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"Poppea" bei Festspielen als Körperkult und Stimmentheater

Freies Spiel der Solisten bei "Poppea" APA
Freies Spiel der Solisten bei "Poppea"

Jan Lauwers hat noch nie eine Oper inszeniert. Am Sonntagabend hat sich dieser Umstand bei den Salzburger Festspielen nur auf dem Papier geändert. Mit "L'incoronazione di Poppea" bespielte der belgische Theatermacher und Performance-Meister das Haus für Mozart mit expressivem Körperkult und delikatem Stimmentheater - ein Monteverdi der physischen Anwesenheit.

Der Bühnenboden ist schräg gestellt und mit einem Gemälde überbordender nackter Körper tapeziert - und Körper sind es auch, die ihn bevölkern. Die Tänzer der Salzburg Experimental Academy of Dance, die Sänger, die Instrumentalisten, alle sind da, lassen den Abend entstehen aus ihrer Präsenz, bleiben im hinteren Bühnenbereich, wenn sie gerade nicht dran sind, spielen nicht vor, sondern schaffen im Jetzt. Auch bei der Arbeit mit seiner Needcompany interessiert sich Lauwers nicht für dramaturgische Genreregeln, stellt Tanz und Text und Ton gleichberechtigt nebeneinander, in einem freien, lose räumlich verorteten Spiel der Kräfte.

Ein freies Spiel der Solisten gestaltet sich auch in dieser "Poppea" in mehrfacher Hinsicht. Denn nicht nur Lauwers verzichtet auf zahlreiche Momente von Regie - auch der musikalische Leiter, Originalklangvorreiter William Christie, zieht sich vom Dirigentenpult zurück und betätigt das Cembalo in der Basso Continuo-Gruppe. Seine Les Arts Florissants hat er in kleiner Besetzung, eigentlich als Improvisationsensemble, in halbniedrige Bühnenausbuchtungen gesetzt. "Und wer dirigiert dann? Die Antwort ist einfach: Die Sänger", sagt er im Programmheft.

Und so werden Sonya Yoncheva, die ihre wollüstige Poppea mit dem üppigen Volumen ihres samtenen Soprans überreich beschenkt und Kate Lindsey, die ihren Nerone als lüsternen, durchgeknallten und gefährlichen Freak anlegt und im Wesen vor allem durch ihren vielschattierten, versatilen Mezzo differenziert zeichnet, zum Anker für so ziemlich alles auf dieser äußerst lebendigen Bühne. Die Tänzer doppeln und unterlaufen und ironisieren die Gesangsrollen, sie überzeichnen das erzählte Geschehen, indem sie leidenschaftlich lieben und blutrünstig morden, sie kommentieren die Musik durch tableaux vivants oder durch schlichten, sprühenden Tanz.

In die Mitte des schrägen Bodens ist eine kleine runde Ebene gesetzt, ein Sockel, auf dem über fast vier Stunden eine einzige Bewegung vollführt wird: eine Drehung, mal schneller, mal langsamer, von verschiedenen Tänzern, die sich im Lauf des Abends abwechseln, mit einem Kuss oder einer Umarmung den Posten übergeben, ihn wieder neu mit Kraft befüllen, deren langsamer Erschöpfung man wieder und wieder Zeuge wird. Es ist der meditative Drehtanz eines Derwischs, aber auch das unbeeindruckt fortschreitende moralische Uhrwerk eines zutiefst unmoralischen Stücks.

Lauwers zeigt keine freche, erotische Spielerei, wie die "Poppea" oft inszeniert wird, sondern ein düsteres, brutales Spiel niedriger Beweggründe und ungerechter Machtstrukturen, er zeigt Sex als Moment der Unterdrückung und Unrecht als Frage der emotionalen Manipulation. Denn darin besteht nicht zuletzt die Meisterschaft Monteverdis: Dass er uns die Bösewichte ans Herz legt, ihnen ein Happy End schenkt mit dem vielleicht süßesten, zartesten Liebesduett der Operngeschichte, während all die Unschuldigen und die Gerechten in die Verbannung oder in den Selbstmord getrieben wurden. Lauwers' Ensemble schreit das Unrecht heraus, stumm und in Slow Motion, um das Liebesspiel an der Bühnenrampe nicht zu stören.

Danach regnete es Applaus für die Sänger - neben Yoncheva und Lindsey wurde Stephanie d'Oustrac als furiose Ottavia bejubelt sowie Ana Quintans als liebevolle, stimmlich überragende Drusilla. Wertvolle Beiträge zu diesem fein austarierten Theater der Stimmen leisteten auch Counter Carlo Vistoli als Ottone und Renato Dolcini als Seneca, auch wenn beide mit dem bunten Bühnentreiben nicht allzu viel anzufangen wussten. Ähnlich erging es offenbar größeren Teilen des Publikums. Von der expressiven, oftmals aber nicht ganz schlüssigen Bebilderung, die viel zum Schauen und Mitdenken bot, aber wenig Beziehungen, wenig Spannung zwischen den Protagonisten zuließ, waren beileibe nicht alle überzeugt - und nach dem Jubel für den musikalischen Part lieferte man sich beim Auftritt von Regisseur Jan Lauwers ein veritables Buh- und Jubelmatch. Geliefert, wie bestellt.

(APA)

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 20.09.2019 um 09:57 auf https://www.salzburg24.at/news/welt/poppea-bei-festspielen-als-koerperkult-und-stimmentheater-41567809

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