/welt/irak-und-syrien-1-300-zivilisten-bei-angriffen-getoetet-71119966

Kommentare

Mehr zum Thema