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Probeliegen im Sarg: Letztes Grass-Buch vorgestellt

Tochter von Günter Grass las Texte des Verstorbenen Salzburg24
Tochter von Günter Grass las Texte des Verstorbenen

Ganz in Schwarz hat Helene Grass, die Tochter des im April verstorbenen Literaturnobelpreisträgers Günter Grass, am Sonntag das letzte Buch ihres Vaters vorgestellt. Die 40-Jährige las in Göttingen auf der Bühne des Deutschen Theaters erstmals öffentlich aus "Vonne Endlichkait" - das Werk soll im kommenden August erscheinen.

Der Göttinger Germanist und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Heinrich Detering, hatte für Helene Grass die Texte ausgesucht. In seiner Einführung lobte Detering das trotz der ernsten Themen so leicht geschriebene Buch, das an die barocken Werke von Grass wie "Der Butt" oder "Das Treffen in Telgte" anknüpfe. Grass wolle, wie sein Protagonist Martin Opitz im "Butt", eine von Kriegen gequälte Zeit mit einer gemeinsamen Dichtersprache heilen. In "Vonne Endlichkait" gehe es "um die letzten Dinge, um körperlichen Verfall, ums Sterben, auch um die Frage nach Gott", so Detering.

Ebenso drastisch wie grotesk und mit viel Humor beschreibt Grass die eigenen Altersbeschwerden. Im Kapitel "Abschied von restlichen Zähnen" heißt es: "Nie verriet Klappern meinen dentalen Zustand" - dank einer Prothese. An anderer Stelle beschreibt Grass seine Liebe, Pilze zu sammeln und wie die Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 dies lange stoppte. Grass schwelgt von unwiderstehlichen Butterpilzen, deren Duft an leibliche Liebe erinnere.

Die längste Erzählung im Buch heißt "Worin und wo wir liegen werden" und ist mit deftigem Humor gewürzt. Weil der zweite Herzschrittmacher seine Dienste verweigert und die Lunge nach jahrzehntelangem Rauchen kaputt ist, lässt er sich von seinem Tischler für sich und seine Frau Särge liefern. Im Keller gelagert, sollen Plastikplanen Dreck und Fliegenscheiße fernhalten - Grass kommt der DDR-Begriff "Erdmöbel" in den Sinn. Zur Feier des Tages wird mit dem Tischler ein Obstler getrunken. Grass' Frau bekommt in der fiktiven Erzählung vom Tischler ein Säckchen überschüssige Dübel.

"Schon am darauffolgenden Tag legten (...) wir uns in die Kisten", fabuliert Grass. "Wie seltsam, den Atem des anderen zu hören." Und weiter: "Beim Aussteigen war mir meine Frau behilflich." "Später bedauerte ich es, meine Frau nicht gebeten zu haben, von mir ein Foto in der Kiste gemacht zu haben: "Du schaust so zufrieden aus"", sagt sie in der Erzählung. "Sogar die Kinder und Enkel schienen sich an die vorzügliche Maßarbeit zu gewöhnen". In seiner Fantasie lässt Grass seine Frau Gemüse und Blumen im ungenutzten Sarg ziehen.

(Quelle: S24)

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