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Manege frei für Heiner Müller bei Wiener Festwochen

Er ist wieder da. Heiner Müller erzählt bei den Wiener Festwochen höchstpersönlich vom Scheitern der Utopien. Im Stück "Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution", das am Montag im Theater an der Wien Premiere feierte, darf der große Dramatiker selbst zu Wort kommen. Schonungslos und doch vergnüglich ist zu erfahren, was aus den großen Ideen und Idealen geworden ist: Sie sind im Zirkus gelandet.

Am Beginn steht zunächst der Aufbruch. Wen das Fernweh plagt, dem bieten die Festwochen heuer wahrlich Abhilfe. Nicht nur Jan Fabres Tour de Force auf den "Mount Olympus", nein, auch Jamaika steht auf dem Programm. Dort soll der "Auftrag" umgesetzt werden. Dessen Regisseure Tom Kühnel und Jürgen Kuttner brauchen jedoch keine 24 Stunden, um vom Ende der Revolution zu erzählen. Es reicht das klassische Format.

Wobei: Von wegen klassisch. Zu vernehmen ist in der Koproduktion des Schauspiels Hannover und der Ruhrfestspiele Recklinghausen nämlich vor allem der 1995 verstorbenen Autor. Zu verdanken ist dies einer Tonbandaufnahme aus dem Jahr 1980. Das Alter hört man ihr übrigens an. Dazu kommt: Heiner Müller liest monoton und ohne Ausdruck. Um den bemühen sich die Schauspieler. Sie bewegen zu den Worten des Meisters ihre Lippen sowie sich selbst.

Das mündet zunächst in einer Art Variete-Spektakel, in deren Mittelpunkt Corinna Harfouch als Weißclown Debuisson agiert. Und weil der Vorleser so gar keine Euphorie verströmt, versucht das marionettenhafte Zirkus-Ensemble umso intensiver, dies mit Gesten, Pantomime, Zauberkunststücken und rasenden Tanzeinlagen weißer Pudel (zum Beispiel) zu kompensieren. Auch Teetasse und Kanne treten in der Manege auf. Die obligatorische Zirkuskapelle fehlt nicht: Das durchgeknallte Theater-Karaoke wird von den "Tentakel von Delphi" begleitet.

Müllers Stück basiert auf Anna Seghers' Erzählung "Das Licht auf dem Galgen". Berichtet wird die Geschichte dreier Abgesandten, die die Französische Revolution nach Jamaika exportieren sollen. Neben Debuisson sind dies Galloudec und Sasportas. Doch statt der Befreiung der Sklaven vom Joch der Briten gibt es eine schlechte Nachricht - für die Botschafter. Denn in ihrer Heimat hat Napoleon für neue politische Verhältnisse gesorgt. Das mit der Revolution, der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit hat sich vorerst erledigt.

Galloudec und Sasportas werden die Fernreise nicht überleben, was in Frankreich allerdings exakt niemanden mehr interessiert. Der Clown Debuisson kommt davon und wird schließlich zum Verräter an den eigenen Werten. Wobei: Vielleicht, so will er nicht ausschließen, sind ja auch Glück und Schönheit erlaubte Ziele. Und überhaupt: "Die Sklaverei ist ein Naturgesetz."

Nur selten sind die Akteure selbst zu vernehmen. So etwa beim Dialog des Mannes im Fahrstuhl, des wohl bekanntesten Elements des Stücks. Corinna Harfouch darf ihn selbst sprechen. Dadurch mutiert die Erzählung vom Verzweifelten, der zum Chef gelangen möchte, um einen wichtigen Auftrag entgegenzunehmen und der versehentlich in Peru landet, zum absoluten Höhepunkt des Abends. Die Melancholie der traurigen Gestalt steht auch in schönem Gegensatz zum vorhergehenden zirzensischen Flitter.

In der zweiten Spielhälfte setzen die Regisseure auf einen Neuzugang - die Handkamera. Sie zeichnet das Geschehen auf der Bühne auf, wobei das Ergebnis auf eine transparente Leinwand zwischen Publikum und improvisiertem Filmstudio projiziert wird. Das Ergebnis ist im wahrsten Sinn des Wortes vielschichtig. So wird etwa ein beeindruckendes "Revolutionstheater" samt live produziertem Animationskino in Szene gesetzt. Den Abschluss bildet Reality-TV mit den Superstars des kommunistischen Weltexperiments.

Für dessen Hauptdarsteller Stalin, Che, Lenin & Co. endet die Geschichte wenig erfreulich. Ihr Dahinscheiden verwundert nicht, denn die Revolution, so weiß man, frisst ihre Kinder - und manchmal auch die Clowns. Nur Heiner Müller war zumindest an diesem Abend überaus lebendig.

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 18.09.2021 um 10:10 auf https://www.salzburg24.at/news/welt/manege-frei-fuer-heiner-mueller-bei-wiener-festwochen-52250020

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