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Josefstadt-Theater heuer mit politischem Stück von Kehlmann

Theaterdirektor Föttinger erlebte bei der PK eine Premiere Salzburg24
Theaterdirektor Föttinger erlebte bei der PK eine Premiere

Mit einer Wiederentdeckung, Gastspielen eines ehemaligen Konkurrenten und einem Bühnenauftritt für eine Uhr bestreitet das Theater in der Josefstadt seine Saison 2016/17, die Direktor Herbert Föttinger am Mittwoch vorstellte. Unter den 14 Produktionen finden sich fünf Uraufführungen, darunter Neues von Peter Turrini, Felix Mitterer und Daniel Kehlmann.

Letzterer war bei der Pressekonferenz via Skype zugeschaltet, für Föttinger eine Premiere: "Ich habe noch nie in meinem Leben geskypt", so der sichtlich gut gelaunte Theaterdirektor. Kehlmann, der "schon oft geskypt hat, aber noch nie vor Publikum", hat für das Theater in der Josefstadt ein Stück "für zwei Menschen und eine Uhr" namens "Heilig Abend" geschrieben, wie der aus London zugeschaltete Bestsellerautor erzählte. "Es ist das erste Mal, dass ich etwas geschrieben habe, das in einem gewissen Sinne ein politisches Stück ist, das auf gesellschaftliche Entwicklungen unserer Tage Bezug nimmt", so Kehlmann, dessen Stück "Der Mentor" im Jahr 2012 ebenfalls von Föttinger zur Uraufführung gebracht wurde. Das neue Bühnenwerk sei "ein Versuch, mich auf die Grundsubstanz des Dramatischen zu konzentrieren". Laut Föttinger handelt es von einem exakt 90 Minuten dauernden Verhör, in dem einer der beiden Protagonisten (Maria Köstlinger und Bernhard Schir) - begleitet von einer allgegenwärtigen Uhr - nur diese Zeitspanne hat, um eine Bombe "zu finden, zu entschärfen oder herauszufinden, ob es diese Bombe überhaupt gibt". Premiere ist am 2. Februar 2017.

Zum Saisonauftakt inszeniert ebenfalls der Hausherr Ödön von Horvaths bisher unbekanntes und erst im Vorjahr von der Wienbibliothek ersteigertes Stück "Niemand" mit u.a. Florian Teichtmeister, Gerti Drassl und Raphael von Bargen (Premiere: 1. September). Bei dem Stück handelt es sich um ein expressionistisches "Mietshausdrama" mit allerlei zwielichtigen Charakteren. Maria Teuchmann vom Sessler-Verlag freute sich über ein "sensationell tolles Stück, ein Frühwerk, das mit sämtlichen Motiven späterer Horvath-Werke ausgestattet ist". Die Josefstadt habe schließlich das Wettrennen um die Uraufführung gewonnen, die deutsche Erstaufführung folgt am Deutschen Theater Berlin im Frühjahr 2017. Föttinger freute sich auf die Herausforderung, das Stück mit seinen 24 Rollen zu stemmen: "Man muss allerdings ein paar Striche machen, denn Horvath verwendet hier noch mehr Worte, um Zustände zu beschreiben."

Der Gedankenwelt von Hedy Lamarr widmet sich Peter Turrini in seinem neuen Monolog "Sieben Sekunden Ewigkeit", den Stephanie Mohr mit Sandra Cervik am 12. Jänner zur Uraufführung bringt. Der Titel spielt dabei auf die Dauer ihres skandalösen Nackt-Auftritts im Film "Ekstase" an, mit dem die junge Wiener Schauspielerin in den 1930er Jahren berühmt wurde, wie Turrini erläuterte. Nach ihrer Emigration wurde sie zur "schönsten Frau der Welt" hochstilisiert. "Eine oberflächliche, auf einer Momentaufnahme basierende Zuschreibung von außen, an der die Schauspielerin ein Leben lang gelitten hat", so Turrini. Erst spät wurde bekannt, dass sie eine wesentliche Technologie als Voraussetzung für den Mobilfunk entwickelt hatte, was erst langsam wirklich gewürdigt werde. Laut Turrini werde es "kein biografisches Stück im engeren Sinne" sein, vielmehr habe er sich "auf eine poetische Form des Erzählens verlegt. Dieses Uferlose, Unvereinbare dieser Person hat mich literarisch herausgefordert."

Die letzte Uraufführung der Saison namens "Galapagos" kommt von Felix Mitterer: Nach "Der Boxer" und "Jägerstätter" nimmt sich der Autor einmal mehr historischer Fakten an, wie er bei der Pressekonferenz erläuterte. "Friedrich Ritter und Dore Strauch wanderten 1929 auf die Galapagos Inseln aus. Ehepartner, Familie sowie die von Wirtschaftskrise und politischer Instabilität erschütterte Heimat lassen die Aussteiger hinter sich", heißt es dazu in den Presseunterlagen. "Auch Familie Wittmer, aus Adenauers Umfeld, will der Zivilisation den Rücken kehren. Mit dem Inselfrieden vorbei ist es, als Baronesse Wagner de Bousquet in Begleitung zweier deutscher Liebhaber auftaucht und sich zur 'Kaiserin von Floreana' ernennt." Premiere der Inszenierung von Stephanie Mohr ist am 16. März. Laut Mitterer "eine unglaublich spannende Geschichte, eine Aussteigergeschichte, in der Menschen vor den furchtbaren Umständen ihrer Umgebung davonlaufen wollen und dann wird alles schlimmer".

Ein Wiedersehen mit dem ehemaligen Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg gibt es in gleich zwei Produktionen: Er inszeniert nicht nur "Harold und Maude" von Colin Higgins in den Kammerspielen anlässlich des 90. Geburtstags von Erni Mangold (Premiere am 26. Jänner), sondern auch Nestroys "Das Mädl aus der Vorstadt" im Haupthaus (Premiere am 1. Dezember).

