Jetzt Live
Startseite Welt
Welt

Putin in Wien: Österreich hat als Brückenbauer Anerkennung

Putin hat laut Historiker Karner eine besondere Beziehung zu Österreich. AFP/Grigory Dukor/Archiv
Putin hat laut Historiker Karner eine besondere Beziehung zu Österreich.

Österreich positioniert sich seit langem als Brückenbauer zwischen dem Westen und Russland, was mitunter ein Balanceakt ist. Schon Bruno Kreisky wurde 1960 als Außenminister von Seiten des Westens und der Sowjetunion kritisiert, der jeweils anderen Seite zu nahe zu stehen.

"Der Kritik, der sich damals Kreisky ausgesetzt sah, ist auch die jetzige Bundesregierung ausgesetzt. So erging es auch den Schweden im Kalten Krieg. Dennoch haben sich beide als Brückenbauer Anerkennung verschafft", sagte der Historiker Stefan Karner im Vorfeld des Besuchs des russischen Präsidenten Wladimir Putin am Dienstag in Wien gegenüber der APA. Der Balanceakt entsprach "der langen neutralitätspolitischen Linie" der österreichischen Außenpolitik. "Österreich versucht daran anzuknüpfen, ohne die Solidarität in der EU infrage zu stellen."

Brückenfunktion: Neutralität und geografische Lage

Die Brückenfunktion konnte und kann Österreich aufgrund der Neutralität einnehmen, dazu kam die geografische Lage: "für den Westen weit im Osten gelegen - Wien ist östlicher als Prag -, für den Osten tief im Westen, dennoch immer der westlichen Wertehaltung, dem westlichen Wirtschaftssystem verbunden", erklärte Karner, der gemeinsam mit Alexander Tschubarjan Vorsitzender der Österreichisch-Russischen Historikerkommission ist.

Wirtschaftliche Verflechtungen mit Russland

Der Verweis von Außenministerin Karin Kneissl (FPÖ) auf Österreichs Rolle als Sitz von internationalen Organisationen wie der UNO und der Tradition als Ort der Zusammenkunft wie dem Gipfel zwischen dem damaligen Kreml-Chef Nikita Chruschtschow und Ex-US-Präsident John F. Kennedy 1961 als Begründung für das Verhalten Wiens in der Skripal-Affäre findet Karner "im Wesentlichen okay". Dazu komme das "nicht unbedeutende" Wirtschaftsgeflecht zwischen Russland und Österreich, "vor allem strategisch. Es wäre töricht, Russland im internationalen Kräftespiel nicht entsprechend zu beachten. Bei Vorverurteilungen, zumal in so delikatem Umfeld ist doppelte Vorsicht geboten", meinte der Universitätsprofessor sowie Gründer und langjährige Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung.

Als Gipfelort kam 1961 nur ein neutraler Boden infrage, berichtete Karner weiter. "Die Sowjets schlugen Stockholm oder Wien vor. Nach Schweden wären die Amerikaner damals nicht gegangen. Nach Helsinki wohl auch nicht." Österreich sei "wegen seiner neutralen Politik für beide Seiten akzeptabel" gewesen. "Eben der Brückenbauer."

"Kennedy war neu im Amt. Viele rieten ihm vom Gipfel ab: er und die USA könnten ihr Gesicht verlieren. Chruschtschow noch eine Nummer zu groß für den unerfahrenen, jungen Präsidenten." Weltpolitisch stand damals viel auf dem Spiel: "Chruschtschow drohte die Berlin-Frage einseitig zu lösen, zündelte unentwegt. Dazu Indochina, Laos, Afrika und die atomare Hochrüstung, die es abzubauen galt."

"Wien machte die Welt weder besser noch schlechter"

Der Gipfel brachte keinen großen Wurf: "Wien machte die Welt weder besser noch schlechter", erzählte Karner. "Aber man kann durchaus mutmaßen, ob Berlin oder Kuba 1962 eskalieren hätte können, hätte man sich nicht auch persönlich gekannt. Die direkte Kommunikation, die man in Wien vereinbart hatte, sollte sich bald bewähren und Schlimmes verhindern. Schon im Jahr darauf, in Kuba, als die Welt vor einem Atomkrieg stand."

Putin in Wien: Große Erwartungen

Vom Besuch Putins in Wien erwartete Karner "sehr viel": "Vor allem wirtschaftlich die Aufhebung russischer Beschränkungen für österreichische Handelswaren. Der Besuch wird genau beobachtet werden", sagte er.

Putins erster Staatsbesuch ins weiter entfernte Ausland führte ihn im Februar 2001 nach Österreich. "Putin hat unser Land bei verschiedenen Gelegenheiten kennengelernt, privat und dienstlich, noch bevor er Präsident wurde", sagte Karner. "Er kennt und schätzt unsere Mentalität, unsere Kultur, hat in Österreich etliche Freunde. Strategisch kann er unsere neutrale Position ausnützen, bei wirtschaftlichen Projekten und außenpolitisch".

Putin hat besondere Beziehung zu Österreich

Karner bejahte die Frage, ob Putin eine besondere Beziehung zu Österreich habe. "Ebenso wie auch zu Deutschland. So wie ich ihn zweimal anfangs der 2000er-Jahre, als er noch jung im Amt war, persönlich erlebt habe, war er ein 'Deutscher' im Kreml. Nicht nur, dass er sehr gut deutsch spricht, nein, er wollte eine starke Achse Moskau - Zentraleuropa, Russland - EU. Strategisch als Gegengewicht zu den USA und zu China."

Die EU habe Putin "immer wieder die Tür vor der Nase zugeschlagen", meinte Karner. "Die langsame Hinwendung zu China war meines Erachtens kein primäres Ziel von ihm. Eher als Drohung gegenüber Brüssel gedacht."

Beziehungen zwischen Österreich und Russland "konstruktiv"

Die Beziehungen zwischen Österreich und Russland bezeichnete Karner als "konstruktiv, getragen von Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung". Die russisch-österreichische Historikerkommission hatte vor kurzem das Buch "Österreich - Russland. Stationen gemeinsamer Geschichte" vorgestellt, das von russischen und österreichischen Autoren gemeinsam verfasst worden war.

Bei der Entstehung des Buches waren auch Kompromisse nötig, berichtete Karner. "Da ging es um Details, um Übersetzungsfragen, um einzelne Formulierungen, etwa in der Kriegsschuldfrage des Ersten Weltkrieges, in den Formulierungen zur Roten Armee in Österreich, zur sowjetischen Besatzungspolitik zwischen 1945 und 1955." Die gemeinsam gefundenen Formulierungen zeugten "von einer hohen wissenschaftlichen Gesprächskultur und dem Willen auf beiden Seiten, auch eigene, festgefahrene Positionen infrage zu stellen. Dies zeichnet das Buch, neben vielem Anderen, wirklich aus".

(APA)

Aufgerufen am 13.12.2018 um 11:23 auf https://www.salzburg24.at/news/welt/putin-in-wien-oesterreich-hat-als-brueckenbauer-anerkennung-58424779

Kommentare

Mehr zum Thema