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Melodien statt Namen in indischem Dorf

Die Dorfbewohner haben Melodien statt Namen. APA/AFP/Biju BORO
Die Dorfbewohner haben Melodien statt Namen.

Durch den Dschungel hallt eigentümliches Pfeifen und Zwitschern. Doch es sind keine Vögel, sondern die Bewohner des abgelegenen indischen Dorfes Kongthong, die einander mit Melodien rufen: Hier im nordöstlichen Staat Meghalaya erhält jedes Kind bei der Geburt zusätzlich zum Namen eine unverwechselbare Melodie.

Mit diesen persönlichen Tönen rufen sich die Dorfbewohner dann ein Leben lang - konventionelle Namen werden im Alltag selten verwendet. Dieses Tradition der Ethnie der Khasi ist vermutlich einzigartig auf der Welt. So geht man auf der Hauptstraße des 700-Einwohner-Dorfes durch eine Symphonie aus Pfiffen, Tönen und Gesängen.

"Melodie kommt aus tiefstem Herzen"

Hier eine Mutter, die ihren Sohn nach Hause ruft, dort spielende Kinder - alles in einer ungewöhnlichen, musikalischen Sprache. "Die Komposition der Melodie kommt aus tiefstem Herzen", erklärt die dreifache Mutter Pyndaplin Shabong. "Es drückt meine Freude und Liebe zu meinem Baby aus." Dorfvorsteherin Rothell Khongsit betont: "Wenn mein Sohn etwas verbrochen hat, wenn ich wütend auf ihn bin, dann rufe ich ihn bei seinem eigentlichen Namen."

Kongthong besteht aus Holz- und Wellblechhütten und liegt auf einem schmalen Berggrat im Nirgendwo weitab von der nächsten Stadt. Strom gibt es erst seit 2000, eine unbefestigte Straße seit 2013. Die Haupteinnahmequelle des Dorfes ist Besengras, das die Bewohner im Dschungel schlagen, so dass das Dorf bis auf ein paar Kinder tagsüber fast verlassen ist.

Dorfbewohner verlängern Melodien im Dschungel

Im Dschungel verlängern die Dorfbewohner die individuellen Rufe sogar noch auf etwa 30 Sekunden, inspiriert von den Geräuschen der Natur: "Wir leben umgeben von dichtem Wald, von Hügeln, in Kontakt mit der Natur, mit all den anmutigen Lebewesen, die Gott geschaffen hat", erklärt Dorfvorsteherin Khongsit. "Sie haben ihre eigene Identität, die Vögel, so viele Tiere können sich gegenseitig rufen."

Matriachat im indischen Dschungel

Die als "Jingrwai Lawbei" bezeichnete Tradition bedeutet ungefähr "Lied der ersten Frau des Clans", ein Hinweis auf die mythische Urmutter des Khasi-Volkes. Und tatsächlich nehmen die Khasi-Frauen in der Gemeinschaft einen zentralen Platz ein, was für Indien ungewöhnlich ist: Nach der Hochzeit erhält die Tochter Besitz und Land von ihrer Mutter, der Mann zieht bei seiner Frau ein und nimmt ihren Namen an.

Brauch wohl mehr als 500 Jahre alt

Der Ursprung von "Jingrwai Lawbei" ist nicht bekannt. Nach Angaben der Einheimischen ist der Brauch so alt wie das Dorf, das schon seit 500 Jahren existiert. Doch die Tage der gesungenen Namen könnten gezählt sein, wenn in Kongthong mit Fernsehern und Mobiltelefonen der Fortschritt Einzug hält. Schon jetzt sind einige Namensmelodien von Bollywood-Songs inspiriert. Und immer mehr Jugendliche greifen lieber zum Handy, anstatt ihre Freunde mit Musik zu rufen.

(APA/AFP)

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