Schottenberg sei der Wunsch-Regisseur von Erni Mangold gewesen, die mit ihren dann 90 Jahren für die Rolle in "Harold und Maude" laut Föttinger "zwar ein bisschen zu alt ist, eigentlich müsste sie 80 sein, aber wir kriegen das hin". Daraufhin habe man Schottenberg auch gleich eine zweite Regie-Arbeit gegeben, immerhin habe er in den 1970ern am Theater in der Josefstadt als Schauspieler debütiert.

In den Kammerspielen beginnt der Herbst am 8. September mit der Bühnenversion der französischen Culture-Clash-Satire "Monsieur Claude und seine Töchter" von Philippe de Chauveron, die im Vorjahr für volle Kinosäle sorgte. Inszeniert wird die Uraufführung von Folke Braband. Nach Hugo von Hofmannsthals Lustspiel "Der Schwierige" (Regie: Janusz Kica, 6. Oktober) im Haupthaus bringt Werner Sobotka in den Kammerspielen Roger Beans "Winter Wonderettes" zur Europäischen Erstaufführung, laut Föttinger wage man sich damit "erstmals an eine Christmas-Show".

Eine weitere Adaption eines Kinofilms steht am 10. November mit Luchino Viscontis "Die Verdammten" auf dem Programm: Elmar Goerden inszeniert die Geschichte rund um den tragischen Verfall einer einflussreichen Industriellenfamilie vor dem Hintergrund der Machtergreifung Hitlers in Deutschland mit Andrea Jonasson, Maria Köstlinger, Heribert Sasse. "Der Regisseur hält sich dabei sehr eng an die Film-Vorlage", ließ Herbert Föttinger wissen. "Den Charme der Stücke von Yasmina Reza" haben laut dem Direktor die Stücke von Florian Zeller, dessen "Die Kehrseite der Medaille" am 15. Dezember in den Kammerspielen zur Österreichischen Erstaufführung kommt (Regie: Alexandra Liedtke). Ein Projekt von Thorsten Fischer und Herbert Schäfer mit Sona MacDonald kommt am 30. März ebenfalls in die Kammerspiele, lose orientiere man sich derzeit an Callas, "aber es kommen immer wieder neue Ideen dazu", so Föttinger.

Die slowenische Regisseurin Mateja Koleznik beschließt die Saison im Haupthaus am 4. Mai mit Henrik Ibsens "Die Wildente", ihrem Debüt am Haus. Zuletzt feierte sie am Klagenfurter Stadttheater mit ihrer Inszenierung von Ibsens "Nora oder Ein Puppenheim" große Erfolge. "Es ist gut, dass immer mehr Frauen inszenieren, mit den Dichterinnen tun wir uns noch etwas schwerer, werden dieses Thema in den nächsten fünf Jahren aber angehen", versprach Föttinger in diesem Zusammenhang. Den Schlusspunkt in den Kammerspielen setzt man am 18. Mai 2017 mit Fabian Alders Inszenierung von "Arsen und Spitzenhäubchen" anlässlich des 75. Geburtstags von Marianne Nentwich.

Besonders erfreut zeigten sich Föttinger, Stiftungsvorstand Günter Rhomberg und der kaufmännische Geschäftsführer Alexander Götz über die Entwicklung der Besucherzahlen. In der laufenden Saison werde man bis Ende Juni 300.000 Zuschauer bei 680 Vorstellungen in beiden Häusern begrüßt haben, die Auslastung im Haupthaus liegt bei 81 Prozent, in den Kammerspielen bei 97 Prozent. Durchschnittlich sind es für beide Häuser 89 Prozent. 2014/15 habe man ein "knapp positives Ergebnis" verzeichnet, der Eigendeckungsgrad liege bei 41,7 Prozent. Über die laufenden Subventionen "dürfen wir uns nicht beklagen", so Götz, "die Subventionsgeber bemühen sich, höhere Mittel zur Verfügung zu stellen. Bis dahin versuchen wir, mit den vorhandenen Mitteln den Betrieb künstlerisch hochwertig aufrecht zu erhalten."

"Es ist nicht immer so einfach, Geld aufgetrieben, aber ich muss sagen, es gelingt uns gut", zeigte sich Föttinger anlässlich der privat gestemmten Finanzierung der Renovierung der Werkstätten stolz. "Wir müssen nichts von irgendwo in den Randbezirken holen, das ist ein einmaliger, fast paradiesischer Zustand." Die Hälfte der 1,5 Mio. aufgewendeten Euro stamme von einem einzigen Mäzen, die Arbeiten sollen im Sommer stattfinden. Werkstätten zu schließen und auszulagern, empfindet Föttinger als "absolut den falschen Weg", wie er in Anspielung auf die anstehende Schließung der hauseigenen Werkstätten im Volkstheater sagte. "Es ist unverantwortlich, dass Steuergelder damit nach Bulgarien oder Rumänien gebracht werden und dass Fachkräfte ausgetauscht werden mit Leuten, die nichts mit dem Theater zu tun haben. So lange ich Direktor bin, werde ich um jeden Millimeter kämpfen, dass diese Werkstätten nicht verschwinden."

Föttingers Vertrag läuft noch bis 2021. "Langsam gehen mir die Renovierungsideen aus", scherzte der 54-Jährige. "Das müsste dann ein anderes Theater sein, ich habe aber keine Lust, ein anderes Theater zu leiten. Meine Aufgabe ist es halt, die Josefstadt irgendwie anders zu verlassen, als ich 1993 als Schauspieler hier reingekommen bin."

(Quelle: S24)

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