Jetzt Live
Startseite Welt
Welt

Irakische Filmemacherin - Christen rückkehrwillig

Die orientalischen Christen sind noch immer in Gefahr AFP
Die orientalischen Christen sind noch immer in Gefahr

Die von Islamisten aus dem Nordirak vertriebenen Christen "haben eine echte Chance", in ihre angestammte Heimat zurückzukehren. Davon ist die in der Schweiz lebende irakische Filmemacherin Aida Schläpfer Al Hassani überzeugt. "Sicherheit ist die Voraussetzung dafür." Auch die kurdische Regionalregierung sei kein Garant dafür, vor allem nach dem missglückten Unabhängigkeitsreferendum.

Prinzipiell seien viele der im Ausland lebenden irakischen Flüchtlinge zu einer Rückkehr bereit, betont die junge, lebhafte Frau im APA-Interview. Denn sie fühlten sich in Europa nicht daheim, dies gelte gleichermaßen für Christen wie für Muslime. Die Mentalität sei eine ganz andere, das Gemeinschaftsgefühl ebenfalls.

Aida Al Hassani kennt die Lage von innen. Aus ihrem persönlichen Werdegang wie aus Recherchen bei Flüchtlingsfamilien. Die Tochter eines irakischen Schiiten und einer sunnitischen Libanesin besuchte im Irak eine katholische Schule. Später lebte sie im Libanon, seit über 20 Jahren in Europa. In ihrer jetzigen Schweizer Heimat ist sie im Film-Business erfolgreich. Furore machte sie 2014 mit ihrem Film "Noun" ("Nazarener - Christenverfolgung im Irak"). Darin lässt sie traumatisierte Flüchtlingsfrauen und -kinder bei Dreharbeiten in Erbil, Bagdad und Basra zu Wort kommen.

Ihr Film hat laut Aida Al Hassani nichts von seiner Aktualität eingebüßt. "Der Islamische Staat IS ist nicht mehr vor Ort, doch die Christen haben keine Sicherheit, sie sind noch immer in Gefahr." Dass die kurdische Regionalregierung im Nordirak den Christen eine sichere Zukunft bieten könne, glaubt sie nicht. "Die Kurden haben im Lauf der Geschichte immer wieder profitiert." Scharf kritisiert sie das Referendum: "Das Unabhängigkeitsreferendum war kein kluger Schritt", diplomatisch nicht durchdacht, eine emotionale Entscheidung. "Sie haben auf allen Ebenen verloren." Aida bedauert: "Schade für die kurdische Bevölkerung." Die Hälfte sei mit diesem Referendum nicht einverstanden gewesen.

Den Barzani-Clan, der die nordirakische Regierung lenkt, sieht Aida Al Hassani äußerst kritisch. "Die Hälfte der Hauptstadt Erbil gehört dem Clan der Barzanis." Kurden-Führer Masud Barzani habe in seiner politischen Karriere nie mit ehrlichen Karten gespielt, zieht die Irakisch-Schweizerin ein negatives Resümee. Mehr hält sie hingegen vom verstorbenen Kurden-Politiker Jalal Talabani: "Er war auch ein Iraker."

Die meisten Muslime könnten den von den Islamisten entfachten Krieg nicht nachvollziehen, betont die Filmemacherin, die sich 2014/15 wiederholt im Irak aufhielt. "Die Mehrheit der Sunniten ist der Ansicht, der IS-Krieg ist ein Wahnsinn. Und viele sagen, der IS sei eine Kreation der Amerikaner." Hinter dem islamistischen Krieg stünden Sekten wie die Salafisten und Strömungen wie die Wahhabiten in Saudi-Arabien. Dass die USA an dem Kriegsgeschehen mitschuldig seien, stehe für viele außer Zweifel. Die westliche Großmacht habe die Al Kaida in Afghanistan gefördert und als Verbündeter der Saudis den Daesh quasi mitfinanziert.

Ob es möglich sei, dass die Schiiten einen solchen Krieg gegen Andersgläubige führen könnten, wie dies die sunnitischen Islamisten in Syrien und im Irak tun? Aida Al Hassani verneint dies. "Die Schiiten hätten nie einen solchen Krieg begonnen. Sie haben, wie die Christen, aus ihrer religiösen Auffassung heraus, eher eine Tendenz zur Versöhnung, nicht zur Rache", so die irakisch-stämmige Schweizerin. Es gehe ihnen darum, "das Recht zu verteidigen". Aida hatte als Kind mit Zustimmung der Eltern in der Schule auch den katholischen Religionsunterricht besucht.

Zur Integration der Nahost-Flüchtlinge, die in den vergangenen Jahren nach Europa gekommen sind, äußert sich Aida Al Hassani skeptisch. Wieder verweist sie auf die andere Mentalität, den anderen Zugang zum Alltag. "Die Iraker, die Syrer und andere Flüchtlinge aus der Region funktionieren als Gruppen." In Europa sei es nicht so. Hier müsse sich der Mensch als Individuum behaupten. Viele Flüchtlinge seien traumatisiert, eine volle Integration Einzelner erweise sich oft als unmöglich. "Wir müssen einen Mittelweg finden", so Aida Al Hassani.

Andererseits müsse sich Toleranz gegenüber den Neuankömmlingen an den hier geltenden Gesetzen orientieren. "Gesetze und Mentalität müssen respektiert werden." Die jungen Männer aus den nahöstlichen Regionen müssten Grundregeln lernen und einhalten - wie jene, dass man Frauen nicht einfach anfassen dürfe, oder jene, dass Aggressionen bestraft werden.

Zum Frauenbild im Islam hatte Al Hassani bei einem Vortrag im Rahmen der Tagung der Intiative Christlicher Orient (ICO) in Salzburg zuvor ausgeführt, der Koran schreibe die Unterdrückung der Frau nicht vor. Sie selbst sei als Kind nicht zum Kopftuch-Tragen gezwungen worden. Unter Hinweis auf engagierte Frauen in der islamischen Welt äußerte sie die Überzeugung, allmählich werde es zu Fortschritten in Sachen Frauenrechte kommen. Im Übrigen wurde sie bei ihren Recherchen im Irak oft für eine Christin gehalten, merkte Aida Al Hassani an.

Bei der ICO-Tagung kam auch die Jesiden-Aktivistin Lamya Aji Bashar per Video zu Wort. Noch immer seien rund 3.400 jesidische Frauen und Kinder verschwunden und vermutlich in IS-Gewalt. Die Weltgemeinschaft müsse etwas tun. Die Trägerin des Sacharow-Preises des Europäischen Parlaments war als 16-Jährige 2014 von Islamisten entführt worden, nach acht Monaten gelang ihr die Flucht. Eine Landmine verletzte sie schwer im Gesicht.

Die Jordanierin Wafa Goussous, Chefin einer orthodoxen Initiative für syrische Kriegsflüchtlinge in ihrem Land, erklärte vor dem Forum: "Der Daesh ist außerhalb jeglichen Rechts." Jordanien leide unter Finanzkrisen, halte aber seine Grenzen offen. Der kleine Nahost-Staat müsse mit 1,5 Millionen Flüchtlingen zu Rande kommen. Goussous lobte die Kooperation der Kirchen in der Flüchtlingsarbeit. Und sie hob die Meriten des Königshauses hervor: "Der König ist der Kustos für uns alle."

(APA)

Aufgerufen am 10.12.2018 um 02:41 auf https://www.salzburg24.at/news/welt/irakische-filmemacherin-christen-rueckkehrwillig-60264853

Kommentare

Mehr zum Thema